Chancen und Risiken der Internetkommunikation

- Ein Welt ohne Internet - für viele heute unvorstellbar (Foto:pixelio.de)
Eine Welt ohne Internet erscheint nicht mehr vorstellbar. Das Netz ermöglicht die schnelle Nachrichtensuche und bietet Unterhaltung. Viele wollen auf die bequeme Infosuche nicht mehr verzichten. Das neue Medium hat das Verhalten vieler Menschen nachhaltig beeinflusst. An den Kindern wird der Wandel am schnellsten deutlich: Netzwelten werden zu Parallelwelten, die Kindern jedoch bei täglich mehrstündigem Konsum den Blick auf die Wirklichkeit verstellen.
Wie verändert das Internet die Persönlichkeit?

- Das Internet hat großen Einfluss auf unser Kommunikationsverhalten (Foto:pixelio.de)
Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann vom Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover kritisiert, dass Kinder süchtig werden, wenn sie mehr im Internet unterwegs sind, als mit gleichaltrigen Kindern zu spielen. Über die Digitalisierung der Kinder- und Jugendkultur entwickele sich ein neuer Typus von Ich-Bewusstsein, der zur Selbstherrlichkeit wie auch zur Depression neige. Das Internet ermögliche Intimität, ohne menschliche Nähe aufzubauen. Über Fernräume entstehe eine rein virtuelle Nähe.
Die rasante Entwicklung des Internets mit seinen vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten sei Zeichen eines Kulturbruchs, der im Widerspruch zur Tradition der aufklärerischen, gebildeten Schriftkultur stehe. Der Umbruch im Tageszeitungsbereich macht es deutlich: Finanzkrise, Anzeigeneinbruch, das Einstellen von Tageszeitungen sowie die Tatsache, dass politische
Redaktionsdienste beispielsweise bei der Frankfurter Rundschau an die Berliner Zeitung abgegeben werden, veranschaulichen die rückläufige Tendenz beim Leser, das Medium "Tageszeitung" zu nutzen. Dies gilt auch für den Buchdruck, der im digitalen Übertragungsraum an Bedeutung verliert: Bücher werden nicht mehr nur gekauft, sondern können auch über das Internet gelesen werden. Doch gerade im Lesen von Büchern, bei der Lektüre des geschriebenen Wortes als Träger von Ideen und Wahrheit liegen für Jugendliche reichhaltige Entwicklungspotentiale, so Bergmann. Auch wenn der Schulstoff durch anschauliche Mathematikspiele sinnvoll ergänzt werden kann, sind sie in der Überlieferung nicht so langlebig wie es die Klassiker beispielsweise der Werke Platons in Buchform sind. Nicht digital lesbare, sondern gedruckte Texte sind der eigentliche Zugang zu Universen.
Wenn Kinder und Jugendliche das Internet ständig nutzen, kann sich ihr Charakter verändern. Die Kinder werden narzistischer und leben in dem Traum des Kleinkindes, dass sich die Welt allein um sie drehe. Die Kinder können die virtuelle Welt nicht mehr mit der Alltagswelt vereinbaren. Die Realität kann dann zur Enttäuschung werden, nämlich genau dann, wenn das im Internet durch Spiele konstruierte "ideale" Ich nicht mehr dem realen Ich im Umgang mit den Kindern auf dem Schulhof entspricht. Durch Kommunikationsforen wie Facebook entsteht eine intime Kommunikation mit den Nutzern, ohne häufig den anderen persönlich zu kennen. Im Unterschied zu den realen Kontakten auf dem Schulhof verlernen die Kinder, beständige, soziale Kontakte aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Soziales Denken im Umgang miteinander könne sich im Inneren des Kindes nicht mehr bilden, erklärt Bergmann, dessen Forschungsgebiet die Prägung von Kindern durch Medien ist.
Die Grenzen des Google-Imperiums

