Google digitalisiert ungeniert

- Google digitalisiert zahlreiche Bücher und bietet sie online an (Foto: pixelio.de)
Die Idee, Bücher zu scannen und sie weltweit jederzeit anzubieten, ist im Grunde begrüßenswert. Vorreiter Google stößt mit seiner Vorgangsweise jedoch nicht überall auf Anerkennung. Viele Autoren, Bibliotheken und Verlage stellen sich quer: sie befürchten Einnahmenverluste, eine Vormachtstellung der englischen Sprache und die Konzentration auf wenige Bücher durch Googles übliches Pageranking.
Im Oktober 2004 gab das Unternehmen Google bekannt, fortan Bücher scannen und deren Inhalte in seine (US-amerikanischen) Suchergebnisse einbauen zu wollen. Bis 2015 will die Suchmaschine um die 15 Millionen Bücher über den hauseigenen Dienst „Google Bücher“ anbieten. Die Idee der kostenlosen Bereitstellung von Büchern im Netz verfolgen auch andere Projekte wie Gallica, Europeana und Projekt Gutenberg. Keines davon hat jedoch den kommerziellen Beigeschmack und eine derart gewaltiges Machtpotential hinter sich wie der Branchenriese aus Kalifornien.
Das Angebot
Die Bücher für das Buchprojekt bezieht Google aus zwei verschiedenen Quellen. Einerseits arbeitet das Unternehmen mit Verlagen zusammen, die ihm Bücher aus ihrem Sortiment zur Digitalisierung bereitstellen. Daneben laufen bereits Verhandlungen mit Zeitungsverlagen US-amerikanischer Tageszeitungen. Andererseits digitalisiert Google seit mehreren Jahren ohne Zustimmung der Autoren Bücher großer Bibliotheken – und stößt damit auf vehemente Kritik.
Google stößt Rechteinhaber vor den Kopf
Im Gegensatz zu den alternativen, freien Projekten fragt Google nicht nach Urheberrechten, sondern bemächtigt sich des geistigen Gutes anderer und einverleibt das so „erworbene“ Wissen in seinen riesigen Unternehmenskomplex. Außerdem hat Google bis zu den ersten Klagen von US-Autoren und Verlegern ohne Erlaubnis bereits mehrere Millionen Bücher gescannt.
Die Rechteinhaber werden in der aktuellen Vereinbarung mit Zugeständnissen auf eine Beteiligung abgespeist, während Googles illegale Aneignung des Bücherbestandes anscheinend nicht mehr zur Debatte steht. „Erst handeln, dann fragen“ – es ist diese freche Vorgehensweise Googles, die die Branche zu Recht auf die Palme bringt.
Büchersuche wird an Googles Kriterien gebunden

- Digitalisierung ohne Rücksicht auf Urheberrechte (Foto: pixelio.de)
Ein weiteres, schwerwiegendes Argument ist das Pageranking: Die Suchmaschine erstellt eine Liste von Büchern, die am ehesten zur Suchanfrage passen. Dadurch werden letztendlich nur mehr bestimmte Titel im Suchergebnis aufscheinen. Bücher, die ebenfalls wertvolle Inhalte anbieten, jedoch im Ranking als weniger populär eingestuft werden, verschwinden nach und nach aus der Wahrnehmung. Es droht ein literarischer Einheitsbrei. Außerdem fördere Google die Dominanz des Englischen auf Kosten der Sprachenvielfalt – etwas, das vor allem den europäischen Intellektuellen bitter aufstößt. Bewährte Institutionen wie Bibliotheken fühlen sich von der ungeliebten Konkurrenz Googles ebenfalls bedroht.
Opt in, Opt out
Weiters kritisieren die Gegner die sogenannte Opt out-Einigung: wenn ein Urheber das Digitalisieren nicht explizit untersagt, hat Google die Lizenz zum Scannen. Gefordert wird die Opt in-Einigung – gescannt werden darf erst nach expliziter Erlaubnis des Urhebers. Die aktuelle Version der Vereinbarung würde es Google erlauben, nicht mehr lieferbare Titel automatisch mit ins Programm nehmen zu können – es sei denn, der Autor verbietet dies ausdrücklich. Mit anderen Worten: anstatt ihre Zustimmung zur Verbreitung ihrer Werke zu geben, müssen Autoren nun aufpassen, dass ihre Bücher nicht ohne ihr Wissen und Einverständnis veröffentlicht werden. Der Sinn hinter dem Urheberrecht wird somit verdreht.
Was hat der Nutzer davon?

