Brave New Russia?
- Russische, deutsche und internationale Vertreter auf dem Mediendialog der Deutschen Welle (DW). (Foto: d.bedürftig)
Die Machthaber in Aldous Huxleys dystopischem Klassiker „Brave New World“ (Schöne Neue Welt) greifen früh in die Entwicklung der Bewohner ihres Staates ein: bereits Embryonen und Föten werden manipuliert, und Kleinkindern wird die sofortige und permanente Befriedigung indoktriniert. Fortan beherrschen Konsum, Sex und Pläsier ihr Leben – kritische Gedanken, Bücher und Systemzweifel sind ihnen fremd. Darauf konditioniert, nicht nachzudenken, gibt es keinen Bedarf für Unbequemlichkeiten. Ein Sprung in die Realität: In Russland setzt die staatliche Lenkung später und subtiler ein, doch manipuliert wird auf ähnliche Art und Weise. Der DW Mediendialog identifizierte repressive Methoden des Kremls und stellte fest, dass es dennoch Grund zur Hoffnung gibt, wenn auch nur geringen.
Kreml-TV
Russen müsse man Bücher nicht verbieten, der Großteil von ihnen wolle schlichtweg gar keiner lesen, so der Büroleiter des Moskauer Korrespondentenbüros des Nachrichtenmagazins Focus, Boris Reitschuster. Logischerweise stimmt diese Aussage nur für einen Teil der Bevölkerung. Dennoch sind die Teilnehmer des Mediendialogs sich einig, dass Russlands Lenkung und Kommerzialisierung der Medien dazu führt, dass ihre Bürger immer weniger Interesse an investigativem und kritischem Journalismus zeigen. Der ehemalige WDR-Intendant und langjährige Korrespondent in der Sowjetunion, Fritz Pleitgen, verdeutlicht, wie das Fernsehen der Kontrolle Moskaus unterliegt. TV-Verantwortliche der großen Kanäle würden wöchentlich im Kreml vorgeladen, um ihr Sendeprogramm abzuklären. Kritik an Putin, Medwedjew und der Kirche sparen die TV-Stationen selbstredend aus – das Geld und die Vorteile, die sie dafür erhalten, kompensieren die Nachteile.

- Ministerpräsident Putin verkündete, es gäbe im Internet außer Pornographie nichts zu finden. (Foto: ec.europa.eu)
Wenig Zeitungs-Interesse
Zwar bemerken die Diskutanten, dass jedes Medium in Russland unterschiedlich starken Einschränkungen unterliegt, doch auch den Zeitungsmarkt regiert das Geld. Fritz Pleitgen kennt das Gefilde seit Jahrzehnten und zieht ein zermürbendes Fazit: Meistens stünden finanzstarke Oligarchen oder Banken hinter den Blättern – kritischen Journalismus lassen diese Machthaber nicht zu. Zudem sei der Einfluss der Zeitungen abgesackt, denn im Vergleich zur Sowjet-Zeit sanken die Auflagen drastisch. Seriöse Nachrichten, seien sie auch zensiert, scheinen die Bürger Russlands immer weniger zu interessieren.
Internet? Das ist nur Pornographie!
Ähnliches gilt scheinbar auch für das Internet. Galina Timchenko, Chefredakteurin des russischen Nachrichtenportals lenta.ru, erkennt eine enorme Kommerzialisierung des Online Marktes. Unterhaltung und Trash beherrschen die Online Medien, dazu Massen an Werbung. Entschließt man sich, gegen den Strom zu schwimmen und kritischen Journalismus zu bieten, ist man gezwungen, die Werbetrommel noch stärker zu rühren, da man mit politischen Themen nur eine kleine Leserschaft anzieht. Selbst Blogger verfallen der Polarisierung und sorgen laut Timchenko eher für Panikmache, so geschehen nach den jüngsten Terroranschlägen in Moskau und St. Petersburg, als investigativen Journalismus zu betreiben. Dabei ist laut Pleitgen im Internet soviel Kritik möglich wie sonst nirgends in der russischen Medienlandschaft. Ministerpräsident Putin zeige immer noch marginales Interesse am Internet – er verkündete, es gäbe dort außer Pornographie nichts zu finden. Insofern ist die Pressefreiheit im Internet durchaus beachtenswert. Russen kommen an jegliche Informationen; gesperrte Seiten sind die absolute Ausnahme. Allerdings braucht Putin das Internet kaum fürchten – auch wenn in der „Brave New World“ Bücher existierten: lesen wollte sie keiner.

