Von: VF

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Geschichte | Vergangenheit | Spanien
Dunkle Schatten

Vergangenheitsbewältigung in Spanien

Gräber und Särge findet man auf dem Friedhof in Málaga nicht mehr (Foto: Kathrin Frischemeyer/pixelio.de)

Um acht Uhr morgens färbt sich der Himmel über dem Friedhof San Rafael in Málaga in ein grelles Blau. Die hochgewachsenen Zypressen heben sich tiefschwarz vor dem hellen Hintergrund ab. Trotz der frühen Stunde klingt blecherne Radiomusik auf dem Gelände, manchmal übertönt von Stimmen. Ich stehe vor einem eisernen Eingangstor, das mit einer Kette und einem einfachen Schloss verriegelt ist. Ein verschlafener Wachmann öffnet mir widerwillig das Tor. Rechts und links am Rand eines Wegs, der quer über den Friedhof führt, türmen sich mannshohe Steinhaufen. Gräber gibt es hier schon lange keine mehr, nur noch Löcher und Berge von Schutt. Und viele Tote. Mehr als 2000 liegen unter dem steinigen Boden. Weitere 2400 sind in Kisten verpackt und in Baubungalows verstaut. Auf dem Gelände des Friedhofs San Rafael liegt die größte Ansammlung von Massengräbern aus dem spanischen Bürgerkrieg und der Nachkriegszeit. 4500 Menschen liegen hier begraben.

Skelette in der Grube

Es sind Archäologen, die so früh in der Ruhestätte für Unruhe sorgen. Sie knien in einer langen und schmalen Grube, die voller weiß leuchtender Skelette ist. Sauber aneinandergereiht liegen sie da. Es ist eine junge Mannschaft, kaum einer ist über dreißig. Sie lachen viel, zwei unterhalten sich über den neuen Kinofilm „Gomorra“ und darüber, was sie am nächsten Wochenende machen, während der eine mit einem Messer Erde aus den Augenhöhlen eines Schädels kratzt und der andere die Hüfte eines Skeletts freilegt. „Schau, sie ist ganz“, sagt er und hält den schmalen Knochen in die Luft. José Fernández, der Ausgrabungsleiter, drückt mir ein Messer in die Hand und führt mich zu einem der Skelette. „Jose Lu, zeig ihr, auf was sie achten muss“, sagt er und holt eine Holzkiste, auf deren Deckel in einer Ecke klein eine 79 aufgemalt ist. „Es ist der 79. Körper in diesem Massengrab“, sagt José Luis, der älteste unter den sieben Archäologen und der mit der meisten Erfahrung. „Es ist das neunte, neun haben wir noch vor uns.“

Ein kleines Loch im Schädel

Tausende Menschen liegen in den Massengräbern begraben (Foto: Günter Havlena/pixelio.de)

Das Skelett, das ich ausgraben soll, ist etwa zur Hälfte in die dunkelbraune Erde eingebettet. Es fehlt nichts, nur der Schädel ist auf der linken Seite etwas eingedrückt und auf der rechten Seite des Kopfs ist ein kleines Loch. „Das war ein Gnadenschuss“, sagt José Luis, der meinen Blick verfolgt hat. „Der Mann war noch nicht tot, als sie ihn in das Loch geworfen haben.“ Die Hände liegen in der Körpermitte, die Arme sind seltsam nach außen gebogen. Mit einem braunen Strick sind die Handgelenke zusammengebunden. José Luis sticht mit einer Kelle in zehn Zentimetern Abstand zum Fuß in den Boden. Die harte und trockene Erde zerbröckelt und gibt die Knochen frei. Vorsichtig legt er jeden einzelnen in die Kiste. „Pass auf, genau unter dem Körper liegt das Bein von einem anderen Mann,“ sagt er und reicht mir die Kelle. Ich knie mich auf den Boden und steche vorsichtig die Erde ab, um den Unterschenkel freizulegen. Schon nach wenigen Minuten schmerzt mein Rücken. Die letzte Erdschicht schabe ich mit dem Messer vom Knochen ab. Es quietscht ein bisschen. Als ich den Schenkel herausnehme, schimmert es weiß in der Erde. Es ist der Fuß des darunterliegenden Körpers, nur ein paar Zehen schauen heraus.

Ein hübscher Park - auf Massengräbern?