- Was hat der Nutzer davon? (Foto:pixelio.de)
Für den Benutzer ist die Bücher-Suche zunächst eine feine Sache. Auf Googles Büchersuche kann nach Titeln, Autoren und sogar Satzteilen gesucht werden. Sämtliche gemeinfreien Titel, auf die aufgrund ihres Alters kein Urheberrechtsanspruch mehr besteht, können kostenlos gelesen werden. Stammt das gesuchte Werk aus der Zeit nach 1864 und wurde es vom jeweiligen Autor bzw. Verlag nicht freigegeben, erscheinen lediglich Titelseite und einige Textauszüge. US-Nutzer sind hier im Vorteil: aufgrund der Gesetzeslage haben sie Zugriff auf sämtliche Werke, die vor 1923 erschienen sind. Mit welcher IP-Adresse man auch immer auf die Google Bücher-Suche zugreift: Praktisch eignet sich die Suche momentan hauptsächlich dafür, viele Klassiker der Weltliteratur kostenlos zu Hause am Bildschirm lesen zu können.
Alternativen zu Google Bücher: Europeana
Auf staatlicher Ebene bemüht sich die EU seit 2007, das Projekt Europeana voranzutreiben. Neben Büchern europäischer Autoren umfasst das Angebot auch Museen und Archive wie Filme, Fotos und Gemälde, die über das Netz zugänglich gemacht werden. Deutschlands Beitrag dazu ist die Deutsche Digitale Bibliothek, die Anfang Dezember 2009 gestartet wurde. Bis 2011 sollen der Europeana mehr als 30.000 deutsche Kulturgüter wie Filme, Bücher, Musik und Gemälde hinzugefügt werden.
Gallica

- Alternativen: Europeana, Gallica, Projekt Gutenberg (Foto: pixelio.de)
Das französische Pendant dazu nennt sich Gallica, verwaltet seine Bestände aber unabhängig von der Europeana. Da es schon 1997 gestartet wurde, zählt es zu den größten Digitalisierungsprojekten weltweit. Unter den knapp 800.000 urheberrechtsfreien Dokumenten finden sich von Büchern bis zu Gemälden ebenfalls sämtliche Arten von Kulturgütern.
Projekt Gutenberg
Eines der ältesten Vorhaben ist das Projekt Gutenberg, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1971 zurückgehen. Deutschsprachige Bücher bilden hier eher die Ausnahme (etwa 500 von insgesamt 25.000 Titeln), dafür findet man beispielsweise Audiodateien vorgelesener Bücher sowie das entschlüsselte Genom des Humangenomprojekts. Die Urheberrechte der einzelnen Titel sind dort ebenfalls schon ausgelaufen oder wurden nie beansprucht.
Aktuelle Entwicklungen
Neben namhaften US-amerikanischen Bibliotheken (Harvard, Stanford) stellen auch europäische Häuser wie Oxford ihre Bestände zur Verfügung – der erste deutsche Teilnehmer war 2007 die Bayerische Staatsbibliothek in München.
Rechtlich ist die Lage dennoch weiter ungewiss. Erst im Dezember 2009 verurteilte das Pariser Gericht Google zur einer Strafe von 300.000 Euro, weil das Unternehmen ohne Erlaubnis massenweise Bücher aus französischen Bibliotheken gescannt hatte. Google hat Berufung eingelegt, die Verhandlungen laufen.
In den USA konnte zwar eine Einigung mit den Verleger- und Autorenverbänden erzielt werden, die US-Justiz erhebt dagegen aber Einspruch wegen wettbewerbs- und urheberrechtlicher Bedenken. Am 18. Februar 2010 wurde die Entscheidung offiziell auf mehrere Monate in die Zukunft verschoben – zu komplex sind die unterschiedlichen Rechtsfragen, die berücksichtigt werden müssen. Und zu groß ist die fragliche Büchermenge, die dazu überprüft werden muss. Google bemüht sich währenddessen weiter um eine Zusammenarbeit mit den Verlagshäusern.
Digitalisierung unausweichlich

- Digitalisierung ist auch eine groß angelegte Archivierung von Wissen und Literatur (Foto:pixelio.de)
Trotz aller Bedenken liegt es auf der Hand, dass das Digitalisieren von Büchern kein vorübergehender Trend ist, sondern lediglich den Beginn einer groß angelegten Archivierung von Wissen und Literatur darstellt. Geistiges Gut ist anscheinend ein heißes Pflaster, die Diskussion darüber verläuft hitzig. Rationell stehen einige Vorteile (Wissen ist uneingeschränkt zugänglich und jederzeit kostenlos verfügbar) manchen Nachteilen gegenüber (drohender Einheitsbrei, englischsprachige Dominanz). Das Argument, dass Bücher Allgemeingut seien, die allen Nutzern zur Verfügung stehen sollten, ist jedoch zu stark, um die Idee an sich zu Fall zu bringen. An der Art der Umsetzung und der Frage, wer dies in welchem Ausmaß in Angriff nehmen wird, muss jedoch noch gefeilt werden.
Googles Arroganz als Hindernis
Dabei geht es geht weniger um die Idee an sich – die wird nämlich auch von Googles Kritikern wie Gallica und Europeana in kleinerem Rahmen umgesetzt – sondern mehr um die enorme Arroganz eines aufgeblähten Riesenunternehmens, das nach Ansicht der Kritiker glaubt, sich über geltendes Recht hinwegsetzen zu können. „Google hat bei seinem Buchprojekt die Inhaber von Urheberrechten nie um Erlaubnis gefragt. Und jetzt meint Google, alle Autoren müssten von Glück reden, wenn damit vielleicht ein bisschen Geld für sie abfällt“, meint beispielsweise Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einem FAZ-Interview vom 24. Februar 2010. Kontrovers bleiben die Verwertung mit Werbeinhalten und ein mögliches literarisches Monopol. Die unterschiedlichen Rechtslagen der einzelnen Staaten erschweren erheblich eine vernünftige Lösung, die sämtliche Parteien zufriedenstellt. Eine rasche Einigung wird so schnell wohl nicht erzielt werden.
[TD]
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