- (Foto:Google)
Mittlerweile nutzen 67 Prozent der deutschen Bevölkerung das Internet, um sich im Alltag besser zurecht zu finden. Als Nachrichtenquelle steht es für Menschen unter 30 Jahren sogar an erster Stelle. Seit Einführung des WWW – World Wide Webs – 1991 gewinnt gemäß einer Allensbach-Analyse von 2008 sowie einer IAB-Studie (Internet Advertising Bureau Austria) das Internet als Nachrichtenmedium an Bedeutung, wobei das Fernsehen und die gedruckte Presse an Einschalt- und Leserquoten verlieren. Täglich kommen im Internet 2,5 Millionen neue Web-Nutzer hinzu. Das entspricht der Einwohnerzahl Lettlands. Die Weltbevölkerung dagegen wächst täglich schätzungsweise "nur" um ca. 220.000 Menschen. Dabei beurteilen laut IAB-Studie 64,9 Prozent der Befragten das Internet als wichtigstes Medium. Das Fernsehen rangiert in der Nutzungsskala mit nur 43,3 Prozent an zweiter Stelle und 42,3 Prozent geben an, regelmäßig Tageszeitung zu lesen.
Weltweit haben bis heute 2,2 Milliarden Menschen Zugang zum Internet. Dabei vereint der Suchmaschinen-Gigant aus Kalifornien Google 87 Prozent der Klicks auf sich.
Google ist also ein Monopolist, der der liberalen Gesetzgebung der USA unterliegt. Diese nimmt so gut wie keine Rücksicht auf den Datenschutz. Unabhängig davon, welche und wie viele unbewusste Datenspuren der einzelne User bei der Nutzung von Google für den kalifornischen Konzernchef hinterlässt, greift das Projekt "Google Street View" eindeutig in die Privatsphäre des Staatsbürgers ein. Jede Adresse kann über Google Street View sogar per Luftaufnahmen genau lokalisiert werden, da darüber das gesamte deutsche Straßennetz erfasst ist. Das widerspricht dem deutschen Datenschutzrecht, das allerdings nur bei Widerspruch Schutz bietet, erklärt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar bei einem Diskussionsforum über Netzwelten in Hamburg. Caspar sagt: „Wünscht ein Hausbesitzer die Veröffentlichung seines Hauses im Internet nicht, so muss er vor der Veröffentlichung Widerspruch einlegen“.
Doch die Google-Konzernchefs und ehemaligen Studienkollegen Larry Page und Sergey Brin wollen nicht mit sich reden lassen. Sie verstehen das deutsche Grundgesetz mit den besonderen Persönlichkeitsschutzrechten nicht. Für sie stehen Kreativität und Schlagkräftigkeit im Vordergrund, so der norwegische Buchautor und Wirtschaftsjournalist für das Handelsblatt Lars Reppesgaard. Reppesgaard hat 2008 Das Google-Imperpium geschrieben und dafür 2005 hinter den Kulissen des globalen Giganten recherchiert. Für sein Buch interviewte er die Firmengründer und fragte in Kalifornien nach ihrer Geschäftsidee.
Die Tüftler Larry und Sergey haben sich während des Studiums kennengelernt und eine Doktorarbeit verfasst zum Thema: "Wie man das Internet herunterladen und ein Programm zum Datenauswerten schreiben kann". Ihre spielerische Freude und knallharte strategische Logik führte sie zum Erfolg. Viele kreative Köpfe tragen mittlerweile zum gigantischen Gewinn des Unternehmens bei. Sie sitzen in den USA bis in die Nacht an ihren Rechnern und programmieren für die Google-Chefs. So konnte sich Google gegenüber den Suchmaschinen Yahoo und Altavista durchsetzen und wurde letztlich Marktführer.
Big brother is watching you
„Google beobachtet uns, was wir tun, wenn wir das Internet nutzen“, erklärt Lars Reppesgaard.
Dabei werden Programme eingesetzt wie Analytics, die die Servergewohnheiten der Nutzer auswerten. Dies geschieht unter Missachtung der persönlichen Datenschutzrechte. Daten wie beispielsweise IP-Adressen werden durch Google abgespeichert, ausgewertet und dann an die Rechner in die USA geleitet. Übermittelt werden dabei automatisch personenbezogene Daten wie zum Beispiel: Was kauft ein User im Internet ein? Auf welche Seite geht er? Und wie verhält er sich? Danach richten sich die Werbeangebote, was die riesigen Umsätze bei Google erklärt, die zu 99 Prozent aus Werbeeinnahmen erzielt werden. Google ist das erfolgreichste, aber auch mächtigste schwarze Schaf, was die Übertretung der Datenschutzrechte angeht. Denn bisher gilt: wer die Online-Welt nutzt, unterwirft sich freiwillig dem Google-Unternehmen und muss nach dessen Regeln spielen.
Staat scheut sich vor Regulierung des Internets

