Italien und die entrümpelte Hymne

- Carlo Azeglio Ciampi hat den Auftrag zur Entrümpelung der italienischen Nationalhymne gegeben (Foto: Presidenza della Repubblica)
Die Italiener haben es ihrem früheren Präsidenten Ciampi zu verdanken, dass ihre "provisorische" Nationalhymne bereinigt und zu einer echten demokratischen Hymne wurde. Es war ein langer Weg: Den Auftrag zur "Entrümpelung" der 1847 entstandenen italienischen Nationalhymne hatte der ehemalige Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi gegeben; und er hatte zur "Wiedergeburt" des Liedes "Fratelli d'Italia" zwei die Italiener besonders bewegende Daten im Hinterkopf: Den 120. Todestag des italienischen Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi und den Jahrestag der Volksabstimmung über die Begründung der Nachkriegsrepublik vom 2. Juni 1946. Und dann war es soweit: Vor 2.000 Gästen, die vom Staatspräsidenten zu einem "republikanischen Fest" nach Rom eingeladen worden waren, erklang die Hymne - "L'Inno Nazionale" - erstmals offiziell in "gereinigter Fassung", gespielt und gesungen von Orchester und Chor der "Accademia nazionale di Santa Cecilia" unter der Stabführung von Armando Trovajoli.
Der nationalistische Text wurde entschärft
Entschärft wurden Passagen eines übersteigerten Nationalismus. Der Text aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist nicht nur mit vorsichtiger Hand der Sprache des 21. Jahrhunderts angepasst, moderater gefasst sind auch kleinere Passagen eines übersteigerten Nationalismus - wie er zu Beginn des Freiheits- und Einigungskampfes der Italiener zwischen 1840 und 1860 gang und gäbe war. Denn das Lied "Fratelli d'Italia", im November 1847 von dem 21 Jahre alten Genueser Goffredo Mameli verfasst, entstand vor dem Hintergrund der wankenden Habsburger Herrschaft in Lombardo-Venetien. Mameli schrieb es als republikanisches Kampflied. Es sollte Ansporn sein, die seit dem Wiener Kongreß "unter Fremdherrschaft lebenden Brüder" zu befreien und Italien zu einigen.
Verdis Vertonung fand bei den Landleuten keinen Anklang

- Einst hat auch Guiseppe Verdi die Nationalhymne vertont (Foto: commons.wikimedia.de/National Gallery of Modern Art, gemeinfrei)
Den Text hatte ein anderer Genueser, der Komponist Michele Novara, vertont. Das Lied, zunächst bescheiden "Canto degli Italiani" genannt - Verdi vertonte es auch, blieb damit aber bei seinen Landsleuten erfolglos - begleitete die Verfechter des "Risorgimento" bis hin zur Gründung des italienischen Einheitsstaates im Jahre 1860. Es "litt" - wie die Italiener heute sagen - unter Mussolinis Faschismus, es wurde schließlich schon 1946 vom ersten Nachkriegs-Ministerpräsidenten, dem Christdemokraten Giambattista de Gasperi, offiziell zur neuen "provisorischen" Nationalhymne erklärt. Das war, nachdem sich die Italiener am 2. Juni 1946 in einer Volksabstimmung mit 54,3 Prozent der Stimmen für die Republik und gegen die Monarchie entschieden hatten, und noch bevor am 1. Januar 1948 die neue republikanische Verfassung in Kraft trat.
Junge leute bevorzugen die Gospel-Fassung
Heute brauchen die Italiener, wie es in der Urfassung der Hymne beschworen wird, ihre Landsleute nicht mehr von einer Fremdherrschaft zu befreien, das Land ist - trotz Umberto Bossi und der separatistischen Lega Nord, die den Gefangenenchor aus Nabucco bevorzugt - leidlich geeint, niemand mehr braucht mehr zum Ruhme und zur Ehre des Landes den Tod zu riskieren. Aus diesem Grunde hatte Staatspräsident Ciampi die "Entrümpelung" forciert. Der Gedanke kam ihm, als Stardirigent Muti "Fratelli d'Italia" im Dezember 1999 bei einem Festakt in der Mailänder Scala spielte. Wobei sich inzwischen herausgeschält hat, dass viele italiener - vor allem junge Leute - jene Version bevorzugen, die von der beliebten Sängerin Elisa kreiert worden ist. Sie hat die Nationalhymne als Gospel präsentiert. Aber dies zeigt nur, dass die Italiener mit ihren nationalen Symbolen auch locker, unverkrampft umgehen. Was allerdings einem Ausländer nicht erlaubt wird. Bösen Ärger über Wochen hinweg handelte sich vor wenigen Jahren der sonst so beliebte ehemalige deutsche Ferrari-Pilot Michael Schumacher ein, als er auf dem Siegerpodest die Hymne albern dirigierend begleitete.
[KS]









