Dienstag, 01. Dezember 2009


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Hochschulen | Bildung | Bologna | Streik | Universitäten
Bachelor: eine Sackgasse?

Streikwelle an deutschen Universitäten

(Foto: Rafael Michalczuk)

Die Situation an den deutschen Universitäten gleicht einem Ausnahmezustand, so zumindest erscheint es dem nicht beteiligten Betrachter, der „fern“-sieht und die Medienberichte staunend verfolgt. An den Hochschulen selbst ist das Bild weitaus differenzierter.
Ein konsequentes Aneinandervorbeireden prägt die Landschaft. Als außenstehender Betrachter (Student aus dem Ausland) kann man die Streikmotive auf Anhieb nicht verstehen, selbst die älteren Kommilitonen, die noch als „Magister“ studieren, senden den kämpferischen jungen Studenten verständnislose Blicke zu.

Belagerungszustand: Was für ein Zirkus!

Das Bild ist von Uni zu Uni verschieden. An der Freien Universität in Berlin beispielsweise, berichtet Fryderyk aus Polen, gleiche alles einem „Belagerungszustand“: Studenten hocken vor den Hörsälen und singen ihren Protest zum Gitarrenklang. Selbst das Mensapersonal streikt, und die AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) hat mit einer selbstgebrauten Suppe die Notversorgung der streikenden Studenten übernommen.
An der Universität Potsdam werden vor Missmut triefende Pamphlete an die Studentenschaft ausgeteilt. Die Streikenden wurden vom besetzten Audimax in ein beheiztes Zelt auf dem Sportplatz des Campus „verbannt“. Diese Sonderregelung kostet die Uni täglich 2000 Euro, während Lehraufträge zum Teil für nur 500 Euro im Semester vergeben werden, wie eine der Flugschriften klagt, die unter dem einprägsamen Titel „Was für ein Zirkus!!!“  verteilt wird. Anderorts werden die streikenden Studenten gar von Polizisten aus den besetzten Gebäuden getragen, wie uns das Fernsehen eindrucksvoll vor Augen führt.

Die Streitpunkte – eine lange Liste

(Foto: Rafael Michalczuk)

Die Streiks, Proteste und Besetzungen der Hörsäle werden auf eine lange Liste von Mangelzuständen und Forderungen zurückgeführt. Die Besetzungen sind „eine Reaktion auf die Folgenlosigkeit jahrelanger Bildungsproteste und die Ignoranz ihrer AdressatInnen“. Es werden wiederholt speziell folgende Probleme angeführt:

  • die weiterhin „grassierende Überfüllung“ diverser Lehrveranstaltungen in Folge von Unterfinanzierung von Hochschulen,
  • die zu geringe Zahl an Masterstudienplätzen und die bestehenden Zulassungsbeschränkungen als Hürde für den Master-Zugang,
  • unzureichendes Maß an studentischer Mitbestimmung bei hochschulpolitischen Entscheidungen,
  • sowie (versteckte) Studiengebühren.

Zurück zu den Ursachen: Bologna-Prozess

Kernpunkt der Kritik ist die Umstellung der Lehrgänge vom "Magister" auf "Bachelor" und "Master", die auf den Bologna-Prozess zurückgeht. Es lohnt sich, diese Initiative noch einmal in Erinnerung zu rufen: Am 19. Juni 1999 haben die Europäischen Bildungsminister eine gemeinsame Erklärung zur Schaffung des Europäischen Hochschulraumes (EHR) verabschiedet.  Die Ziele erscheinen auch aus heutiger Perspektive als erstrebenswert:

  • Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse in Europa sowie eines Leistungspunktesystems als geeignetes Mittel der Förderung größtmöglicher Mobilität der Studierenden,
  • Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung im Hinblick auf die Erarbeitung vergleichbarer Kriterien und Methoden,
  • Förderung der Mobilität durch Überwindung der Hindernisse, die der Freizügigkeit in der Praxis im Wege stehen,
  • Zugang zu Studien- und Ausbildungsangeboten und zu entsprechenden Dienstleistungen,
  • Anerkennung und Anrechnung von Auslandsaufenthalten zu Forschungs-, Lehr- oder Ausbildungszwecken.

Die Umsetzung der durchaus erstrebenswerten Zielvorstellungen scheint jedoch einen eigenen Weg gegangen zu sein. Durch die Erfordernis einer grundlegenden Umstrukturierung der Studiensysteme in den Unterzeichnerstaaten zeigten sich zahlreiche, auch teilweise länderspezifische Probleme. „Es wurden gerade die kompliziertesten Vorbilder gewählt und nicht aus der Fülle von Best-Practice-Beispielen aller europäischen Länder die effektivsten bildungspolitischen Lösungen", vermutet ein deutscher Hochschulprofessor.

Die Sackgasse Bachelor

Studenten formieren sich im ganzen Land zu Protesten (Foto: Sebastian Bernhard/pixelio.de)

Von den Studenten wird die Bologna-Reform weitaus kritischer als auf der offiziellen Internetseite der Hochschulrektorenkonferenz beurteilt. Auf der Homepage heißt es, die Bologna-Reform „wirkt sich positiv auf die Lehre und die Entscheidungen der Studierenden aus und beeinflusst die Organisationsabläufe in den Hochschulen.“ Gerade die Mitentscheidung bei der Ausarbeitung von Rahmen- und Studienordnungen durch Studierende ist Kritikpunkt der heutigen Studentenproteste.
Insbesondere die Umstellung von Diplom/Magister auf Bachelor/Master sorgt für Zündstoff, da der „Bachelor“ von den Studierenden als Sackgasse ohne Ausweg empfunden wird. Eine Überladung des Studienprogramms, eine uneinheitliche Regelung von ECTS und Leistungspunkten für dieselben Lehrveranstaltungen sowie ein erhöhter Leistungs- und Prüfungsdruck werden kritisiert.

Bildungsgipfel

Jedoch der Hochschulalltag nimmt an vielen Universitäten seinen gewohnten Lauf. Ein Großteil der Studierenden („Streikbrecher“?) besucht trotzdem die Lehrveranstaltungen. Die Initiative „Bundesweiter Bildungsstreik 2009“ sorgt zwar für einen heißen Herbst, aber Lösungen sind bisher noch nicht in Sicht. Der von der Präsidentin der Hochschulrektoren-Konferenz, Margret Wintermantel, vorgeschlagene „Bologna-Gipfel“ mit den Beteiligten lässt auf eine Lösung hoffen. Das Abschieben der Probleme an die Universitäten, wie es von der  Bildungsministerin Schavan zur Zeit betrieben wird, scheint hierbei kein akzeptabler Lösungsansatz. Dem allseits bekundeten Verständnis für den Studentenprotest sind bisher keine konkreten Schritte gefolgt, die nahe Zukunft lässt auf Veränderungen hoffen. Es wird sich zeigen, ob diese auf Länderniveau eingeleitet werden können oder zu einem gemeinsamen Problem auf EU-Level werden.     

[RM]

Weiterführende Links
 
www.hrk.de

www.bildungsstreik.net