Mittwoch, 23 Dezember 2009

Von: Klaus Schwehn

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Keywords:
Schulreform Frankreich | Theorie und Praxis | Sarkozy
Grundlegende Schulreform in Frankreich

Mehr Praktika, mehr Fremdsprachen und Pflege der Kunst

Kernelemente dieser Reform, die Erziehungsminister Luc Chatel vorgestellt hat, sind eine stärkere Spezialisierung der Ausbildung, eine individuellere Betreuung der Schüler, stärkeres Gewicht auf das Erlernen von Fremdsprachen, eine Aufwertung von Kunst und Kultur im Stundenplan und – dies lag der Regierung samt Staatspräsident Nicolas Sarkozy besonders am Herzen – die verstärkte Förderung selbständigen Arbeitens der Schüler in den drei oberen Gymnasialklassen.

Orientierungslos an den Universitäten

(Foto: roberta M./pixelio.de)

Mit diesem Reformvorhaben will die französische Regierung mehreren negativen Tendenzen begegnen: Eltern wie Schüler haben immer wieder beklagt, dass die Gymnasien (Lycées) einerseits eine mangelhafte Vorbereitung für jene bieten, die nach dem Abitur ins Arbeitsleben wechseln wollen, und dass sie gleichzeitig nur unzureichend auf ein Universitätsstudium vorbereiten. Das hat in Frankreich zu einer hohen Jugendarbeitslosigkeit geführt – und zugleich zu wachsender Orientierungslosigkeit unter den Jungakademikern, die häufig nur deshalb die Universitäten bevölkern, weil sie nicht wissen, wo sonst hin.

Sprachen: Blick über den Tellerrand

Deshalb auch spricht der Staatspräsident bei der Vorstellung des Reformwerkes von einer „Revolution“ der Ausbildung; die Schulreform soll neben dem theoretischen Unterricht technische und geisteswissenschaftliche Praktika für alle Schüler einführen und vorhandene  aufwerten. Hinzu kommen mehr Angebote an Fremdsprachen im Unterricht, sowie im Gefolge -  gleichermaßen als „Blick über den Tellerrand“ - mehr Partnerschaften mit Gymnasien anderer EU-Staaten.

Bildungsgänge sollen durchlässiger werden

Vor diesem Hintergrund soll das französische System der verschiedenen Bildungsgänge durchlässiger gestaltet werden: Also das „allgemeinbildende“ Abitur mit seinen drei Schwerpunkten Wirtschaft und Sozialwissenschaften, Literatur und Naturwissenschaften sowie das „technische“ Abitur mit insgesamt sieben Spezialisierungsmöglichkeiten. Künftig werden junge Menschen, wenn sie sich für einen Bildungsgang entschieden haben, in einen anderen hinüberwechseln können. Damit können sie eine frühere Entscheidung also revidieren, ohne zwangsläufig die Klasse wiederholen zu müssen. Das ist ein Fortschritt, denn heute ist die Wiederholung der Klasse noch Vorschrift.

Sarkozy fordert zwei oder drei Fremdsprachen

Künftig soll der geisteswissenschaftliche Zweig des Gymnasiums aufgewertet werden. Dazu gehört die verstärkte Förderung der Fremdsprachen. „Alle Schüler des Lycée müssen zwei- oder gar dreisprachig werden“, heißt dazu das Motto des Staatspräsidenten. Die Reform verspricht außerdem die Einführung neuer Fächer, wie zum Beispiel der Rechtswissenschaften und schließlich die besondere Pflege der Kunst- und Kulturbildung.

Automatisch ein Platz in der Fachhochschule

Im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich soll der Unterricht verstärkt auf einen Ingenieur- oder Technikerberuf hin orientiert werden. Dazu wird das Fächerangebot deutlicher und detaillierter gestaltet. So sollen erfolgreiche Schüler dieses Zweiges anschließend automatisch den Anspruch auf einen Platz in einer Fachhochschule erhalten. Spezielle Vorbereitungsklassen sollen letztendlich besser auf die Ingenieurschulen vorbereiten.

Sorgen wegen des Lehrermangels

(Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Die Reform wird in Etappen vollzogen: Zum Schuljahresbeginn 2010 greift sie zunächst in der 10. Gymnasialklasse, und so setzt es sich dann in jedem weiteren Jahr jeweils eine Jahrgangsstufe tiefer fort. Die Lehrergewerkschaften sind derzeit in ihrem Urteil noch vorsichtig und verweisen darauf, dass in den vergangenen fünf Jahren aus finanziellen Gründen mehr als 50.000 Lehrerstellen gestrichen worden seien. Die Durchsetzung des ehrgeizigen Reformprogrammes sei aber personalintensiv. Minister Chatel hat die Gewerkschaften zur gemeinsamen Diskussion eingeladen. Alle wissen, dass eine Reform dringend notwendig ist, denn 21,2 Prozent der 15- bis 24jährigen jungen Franzosen sind „orientierungslos“ – damit zugleich arbeitslos.

[KS]