01.09.2009

Von: Henning Paulmann

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Universität | Schule | Ausbildung | Demographie | Arbeit
Die Arbeitswelt von morgen

Ausbildung im Jahr 2025

Zukünftig wird in anderen Kontinenten der Welt die Bevölkerung wachsen, aber nicht in Europa und insbesondere nicht in Deutschland. Der demographische Wandel wirkt dabei unmittelbar auf die Erwerbstätigenstruktur und hat gravierende Auswirkungen auf das berufliche Bildungssystem. Forscher der Prognos AG entwickelten hierfür zukunftsweisende Szenarien.

Der fortschreitende wirtschaftliche Strukturwandel prägt die beruflichen Bildung und eine Arbeitswelt von morgen, in der immer mehr Menschen in so genannten Dienstleistungsberufen tätig und kaum noch mit der Herstellung von Waren beschäftigt sind. In einer globalisierten Welt werden interkulturelle Kompetenzen immer wichtiger: Nur, wer die Welt kennt, hat künftig eine Chance, in ihr sein Auskommen zu finden. Jugendliche werden deshalb immer häufiger ihr Heimatland vorübergehend verlassen, um im Ausland wichtige Erfahrungen zu sammeln.

Kleiner - schneller - älter

In ein paar Jahren wird es deutlich mehr ältere Menschen geben als heute (Foto: Sinan Mucur/pixelio.de)

Die demographische Entwicklung wird dafür sorgen, dass es in einer insgesamt viel kleineren deutschen Bevölkerung deutlich mehr alte Menschen geben wird als heute – und sehr viel weniger junge. Wenn der Wohlstand erhalten bleiben soll, werden diese Wenigen viel mehr leisten müssen. Die Welt wird immer technischer und immer schneller, das übt schon heute einen ungeheuren Leistungsdruck aus. Nur wer mit ständiger Aus- und Weiterbildung Schritt halten kann, hat die Aussicht auf berufliches Weiterkommen.

Der Staat will den Blick "in die Glaskugel"

In einer aktuellen Studie der Prognos AG im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung waren diese allgemeinen Trends die Grundlage, Auswirkungen von demographischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung genauer zu untersuchen. Ein wichtiges Ziel war es, Szenarien des Berufsbildungsmarktes im Zeitraum 2016 - 2025 für Deutschland zu skizzieren.

Ergänzend zu den allgemeinen Trends unterstellten die Forscher in ihrer Studie für „Deutschland im Jahre 2025“ Folgendes:

- die Wirtschaftsleistung, gemessen am BIP zwischen 1,2% und 1,4% steigt weiter an, bleibt aber ohne große Dynamik;
- die Zahl der Erwerbspersonen geht auf rund 40,9 Millionen zurück;
- die Arbeitslosenquote sinkt auf etwa 6,9%;
- dem Ausbildungsmarkt stehen weniger junge Leute zur Verfügung als je zuvor.

Was wäre, wenn … ?

Durch weniger Jugendliche würde zwangsweise auch die Anzahl an Ausbildungsplätzen zurückgehen (Foto: www.JenaFoto24.de/pixelio.de)

Mithilfe von Trendanalysen und Befragungen entwickelten die Forscher verschiedene Szenarien:

Was ist, wenn es tatsächlich mehr Ausbildungsbedarf als geeignete Bewerber gibt?

Was wird geschehen, wenn es sich umgekehrt verhalten sollte?

Und was geschieht eigentlich, wenn im Jahre 2025 das Angebot und die Nachfrage beruflicher Bildung in einem ausgewogenen Verhältnis stehen sollten?

Klar ist: Wenn immer weniger Kinder und Jugendliche in das berufliche Ausbildungssystem hineinwachsen, geht die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen zurück. Der Nachfrageüberhang von heute, der längst nicht allen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anbietet, würde bis 2025 abgebaut und die Ausbildungsplatzlücke somit geschlossen. Mit der fortschreitenden Globalisierung eröffnen sich für Jugendlichen mit guten Fremdsprachenkenntnissen jedoch ganz neue Ausbildungsmärkte im europäischen Umland. Die internationale Mobilität steigt. Ein Wettbewerb der Berufsausbilder um die besten jungen Köpfe beginnt.

Sinkende Ausbildungs- und Übernahmequoten

Die wirtschaftliche Dynamik reicht nicht aus, um das Ausbildungsengagement der Betriebe nachhaltig zu steigern. Da das Wirtschaftswachstum auch unmittelbar mit der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze verknüpft ist, sinken neben den Ausbildungs- auch die Übernahmequoten. Ausbildung im Jahr 2025 bedeutet hier für die Unternehmen eine hohe finanzielle Belastung, die sie immer seltener zu stemmen bereit sein werden. Deshalb gehen die Unternehmen dazu über, vorhandene Personalressourcen besser zu nutzen als bisher, z.B. durch eine altersgerechte Personalpolitik. Es werden zunehmend Wege gesucht, ausgezeichnete ältere Fachleute zum Wohle der Betriebe zu erhalten.

