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Ist die Lage wirklich so schlecht wie die Stimmung?

- Die Humboldt-Universität in Berlin (Foto: michael berger/pixelio.de)
Die Studentenproteste haben es gezeigt: die Studierenden sind besorgt. Sie fürchten aber nicht Einbußen ihrer Freizeit, also den Verlust des klassischen morgendlichen WG-Frühstücks - nein, sie sind besorgt, um nichts weniger als um ihre Zukunft gebracht zu werden: das treibt sie auf die Straße! Aber ist die Lage wirklich so schlecht wie die Stimmung?
Bachelor! Aber warum?
Die Umstellung "auf Bachelor" begann mit den Überlegungen einiger Bildungsminister zur 800-Jahr-Feier der Pariser Universität Sorbonne. Könnte man nicht ein einheitliches europäisches Hochschulsystem schaffen und damit die Qualität von Studienangeboten verbessern, mehr Beschäftigungsfähigkeit vermitteln und die Studiendauer verkürzen? Und das alles schon bis zum Jahre 2010? Dieses verlockend klingende, ehrgeizige Vorhaben haben 30 europäische Bildungsminister am 19. Juni 1999 feierlich in einem norditalienischen Ort erklärt, der seither seinen Namen gibt für die gesamte Reform: Bologna.
Jede Medaille hat zwei Seiten
Dass Theorie und Praxis in der Bildungspolitik zuweilen weit auseinanderdriften, mussten bereits viele Studenten schmerzlichst feststellen. Häufig wurden Diplom-Studiengänge einfach nur in "Bachelor" umetikettiert. Die unvermeidliche Folge: Was die Studenten vorher in vier Jahren in den Kopf bekommen sollten, müssen sie nun in dreien schaffen. Das ist mit einer erheblichen Mehrbelastung verbunden. An manchen Universitäten funktionierte das System aber auch auf Anhieb, und die Vorteile wurden sofort offenkundig: Seminare sind plötzlich freier kombinierbar, und ein Abschluss kann wesentlich früher erreicht werden. Damit geht es auch früher in das Berufsleben und damit löst auch ein ordentliches Gehalt die Bafög-Zahlungen ab.
Die Ausbildung der Bachelor-Studenten
Geplant war, mit dem Stufensystem für die Bachelor- und Master-Promotion ein leicht verständliches System mit international vergleichbaren Abschlüssen zu schaffen. So besteht der Bachelor aus Lernbausteinen (Modulen), die über ihre vorgegebene Themenstruktur Basiswissen vermitteln und gleichzeitig Spezialisierung durch ihre individuelle Kombination ermöglichen. Dazu gehört oft ein Zweitfach. Das Vorhaben ist das eine, aber die Umsetzung ist wie so oft das andere: An den Universitäten wurde der Plan alles andere als einheitlich umgesetzt: Damit ist der Anspruch von "leicht verständlich" und "international vergleichbar" passé.
Positives der neuen Abschlüsse
Die möglichen Vorteile der Bologna-Reform liegen klar auf der Hand:
- Studienfächer wie "Politik und Germanistik" (früher nicht denkbar) können jetzt frei kombiniert werden- das kommt den Interessen der Studenten entgegen;
- gleiches gilt für die Lehrinhalte: seinen Stundenplan macht sich der Student also selbst;
- der Berufseinstieg ist schon nach drei Jahren Uni greifbar;
- die Abschlüsse sind international vergleichbar: Warum also nicht mal ein Semester in Paris studieren, statt in Berlin? Auslandssemester sind kein Privileg mehr. So weit so gut.

