Sonntag, 18. Oktober 2009

Von: Klaus J. Schwehn

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Friedenspreis für Claudio Magris

Ein Europäer aus Triest

Schon die Namen und Nationalitäten deuten darauf hin, welch europäischer Schmelztiegel sich dahinter verbirgt. Hier ist im Jahr 1939 der (italienische) Schriftsteller Claudio Magris geboren worden, hier lebt er noch heute, hier hat er seine Grenzerfahrungen zu Papier gebracht. Oder, wie es der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ausgedrückt hat: Magris, mit den Erfahrungen eines in Triest geborenen Literaten, „erzählt von der Vielfalt der Systeme und Sprachen Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen – als streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken“. Das alles war der Grund, ihm den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahr 2009 zu verleihen; und es gibt nicht wenige, die meinen, er sei endlich auch reif für den Literatur-Nobelpreis.
Claudio Magris lebt bis heute in Triest (Foto: M. Kubik)

Das Leben und die Arbeiten von Claudio Magris sind auf das Engste verzahnt  mit seiner Heimat und den Schicksalen an den Scheidelinien von Österreich/Ungarn, Italien und dem ehemaligen Jugoslawien, dem Balkan also. Von 1382 bis 1918 gehörte Triest zu Österreich-Ungarn und war dessen bedeutendster Hafen sowie Hauptstadt des Kronlandes „Österreichisches Küstenland“. Im Ersten Weltkrieg waren Stadt und Provinz Hauptziel italienischer Angriffe, die unter dem Titel „Die blutigen Schlachten von Isonzo“ bis heute tief im Bewusstsein geblieben sind.

Ewiges Miteinander - und Gegeneinander

Im Frieden von St. Germain von 1919 wurde Triest Italien zugesprochen. Das aber änderte sich wieder nach dem Zweiten Weltkrieg: Auf der Basis des Friedensvertrags von Paris (1947) sollte der Raum Triest ein neutrales und entmilitarisiertes Territorium unter UN-Verwaltung werden. Der Plan scheiterte an den Auseinandersetzungen zwischen den Besatzungsmächten USA und Großbritannien auf der einen Seite sowie Jugoslawien auf der anderen. Auch hier kam unnachgiebig der Ost-West-Konflikt zum Tragen. 1954 schließlich, Magris, war 15 Jahre alt, wurde das entmilitarisierte Gebiet geteilt: Die Stadt Triest und die westliche Zone der Provinz wurden Italien zugeschlagen, Jugoslawien behielt den Rest. Mit anderen Worten, Triest/Trieste/Trst war bis ins 21. Jahrhundert ein Ort des Miteinander und zugleich des scharfen Gegeneinander von Kulturen, Sprachen, Ethnien und Religionen.

Magris - ein Europa-Träumer in der Politik ...

Triest - Schmelztegel europäischer Kulturen (Foto: Oliver Weber/pixelio.de)

Und genau dies ist der Boden, aus dem Magris schöpft. Triest, heißt es, ist sein „Schicksalsort“; das Gemisch der Völker und Kulturen in dieser Stadt an der Adria hat ihn geprägt. Er selbst nennt Triest einen zentralen Ort der mitteleuropäischen Kultur – und zugleich deren Dekadenz. Von hier aus hat er auch immer seinen europäischen Traum gelebt: „Ich träume von einem europäischen Staat“, sagte er  im Jahr 2008, als er von dem ehemaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer in Frankfurt mit dem Hallstein-Preis ausgezeichnet wurde. Und weil er sich immer wieder leidenschaftlich auch in politische Debatten einmischt, ging er in den 90er Jahren in Italien auch in die politische Arena. Er gehörte für zwei Jahre – parteilos - dem römischen Senat an, der zweiten Kammer im italienischen parlamentarischen System.

... an der schönen blauen Donau

Mit Deutschland, genauer, mit der deutschen Sprache, ist Claudio Magris eng verbunden: Seit 1978 lehrt er in seiner Heimatstadt deutsche Literatur. Er hat die Übersetzung von Werken deutschsprachiger Autoren, beispielsweise von Arthur Schnitzler oder Joseph Roth,  ins Italienische betreut, er gehört unter anderem der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an. Sein Buch „Die Welt en gros und en detail“ erhielt 1997 den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis. In seinem Heimatland am weitesten verbreitet ist hingegen das Buch, mit dem er 1986 den internationalen Durchbruch erzielt hatte. Es ist „Danubio“ – „Donau“, das eine Reise entlang dieses Stroms durch die verschiedenen Kulturlandschaften an seinen Ufern unternimmt. Das Thema war vor mehr als 20 Jahren sein Programm – und so ist es geblieben.

[KJS]