Mit Blick nach vorn wider des Vergessens

- Dr. Hans Jörg von Studnitz, Vorsitzender des deutsch-russischen Forums Berlin. (Foto: a.schramm)
European Circle: Herr Studnitz, wie ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland heute?
Studnitz: Erstaunlich gut. Es ist ein Verhältnis, was dadurch charakterisiert wird, dass die Deutschen die Russen mögen und die Russen die Deutschen. Für mich ist es immer wieder ein Wunder, zu erleben, dass die Russen den Krieg zwar nicht vergessen, sie ihn uns aber vergeben haben. Das ist eine großartige menschliche Haltung und die Basis für das heutige fruchtbare Verhältnis. Diese Einstellung der Russen ist für mich ein großes Wunder, wenn man sich einmal vorstellt, wie Deutsche in Russland gehaust haben. Generell herrscht das Gefühl vor: „Es ist furchtbar gewesen, was wir uns gegenseitig angetan haben, und das darf sich niemals wiederholen!".
European Circle: Sie waren im Jahr 1995 Botschafter in Moskau. Gab es auch damals schon dieses Empfinden bei ihren russischen Gesprächspartnern?
Studnitz: Durchaus. 1996 wohnte ich der Einweihung eines deutschen Soldatenfriedhofs in der Nähe Nowgorods bei, wo im 2. Weltkrieg schwere Kämpfe stattgefunden hatten. In der Sowjetzeit wurde dieser teilweise überbaut, alles war sehr verfallen. Doch genau bei solchen Anlässen wie der Einweihung eines Soldatenfriedhofs vermittelten die Russen das Gefühl, dass die Deutschen am Ende auch Opfer eines Schicksals gewesen sind, das beide Völker betroffen hat.
European Circle: Als Sie Botschafter waren, da war Boris Jelzin noch Präsident. Die Situation in Russland war eine völlig andere als heutzutage.
Studnitz: Die Neunziger Jahre sind deutlich zu unterscheiden von der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts. In den Neunziger Jahren war die russische Wirtschaft in einer außerordentlich schwierigen Situation, bis es 1998 mit dem Zusammenbruch des Rubels zum völligen Kollaps kam. Das waren Zeiten, in denen der Ölpreis, welcher in Russland eine ganz entschiedene Rolle spielt, extrem niedrig lag. Der lag etwa bei 10-15 Dollar pro Barrel. Heute reden wir von 85 Euro pro Barrel.
European Circle: Russland ist der zweit- oder drittgrößte Gas- und Erdölexporteur der Welt. Ist die russische Volkswirtschaft abhängig vom Energieexport?
Studnitz: Absolut. Nicht nur die Volkswirtschaft, sondern auch der soziale Standard des Landes hängen davon ab. Noch immer gibt es heute Menschen in Russland, die nur durch den Sozialtransfer aus dem Staatshaushalt überleben können. Dieser Staatshaushalt wird entscheidend geprägt und gespeist durch die Einnahmen aus dem Verkauf der Rohstoffe Öl und Gas. Wenn die Preise niedrig sind, dann kann auch nichts eingenommen werden - und genau das war die Situation in den Neunziger Jahren. Deshalb ging es der russischen Föderation damals so elend und so schlecht. Mit dem Regierungsantritt von Wladimir Putin am 1. Januar 2000 ist der Ölpreis, mit dem daran gekoppelten Erdgaspreis, ständig gestiegen. Die Folge: die Einnahmen sprudelten. Bis zum Finanzkrach 2008 haben sich in Russland Devisen-Reserven in Höhe von über 570 Milliarden Dollar angesammelt.
European Circle: Werden diese Reserven mit deutscher Hilfe in Form der Beratung durch das deutsch-russische Forum so angelegt und so ausgegeben, dass es den sozial Benachteiligten zu gute kommt?
Studnitz: Das ist leider das große Problem. Russland hat einen sehr klugen Finanzminister, Alexej Kudrin, der immer gesagt hat: " Wir dürfen das Geld nicht einfach verleben, sondern wir müssen es auch anlegen in ein Sozialfonds oder Wohlfahrtsfonds". Das hat man auch gemacht, und daraus standen die Mittel zu Verfügung, um die schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise im Jahr 2008/2009 abzufedern. Das Problem der russischen Wirtschaft besteht jedoch darin, das man die Jahre des Reichtums und des Überflusses nicht dazu genutzt hat, um in die Diversifizierung der russischen Wirtschaft zu investieren. Die Beratung dafür ist eher die Aufgabe des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft.