- (Foto: Beate Klinger/pixelio.de)
Aber wo stehen wir heute?
Wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichte, waren bis zum Wintersemester 2008/2009 bereits 75 Prozent aller 12.300 Studiengängen an deutschen Hochschulen "auf Bachelor/Master" umgestellt - an Fachhochschulen sogar 94 Prozent! 2007 stammten aber nur 14,3 Prozent der Absolventen aus den neuen Studiengängen. Es zeigt sich eine große Dynamik bei der Umstellung, die in den kommenden Jahren auch die Absolventenzahlen erhöhen wird. Die große Frage ist nur: Haben sich die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt ähnlich dynamisch verbessert?
Kompetenzentwicklung im Bachelor?
Bloße Fachkompetenzen konnten in den ehemaligen Diplom- und Magisterstudiengängen besser entwickelt werden, allein weil das Studium länger dauerte: mehr Zeit ist gleich mehr Wissen! Aber der Bachelor lässt neue Kompetenzen wachsen: Studenten lernen, ihr Lernen selber zu organisieren, sie lernen, selbstständig zu arbeiten, aber auch mit anderen zusammenzuwirken. Sie haben die Gelegenheit, die Früchte dieser Arbeit vor Publikum präsentieren zu können. Damit üben sie quasi nebenbei Fähigkeiten ein, die im Berufsleben von heute unverzichtbar sind: Teamfähigkeit, Organisationgeschick, Sozial- und Selbstkompetenz, Präsentationserfahrung. Anders verhält es sich mit der konkret berufsvorbereitenden Funktion eines Bachleor-Lehrgangs: Fragt man die Studenten nach diesem Thema, verdunkelt sich die gute Bilanz.
Die Stimmung
Ein typischer Dialog auf dem Campus geht in etwa so:
"Was machst du nach dem Bachelor?"
"Master. Jetzt finde ich sowieso keinen Job. Und du?"
"Erstmal weiter kellnern und dann mal sehen, obs mit den Bewerbungen klappt."
Begeisterung klingt anders. Der Begriff "Desillusion" fasst die Stimmung am besten:
Nur wenige glauben, dass
- ihre in drei Jahren erworbenen Kenntnisse für den Berufseinstieg reichen;
- die zukünftigen Arbeitgeber die Plagen des Studiums zu würdigen wissen;
- die schlecht bis gar nicht bezahlten Praktika die immer wieder gestellte Frage nach der möglichst langjährigen Berufserfahrung befriedigend zu beantworten vermögen.
Was hingegen bleibt und wächst, das ist die Angst vor einer Zukunft ohne Zukunft - aber mit dem "Bachelor" in der Tasche.
Master für alle?
Nur wer gut genug ist, kommt weiter: Wer „seinen“ Bachelor mit der Mindestnote "gut" abschließt, kann einen Studiengang draufsatteln, an dessen Ende ein Zertifikat mit der Überschrift "Master" steht. Aber eben nur, wer als „gut“ bewertet wurde. In den Protesten haben die Studenten gefordert, genau diese Leistungshürde abzuschaffen. Das Motiv: Die Angst, auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht landen zu können - schon gar nicht in der Gehaltsstufe, die man angepeilt hatte, um allein das Bafög-Darlehen zurückzahlen zu können. Man möchte leichter zu einem höheren Abschluss kommen, der - so die Hoffnung - den Weg in einen gut bezahlten, befriedigenden Job ebnen kann.

- (Foto: Uli Carthäuser/pixelio.de)
Bachelor als Sprungbrett?
Wenn es doch nicht zum Master gereicht hat und auch kein neues Praktikum begonnen wurde, versuchen die frisch gebackenen Bachelor-Akademiker ihr Glück auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt dabei vielfältige Schwierigkeiten bei der Stellensuche, aber diese ähneln denen der Diplom-/Magisterabsolventen: das Stellenangebot ist einfach zu gering, und die potentiellen Arbeitgeber suchen möglichst junge Bewerber mit möglichst langjähriger beruflicher Erfahrung. Und dann gibt es auch noch ein ganz anderes Problem: Was kann einer können, der sich als Bachelor-Absolvent vorstellt? Das Profil dieses Abschlusses ist einfach noch viel zuwenig bekannt und hat sich durchaus noch nicht bis zu jedem Personalchef herumgesprochen.
Mögliche Abhilfe
Eine Lösung kann da das "Diploma Supplement" (DS) bieten. Aber was ist das eigentlich?
Dieses Schriftsstück kann seit 2005 den offiziellen Unterlagen beigelegt werden und soll den in Ehren ergrauten Personalchef eingängig darüber aufklären, mit wem er es zu tun hat, wenn ein Bachelor- oder Masterabsolvent vor ihm steht. Was musste der Bewerber schaffen, um studieren zu dürfen, was sollte er lernen, was hat er gelernt? Wieder geht es um Qualifikationen und Kompetenzziele, aber diesmal nachvollziehbar auch für den vielleicht zukünftigen Arbeitgeber des jungen Akademikers.
Die Lage ist besser als Stimmung!
Die Ergebnisse einer Studie der Universität Kassel machen Mut. Es wird bestätigt, dass der neue Abschluss gut auf dem Arbeitsmarkt ankommt. "Bachelor" finden ebenso schnell eine Stelle wie ihre "Master-Kollegen", und sie sind mit dieser kaum weniger zufrieden. Für Bachelor sind die Stellen aber häufiger befristet oder nicht ganz so gut bezahlt, was aber wohl oft an der gewählten Fachrichtung liegt. Praxistauglichkeit, so stellte eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und des Vereins deutscher Ingenieure heraus, bestätigen Unternehmen beiden Abschlüssen gleichermaßen.
Aller Anfang ist schwer
Kritik, wie etwa in Form von Studentenprotesten, ist dennoch produktiv: Nach dem Studium auf der Straße zu landen, kann für keinen Studenten das Ziel sein, sei er nun Diplom-Ingenieur oder "Bachelor of science". Aber die Arbeitsmarkt- und Karrierechancen für Hochschulabsolventen sind und bleiben überdurchschnittlich gut im Vergleich zu anderen Bewerbern um eine freie Stelle. Deswegen hat "Bologna" es sich jetzt zum Ziel gesetzt, neben den internationalen auch die sozialen Hindernisse weiter abzubauen. Wieder ein ehrgeiziges Ziel - das Zeit brauchen wird - aber auch ein gutes, dass man angehen sollte!
[NP]
(Teaserbild: Ralph-Thomas Kühnle/Pixelio.de)