Hochschulausbildung und vollzeitschulische Bildungsgänge gewinnen an Bedeutung

Auch die Ausbildung in Schulen soll verbessert werden (Foto:Dieter Schütz/pixelio.de)

Qualitative Verbesserungen in der Schulausbildung sorgen dafür, dass sich der Anteil von Jugendlichen mit Hochschulzugangsberechtigung weiter erhöht. Allerdings sind die dualen Berufsausbildungsmöglichkeiten für diese Gruppe gut qualifizierter Schulabsolventen im Vergleich zu Studienangeboten weniger attraktiv. Die Übergangsquoten an Hochschulen steigen.

Schulische Ausbildungen in Vollzeit ohne die Beteiligung von klassischen Ausbildungsbetrieben werden zunehmend akzeptiert und bestehen gleichwertig neben den betrieblichen Ausbildungsangeboten. Sie ergänzen damit fehlende betriebliche Ausbildungsplätze.

Nach wie vor die Verlierer: Jugendliche mit Migrationshintergrund

Im Szenario können die im Übergangssystem (z.B. außerbetriebliche Ausbildung, Berufsvorbereitungsmaßnahmen) vermittelten Qualifikationen von den Jugendlichen nicht mehr verwertet werden. Die Anforderungen des Arbeitsmarktes sind dafür mittlerweile zu hoch. In der Konsequenz verliert das Übergangssystem insgesamt an Bedeutung, und die berufliche Ausbildung flexibilisiert sich zusehends. D.h.: berufliche Ausbildungen werden in einzelne, modulare Abschnitte zerlegt und Teilqualifikationen (z.B. Kenntnisse der Warenpräsentation bei angehenden Kaufleuten im Einzelhandel) flexibel miteinander kombiniert, wodurch sich insbesondere für gering qualifizierte Jugendliche der Einstieg in das Erwerbsleben deutlich verbessert. Allerdings mit Einschränkungen: Die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zählt auch 2025 eher zu den "Bildungsverlierern". Die Strukturveränderungen betreffen zwar die Breite aller Jugendlichen, aber die Gruppe der Migranten wird hiervon nicht profitieren können, weil sprachliche und kulturelle Hindernisse ihre Integration auch in der Zukunft immer noch erschweren.

Was die Forscher für die Zukunft raten

In der Ausbildung soll die berufliche Mobilität der Jugendlichen verbessert werden (Foto: Niko Korte/pixelio.de)

Die Forscher sprechen sich in ihren Empfehlungen z. B. dafür aus, die Hochschulen für beruflich erworbene Kompetenzen stärker zu öffnen als bisher und eine Anerkennung solcher Kompetenzen weiter voran zu treiben. Qualifikationen, die in einer Berufsausbildung erworben wurden, sollten in einem späteren Studium nicht noch einmal angeeignet werden müssen. Das spart Qualifikations- und Lebenszeit und verhilft jungen Menschen dazu, schneller als bisher aktiv ins Erwerbsleben einzusteigen.
Darüber hinaus gilt: Die berufliche Mobilität der Jugendlichen sollte weiter verbessert werden, denn der demographische Wandel wird sich regional sehr unterschiedlich auswirken - ebenso der Mangel an Fachkräften in unterschiedlichen Branchen.
Hierzu empfehlen die Forscher, Angebote und Strukturen für Jugendliche aufzubauen, mit denen Umzüge in fremde Umgebungen leichter umgesetzt werden können als bisher.
Zum Beispiel durch den Aufbau regionaler Beratungszentren beruflicher Mobilität, in denen sich Jugendliche umfassend informieren können.

Frei werdende Mittel des Staates in die Ausbildungsqualität investieren

Rückläufige Schülerzahlen und eine insgesamt rückläufige Bildungsbevölkerung werden dazu führen, dass umfangreiche Mittel der öffentlichen Hand nicht mehr für die berufliche Bildung aufgewendet werden. Zum Beispiel in der Finanzierung von Ausbildungsstrukturprogrammen.

Gleichzeitig müssen die jungen Leute immer häufiger auf kostenpflichtige Angebote beruflicher Ausbildung und weiterer Qualifizierungen im Erwerbsverlauf zurückgreifen, um eine hochwertige Ausbildung zu erhalten. Daher plädieren die Forscher für die Entwicklung neuer Instrumente zur Finanzierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Die öffentliche Hand sollte frei werdende Mittel  zur Sicherung der Qualität und Modernität der beruflichen Ausbildung investieren. Auszubildende und Fachkräfte sollten in die Lage versetzt werden, ihre Aus- und Weiterbildungsbeteiligung zu erhöhen, z.B. durch die Einführung von Bildungskonten auf denen der Staat eine Ersteinlage tätigt.

In diesem Ausblick ist allerdings fraglich, ob Deutschland vor dem Hintergrund der globalen Finanzmarktkrise und Rekordverschuldung tatsächlich frei werdende Mittel aufwenden kann um die Ausbildungsqualität weiter zu verbessern. Wahrscheinlicher ist, dass qualifizierte Bildung  - mehr noch denn je - zu einer persönlichen Angelegenheit wird in der jeder Einzelne finanziell, inhaltlich und räumlich Verantwortung übernehmen muss für seinen Bildungsstand und seine Erwerbsmöglichkeiten. HP