- Russische Medien stehen unter Einfluss von Wladimir Putin. (Foto: pixelio.de/BirgitH)
Historische Ängste
Auch die deutschen Investitionen in den russischen Medienmarkt helfen dem politischen Journalismus nicht. Annika Sehl, Diplom-Journalistin vom Journalistik-Institut der TU Dortmund, verdeutlicht, wie deutsche Verlage hauptsächlich Unterhaltung produzieren, weil kritische Berichterstattung schwer möglich und meist nicht erwünscht ist. Die Diskutanten führen dies auf verschiedene Gegebenheiten zurück: Zunächst sei den Russen ein gewisse Angst immanent, ihre Meinung kund zu tun, die durch die jahrzehntelange Gewaltherrschaft unter Stalin geformt wurde. Putin ist ein Spezialist darin, mit dieser Angst zu spielen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass es sehr lange dauerte, bis in Deutschland die Presse wirklich frei war; sie wurde nach 1945 von Außen diktiert und noch lange danach von den Siegermächten eingeschränkt.
Putin: Das Alpha-Plus Männchen
Darüber hinaus sei es Russen laut der Gesprächsteilnehmer sicherlich nicht arteigen, Selbstzensur zu betreiben oder politisches Engagement zu meiden. Vielmehr wirken die durch den Fall der Sowjetunion entstandenen komplexen Strukturen repressiv – dazu kommt noch ein Mann namens Wladimir Putin. In der „Brave New World“ wurde eine Kaste zur Besten manipuliert, sodass aus ihr Alpha-Menschen zur Regierungselite heranreiften. Von den anderen Kasten wurde sie verehrt. In Russland ist der Chef dieser Regierungselite, das absolute Alpha-Plus Männchen, Wladimir Putin. Sein Einfluss auf die Medien ist auch seit der Niederlegung des Präsidentenamtes nicht gesunken. Paradoxerweise waren es in den 90er Jahren die Russen selbst, die beinahe freiwillig politische Freiheiten gegen Stabilität eintauschen. Besonders junge Mitglieder der Gesellschaft wünschten sich nach wilden Jahren unter Jelzin eine quasi-imperiale Herrschaft: Wladimir Putin wurde gesucht und gefunden. Viele Bürger sehen also keinen Sinn darin, die Regierung, die relative Stabilität und auch verhältnismäßigen Wohlstand gebracht hat, zu kritisieren und dabei auch noch die eigene Gesundheit zu riskieren. Es scheint die Regel gültig zu sein: Je größer die (relative) Prosperität, desto kleiner der Kampf für Demokratie und Pressefreiheit. Ohnehin ist der Demokratiegedanke nach westeuropäischen Vorstellungen in Russland nicht vorhanden – selbst Putin bezeichnet sich als lupenreinen Demokraten und meint das sogar ernst.

- Abhörwanzen im Büro zu entdecken gehört zum Alltag. (Foto: pixelio.de/Rainer Sturm)
Von Wanzen und dem Wagnis der Wahrheit
Was Pressefreiheit, oder eben deren Nicht-Vorhandensein, in Russland in Wirklichkeit bedeutet, davon kann Focus-Korrespondent Boris Reitschuster ein Lied singen. Anschaulich beschreibt er, mit Händen und Füßen fuchtelnd, was es heißt, in Russland gegen den Staat zu arbeiten: Abhörwanzen im Büro zu entdecken gehört zum Alltag, knallharter Umgang seitens der staatlichen Organe mit den Journalisten ebenso. Der Mord an Anna Stepanowna Politkowskaja 2006 erregte weltweit die Gemüter. Dass russische Journalisten täglich ihre Gesundheit und teilweise ihr Leben aufs Spiel setzen, wissen die Wenigsten. Männer in Zivil erscheinen, schlagen zu und die Polizei schaut weg – auch Reitschuster hat das bereits erlebt. Die Angst vor Putins Männern herrscht vor. Der Korrespondent kann es seinen vielen russischen Kollegen nicht verübeln, regierungstreu zu operieren. Journalisten, die die Rolle des kritischen Beobachters dennoch einnehmen, ist großer Respekt zu zollen. Im Großteil der Journalisten erkennt Boris Reitschuster allerdings den russischen Hang zum Fatalismus: Nach Jahrhunderten zaristischer und kommunistischer Gewaltherrschaft haben sie sich daran gewöhnt, dass man als Individuum nicht viel bewegen kann und Geduld zeigen muss.
Baldige Besserung nicht in Sicht
Am Ende des Buches „Brave New World“ diskutieren ein Aufständischer und der Weltenkontrolleur die Vor- und Nachteile der Schönen Neuen Welt. Ist Stabilität es wert, freies Denken aufzugeben? Während Aldous Huxley ein sehr negatives Fazit zieht, haben die Teilnehmer des DW Mediendialogs größtenteils Hoffnung, dass Russland mehr und mehr Türen für Pressefreiheiten öffnet. Galina Timchenko erkennt positive Veränderungen, seit der neue Präsident Dimitri Medwedjew im Amt ist. So hat Medwedjew Timchenkos Nachrichtenportal lenta.ru bereits mehrmals persönlich einen Kommentar zukommen lassen: so etwas hatte es unter Putin nie gegeben. Die offizielle Machtzweiteilung Putins und Medwedjews könnte auch dazu führen, dass die Angst unter den Bürgern nachlässt. Eine besondere Chance würde sich bieten, sollte 2012 bei der Präsidentenwahl Putin gegen Medwedjew antreten: beide Kandidaten benützten dann das TV für ihre Zwecke, was immerhin etwas mehr Liberalisierung im Wahlkampf erzeugen würde. Allerdings tendiert diese Möglichkeit mehr und mehr Richtung null. Und bis dahin wird Putin kaum seine Macht abgeben und weiterhin mit der Angst der Menschen spielen. Es wird deutlich: Veränderungen geschehen langsam im Ex-Zarenreich, dem ehemalig kommunistischen Staat namens Russland. Geduld braucht der Fatalist.
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