Mittlerweile ist es hell geworden über dem Friedhof. Der Himmel ist tiefblau, die Hochhäuser des Arbeiterviertels Carretera de Cádiz ragen hoch hinter der zerfallenen Friedhofsmauer hervor. Harte Diskorhythmen röhren jetzt aus dem sandverschmierten Radio. Am Rand der Grube taucht José Fernández auf, neben ihm steht ein kleiner älterer Herr. Er trägt einen Dreiteiler, sein grauer Schnurrbart ist sauber rasiert. Es ist José Dorado, der Präsident der Opfervereinigung Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica in Málaga. Wäre er nicht gewesen, würden heute die Kinder der umliegenden Hochhaussiedlung auf dem Gelände spielen. Die Stadt wollte einen Park auf dem Friedhof errichten, inklusive Kinderspielplatz. Alle Gräber wurden ausgehoben und in den neuen Friedhof gebracht, weit außerhalb der Stadt. Nur die Gruben mit den Toten aus dem Bürgerkrieg und aus der Franco-Diktatur sollten liegen bleiben. Menschen wie José Dorado haben den Ermittlungsrichter Baltazar Garzón dazu gebracht, seinen Gesetzesvorstoß zu machen, der die Exhumierung der Massengräber erleichtern soll. „Als ich vor sechs Jahren an Allerheiligen wie jedes Jahr auf dem Friedhof eine Kerze anzünden wollte, war das Tor verschlossen“, erinnert sich José Dorado. Sein Vater liegt in einem der Massengräber. Dahinter sah er Bulldozer und Berge von Bauschutt. „Ich bat den Wachmann mich hereinzulassen, aber der sagte nur, das ginge nicht, das sei eine Baustelle.“ Dorado rief sofort im Rathaus an und erfuhr von den Plänen, auf dem ehemaligen Friedhofsgelände einen Park zu bauen. Von den Massengräbern wollte niemand etwas wissen.

Wann das Radio schweigen muss

Archäologen exhumieren die Toten aus 18 Massengräbern (Foto: Kerstin Nimmerrichter/pixelio.de)

Die Tanzmusik scheppert immer noch aus dem kleinen Transistorradio. José Dorado scheint sie nicht zu stören. „Wir sind hier wie eine große Familie“, sagt der grauhaarige Mann. Jeden Tag schaut er auf dem Friedhof vorbei, beobachtet, wie die Archäologen die Knochen freilegen, plaudert mit José Fernández. Heute wartet er auch auf eine Dame aus Córdoba. Ihr Bruder ist in einem der 18 Massengräber verscharrt. Sie ist eines der rund 250 Mitglieder der Opfervereinigung. Dorado informiert José Luis über den Besuch und der weiß, das Radio muss dann ausgeschalten sein. Es ist nicht das erste Mal, dass die Frau kommt. Jedes Mal, wenn sie die Gruben und die Skelette sieht, bricht sie in Tränen aus.

Wunden, die nicht verheilen

Die sechs Männer und die Frau sind mit den letzten Tönen des Radios verstummt. Mittlerweile bin ich beim Kopf von Skelett Nummer 79 angelangt. Die Hüfte ist in tausend Teile zerbrochen, als ich sie endlich von der Erde befreit hatte. Ich schaue verzweifelt in die Runde, keiner beachtet mich, alle sind konzentriert über ihr Skelett gebeugt. „Das ist normal“, beruhigt mich José Luis, als er meinen hochroten Kopf bemerkt. „Auf die Leichenberge haben sie Ätzkalk geworfen, um Verwesungsgeruch und Epidemien zu vermeiden. Richtig brüchig haben die Knochen aber erst die Betonschichten gemacht, die die Totengräber des späteren Friedhofs über die Gruben schütteten.“ Dann ist es wieder ganz still in der Grube und ich konzentriere mich wie die anderen auf die Knochen. Plötzlich ist ein leises Schluchzen zu hören. José Dorado ist gemeinsam mit der Frau an den Grubenrand getreten. Sie ist sehr klein und sehr dünn. Unter ihrem knielangen Rock schauen zwei schmale Beine hervor, die schneeweißen Haare trägt sie kurz. Dorado legt den Arm um ihre schmalen (schmächtigen) Schultern. Ich beuge mich wieder über das Skelett. Die Schädeldecke von 79 zerbricht unter meinen Fingern. Ich schaue zu José Luis, er nickt mir nur zu und hilft mir dann, die Teile in die Kiste zu betten. Noch ein paar Minuten steht die Frau, jetzt stumm, über dem Massengrab. Dann verschwindet sie lautlos.

Späte Würde – ohne Rache und Schuldzuweisung

Wenn das Mausoleum errichtet ist, kann der Park kommen (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

„Wir haben es nur deshalb geschafft, dass die Gräber ausgehoben werden, weil wir sehr diplomatisch vorgegangen sind“, erzählt José Dorado später. In keinem Moment hätten er oder der frühere Präsident Paco Espinosa Rachegefühle gehegt. „Es ging uns nie darum, jemandem die Schuld zu geben. Wir wollen einfach nur, dass unsere Angehörigen eine würdige letzte Stätte bekommen.“ Anfang des nächsten Jahres wird in einer Ecke des Geländes ein Mausoleum entstehen. Alle 4500 Kisten sollen dort untergebracht werden. Wenn alle Körper ausgehoben sind, soll der Stadtpark kommen.

Der Park lässt noch auf sich warten

Soweit ist es aber noch lange nicht. „Wir haben gerade einmal die Hälfte der Körper freigelegt, die hier vergraben liegen“, sagt José Fernández. Alle sechs Monate muss das Konsortium aus Stadt, Land und Universität den Etat für die Ausgrabungen, den die Opfervereinigung verwaltet, neu bewilligen. Bisher gab es noch keine Unterbrechung bei den Ausgrabungsarbeiten. Die Sonne steht jetzt auf dem Zenit. Das Weiß der Knochen sticht in den Augen. Das Radio haben die jüngeren Archäologen wieder angemacht. Neben mir steht eine Kiste mit der Aufschrift 80. Sie ist für den Mann, der neben Nummer 79 liegt.

[VF]