- Datenschutz ist schwierig im Internet (Foto:pixelio.de)
Eine andere negative Seite des Internets liegt darin, dass es reichlich Nährboden für Spinner und Perverse aller Art bietet. Diese schleichen sich beispielsweise auf Kinderseiten ein, um dort zu chatten und Kontakte zu Minderjährigen zu knüpfen. Auch ist es sehr leicht, Jugendliche wie Erwachsene übers Internet zu mobben oder anderweitig zu belästigen. Schnell können Nutzer in Situationen geraten, die für sie gefährlich werden.
Noch zu Zeiten der Volkszählung von 1983 und 1987 entwickelte sich unter den Bundesbürgern ein gesunder Widerstandsgeist gegen staatliche Datensammel-Wut. Mit Bürgerinitiativen wurde z.T. heftig gegen Datenmissbrauch protestiert. Die Bürger widersetzten sich dem Volkszählungsgesetz von 1982, mit dem Menschen per Gesetz verpflichtet werden sollten, über Fragebögen Auskunft über eine Vielzahl persönlicher Angelegenheiten zu geben. Im Zuge der aufkeimenden Bürgerinitiativen gegen die Startbahn West sowie die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland befand das Bundesverfassungsgericht die Rechtmäßigkeit des Widerstands gegen das Volkszählungsgesetz im Rahmen des Volkszählungsurteils. Darin wurde dem Bürger das Recht auf die "informationelle Selbststimmung" zuerkannt, das sich aus Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen unantastbar“ ableitet.
Wie steht es mit der Nutzung des Internets? Ist hier der Staat gefragt? Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar meint: „Ja“. Und führt aus: „Der Staat muss Regeln setzen, wie man sich im Netz verhalten bzw. sicher durchs Netz gehen kann“.
Dieses Bewusstsein: "Meine Daten kriegt ihr nicht!" - müsste Teil der Schulausbildung werden. Wie kann man sich dagegen schützen, dass Google dem User, der auf die Sportseite geht, automatisch über die Schulter blickt? Das Programm Analytics speichert und analysiert die Daten der Nutzer, ohne dass diese vorher ihr Einverständnis gegeben haben. Vielleicht ahnen Viele, was passiert, wenn man Wörter in die Google-Suchmaschine eingibt. Doch weder Eltern noch Lehrer sind häufig in der Lage, über den sicheren Umgang des Internets zu informieren. Eigentlich müssten die Suchmaschinen die gespeicherten Daten gleich wieder löschen. Die Praxis ist jedoch eine andere.
Der Gesetzgeber bietet bislang nicht genügend Unterstützung. Die aus dem Bundesdatenschutzgesetz abgeleiteten Regeln sind nicht internettauglich. Es müsste ein eigenes Internet-Datenschutzgesetz verabschiedet werden, um gegen die Missachtung der Persönlichkeitsrechte im Internet vorzugehen. Solange der Staat untätig bleibt, müsste es zumindest eine greenpeaceartige Organisation geben, die Hilfe zur Selbsthilfe für den richtigen Umgang mit dem Internet leistet, kritisiert Caspar.
„abgeordnetenwatch.de“ - direktdemokratische Plattform im Netz

- Bundeskanzlerin Angela Merkel (Foto:Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde)
Auch wenn die Bundesregierung bisher keine Notwendigkeit in der Steuerung des Internets sieht, kann der Staatsbürger über das Medium Internet über entsprechende Diskussionsforen seine politischen Mitbestimmungsrechte ausüben. Das Portal „abgeordnetenwatch.de“, mitbegründet von Gregor Hackmack, hat sich zur direktdemokratischen Institution im Netz entwickelt. So haben vor der Bundestagswahl viele Abgeordnete, vor allem die Hinterbänkler im Bundestag, Fragen der Bürger direkt im Netz über „abgeordnetenwatch.de“ beantwortet. Insgesamt waren es 7.000 Antworten im Portal, sagt Gregor Hackmack im NDR-Diskussionsforum über Netzwelten. Hier findet eine echte Bürgerkontrolle der Abgeordneten statt, denn Beleidigungen und Spams bleiben im Portal außen vor. 92 Prozent der Bundestagsabgeordneten antworten direkt auf die gestellten Fragen. Einzig Angela Merkel verweigere bisher die Teilnahme am Forum. Sie verweist lieber auf ihre offizielle Homepage www.bundeskanzlerin.de. Diese sei aber eher Ausdruck einer Kommunikation von oben nach unten und nicht von unten nach oben, kritisiert Gregor Hackmack. Angela Merkel sehe das Internet noch nicht als Bestandteil politischer Dialogkultur, durch die man leichter als über Luftballons mit Parteilogo, langweilige Stände in Fußgängerzonen und alberne Spots im Fernsehen mit Bürgern in Kontakt treten kann, um politisches Handeln transparent zu machen. Darin unterscheidet sie sich von Barack Obama, der im Wahlkampf und bei der Verleihung des Friedensnobelpreises direkt mit den Bürger über Internet kommunizierte. 2,5 Millionen Menschen hatten über Twitter dem US-Präsidenten gratuliert, der online antwortete, dass er sich „humbled/geehrt“ fühlte.
Hackmack will die Debatte zwischen Bürgern und Abgeordneten über „abgeordnetenwatch.de“ künftig auf allen Regierungsebenen anbieten. Er strebt eine Vernetzung in allen 16 Bundesländern wie auch mit den EU-Parlamentariern an. Nach seiner Auffassung gehe der Trend in Richtung virtuelle Rathäuser, durch die Bürger direkt über die Ausschussarbeit informiert werden. Dabei bekäme auch die Stimme des Wählers in Form elektronischer Bittschriften an die Ausschussmitglieder zusätzliches Gewicht.
[CH]
