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Inside Berlin. So regiert die Kanzlerin

- Margaret Heckel Politikjournalistin und Autorin (Foto: tv.berlin)
Margaret Heckel ist Politikjournalistin mit langjähriger Erfahrung auf dem deutschen Politparkett. Als Leiterin der Politikressorts bei der Welt und Welt am Sonntag, der Berliner Morgenpost und ehemals auch der Financial Times Deutschland beobachtet sie die Regierungszeit Angela Merkels seit vielen Jahren. Sie lernte den Regierungsstil der Kanzlerin kennen und begleitete über viele Monate den politischen Alltag Merkels. Die dabei erlangten Erfahrungen schrieb Heckel in ihrer Reportage „So regiert die Kanzlerin“ nieder. Nun sprach die Bestsellerautorin und Kolumnistin mit European Cirlce über Ihr Buch.
European Circle: Frau Heckel, zu Beginn Ihres Buch heißt es: „Sie gilt als die mächtigste Frau der Welt und als eine, die nur ungern etwas von sich preisgibt. Margaret Heckel kennt die Kanzlerin seit vielen Jahren; ihr ist es gelungen, hinter die Fassaden des Kanzleramtes zu blicken und Angela Merkel aus der Nähe zu beobachten“. Wie schafft man es denn hinter die Kulissen des Kanzleramtes?
Heckel: Ich habe die Kanzlerin in ihrer Regierungszeit von Beginn an begleitet und war als Politikchefin der Welt und der Berliner Morgenpost in der Lage, sie auf vielen ihrer Reisen im In- und Ausland zu begleiten. Daraus entstand im Laufe der Jahre die Idee zu einer Reportage, die den Leser mit ins Kanzleramt und das Büro der Kanzlerin nehmen soll. Diese Idee stellte ich im Kanzleramt vor und konnte mit den allermeisten Akteuren sprechen, wodurch die Arbeit für dieses Buch für mich erst möglich wurde.
European Circle: Wie entwickelte sich die konkrete Idee für das Buch?
Heckel: Die Idee des Buches war es dann, die als eher verschlossen und schwer zugänglich bekannte Person der Kanzlerin näher kennen zu lernen. Indem beschrieben wird, wie sie regiert, zeigt sich dann auch ihre charmante und offene Seite.
European Circle: Genau dies ist ein wichtiger Punkt Ihres Buches: Es geht ja darin nicht um das Leben der Angela Merkel; das Buch ist keine Biographie. Es dreht sich um die Regierungsarbeit der Kanzlerin in Zeiten der Finanzkrise und Merkels Regierungsstil. Lernen wir also ausschließlich die professionelle Kanzlerin kennen oder bekommen wir auch einen Einblick in die „private“ Frau Merkel?
Heckel: Wir lernen sie professionell kennen. Das Buch schildert ja einen Zeitverlauf von einem halben Jahr, und zwar vom Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 bis zum Frühjahr 2009. Es erläutert, was Angela Merkel während dieser sechs Monate als Regierungschefin getan hat. Aber wenn man schildert, wie sie als Regierungschefin agiert, kann man natürlich auch etwas von davon mitbekommen, wie sie als Mensch ist.
European Circle: Also sieht man auch, wie die Persönlichkeit in die Regierungsarbeit einfließt und die Ausübung eines solchen Amtes auch beeinflussen kann. Ein populärer Vorwurf an die Kanzlerin lautet ja stets, sie zeige zu wenig Führungsstärke und führe die Regierung in einer für das Volk nicht erkennbaren Weise. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Heckel: Dieser Vorwurf wird immer wieder laut. Meine Antwort, nach dem ich Frau Merkel so lange beobachtet habe, ist: dass sie einfach anders führt und regiert. Sie agiert viel mehr hinter den Kulissen. Niemand kann einer Regierungskoalition - vor allem einer Großen Koalition, wie es damals ja noch der Fall war - vorstehen, ohne diese zu führen. Sie trifft täglich Dutzende Entscheidungen, bei denen sie Führungsstärke demonstrieren muss.
Merkel lässt aber tatsächlich viele Diskussionen lange laufen, bevor sie eingreift. Sie hat insofern einen ganz anderen Stil als ihre Vorgänger Gerhard Schröder und auch Helmut Kohl. Wenn man jedoch das Resultat betrachtet, stellt man fest, dass die Kanzlerin oft oder eigentlich fast immer das bekommt, was sie von Anfang an wollte. Es gibt viele Kritiker, die dies als Führungsschwäche auslegen, aber ich finde, das kann man unterschiedlich sehen.
European Circle: Genau darauf gehen Sie am Ende Ihres Buches noch speziell ein. Dort heißt es: „Oft ist die Kanzlerin ihren Gegnern den einen entscheidenden Schritt voraus. Wer schlecht vorbereitet in Gespräche mit ihr geht, bekommt dies meist zu spüren.“ Diese Passage drückt also aus, dass sie sehr wohl weiß, was sie will, aber dass es nur nicht der ihrer Art entspricht, bei Streitfragen direkt mit der Faust auf den Tisch zu hauen.
An einer anderen Stelle heißt es in diesem Zusammenhang auch: „Was den Gebrauch der Macht für ihre Zwecke angeht, steht Merkel ihren Vorgängern im Amt in nichts nach!“. Bedeutet dies folglich, dass Merkel ihre Macht durchaus einsetzen kann, dies jedoch lediglich in einem anderen Gewand als ihre Amtsvorgänger?
Heckel: Absolut! Würde sie dies nicht tun, hätte sie sich auch nicht so lange im Amt gehalten. Sie hat es entgegen aller Widerstände geschafft, CDU-Chefin zu werden - und es auch zu bleiben. Genauso hat sie es geschafft, Kanzlerin zu werden und auch dies zu bleiben. All dies wäre unmöglich, wenn sie nicht einen äußerst ausgeprägten Machtinstinkt hätte und im Stande wäre, ihre Gegner aus dem Weg zu schieben - wenn nötig auch unsanft.
European Circle: Am Ende des Buches gibt es noch ein Interview mit der Kanzlerin. Sie fragen dort, worauf sie in ihrer bisherigen Legislaturperiode besonders stolz sei. Die Kanzlerin antwortete: „Zu sagen, dass ich auf etwas stolz bin, damit habe ich meine Schwierigkeiten. Aber es gibt Dinge, von denen ich gerne sage, dass sie gut gelungen sind“. Ist das eine typische Merkel-Antwort?
Heckel: Das ist sehr typisch, ja! Es zeigt eben wieder, dass sie einen anderen Stil hat. Sehr wenige Politiker würden eine solche Antwort geben. Die meisten würden diese Frage ohne weiteres bejahen und sich dabei selbstinszenierend in Pose werfen. Genau dies tut Angela Merkel eben nicht.
European Circle: Frau Heckel, vielen Dank für diesen exklusiven Einblick in das Leben und Arbeiten der Kanzlerin. Danke für das Gespräch.
[FT]
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