Das deutsch-russische Forum ist...
European Circle: Was macht das deutsch-russische Forum mit Sitz in Berlin genau?
Studnitz: Unmittelbar nach der Wende setzten wir uns das Ziel, Menschen zusammenzubringen, welche Russlandkenntnisse und -erfahrungen haben und die im großem Umfang auch russisch sprechen. Diese Verbindungen nutzten wir, um menschliche Kontakte zu etablieren und um unserer Wirtschaft unter die Arme greifen zu können. Durch das Zusammenführen von Menschen haben wir deutschen Firmen den Weg nach Russland erheblich erleichtert. Seit 1993 organisieren wir so genannte "Young Leader" -Seminare, wo wir etwa 20 junge Deutsche und junge Russen für eine Woche zusammenbringen. Die Vorraussetzung ist dabei, dass beide Seiten deutsch und russisch fließend sprechen können. Jedes Jahr machen wir zwei solcher Seminare, eines in Russland und eines in Deutschland. Dadurch haben wir mittlerweile ein fantastisches Netzwerk. Das ist es, was das deutsch-russische Forum erreichen will: Deutsche und Russen miteinander zu vernetzen, so dass man Vertrauen zueinander gewinnt. Wir laden daher auch jedes Jahr russische Redner ein, welche Vorträge über ihr Land halten.
European Circle: Medwedjew war einer von ihnen und hat eine sehr beeindruckende Rede über die Freiheit gehalten. Da schließt meine Frage an: das deutsch-russische Forum bringt gerade die Deutschen zusammen, die vom freiheitlichen Geist beseelt sind und die Russen, die von diesem Geist befruchtet werden sollen.
Studnitz: Aus diesem Grund organisieren wir einmal im Jahr die so genannte "Potsdamer Begegnung", die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht. Dort bringen wir Künstler, Wissenschaftler, Journalisten und Professoren zu einem Gedankenaustausch über für beide Länder wichtige Fragen zusammen, wie zum Beispiel Immigration und demographische Probleme. Dieses Jahr werden wir die Aufgaben des kommenden Jahrzehnts benennen, was auch als Antwort auf das Jahr 1945 zu verstehen ist. Wir wollten ganz bewusst nicht nur in historischer Gebundenheit auf ein Ereignis zurückschauen, sondern die Herausforderungen angehen, vor denen wir in Anbetracht unserer Geschichte stehen. Wichtige Themen sind: "Wie schafft man Arbeit, so dass die Menschen davon leben können?" oder "Wie schafft man die Bildungsvoraussetzungen, welche sehr wichtig sind, um in der heutigen Welt bestehen zu können?".
European Circle: Eine Frage, die nicht weniger wichtig ist lautet: "Wie schafft man die freiheitlichen Rechtsvoraussetzungen, damit man überhaupt in einem solchem System leben kann?" Wird diese Frage von Russen an den Rand geschoben?
Studnitz: Russen wissen, dass das von großer Wichtigkeit ist, doch sie haben ein tiefes Misstrauen gegenüber ihrer Justiz und gegenüber ihrem Rechtsstaat. Das liegt ganz entscheidend daran, dass in Russland der Staat stets von oben verstanden worden ist. Das Bewusstsein, dass ich als Mensch ein Recht habe auf die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit, wie es bei uns im Grundgesetz steht, ist etwas, was die Russen sehr gerne hätten. Um in diesem Bereich gestaltend eingreifen zu können sind aber die Initiativen von unten zu schwach. Im Dialog mit den Russen können wir diese Gedanken allmählich fördern und entwickeln. Dabei darf man natürlich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf sie zugehen und ihnen erklären, wie das so läuft.
European Circle: Gibt es eine besondere Veranstaltung zum 08. Mai "65 Jahre Kriegsende" bei ihnen?
Studnitz: Also wir machen keine eigene Veranstaltung. Schließlich ist unsere ganze Aktivität etwas, was den Kontrapunkt setzt zu all dem, was sich im Krieg an zerstörerischen Kräften entfaltet hat. Und wir wollen gerade die friedlichen, freundschaftlichen, Völker verbindenden und Verständigung schaffenden Elemente in das Zentrum unserer Aktivität erheben. Somit ist unser ganzes Forum die Antwort darauf, was in den Jahren 1941-45, und auch noch manches Jahr danach, so gänzlich schief gelaufen ist.
[PB]
Mehr Infos:
Dr. Hans Jörg von Studnitz war Botschafter in Russland von 1995-2002.
Ist nun Vorsitzender des deutsch-russischen Forums Berlin
