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Das Märchen vom Feierabend

- Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen immer mehr. (Foto: pixelio.de/Paul-Georg Meister)
Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr im Büro. Samstag und Sonntag frei. Ein paar Wochen Urlaub im Jahr, ein bisschen Weihnachtsgeld und das immer aufs Neue. Was sich wie der Alptraum anhört, erscheint plötzlich märchenhaft im Vergleich zur alltäglichen Praxis vieler: Schichtdienst, abrufbar auch am Wochenende. Anrufe aus dem Büro nach Feierabend. Dienstliche Emails kriegen - egal ob am Wochenende oder im Urlaub - mit der Bitte um Erledigung “asap”: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen nicht mehr nur, wenn es um die unliebsamen Überstunden geht. Wie das bewertet wird, erforschte der Hightech-Verband BITKOM.
Die Studie
BITKOM, das ist der „Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.“. Durch diesen Verband werden regelmäßig Studien durchgeführt. Dieses Mal ging es um „Connected Worlds“ und damit um die Tatsache, dass die neuen Techniken aus dem Alltag der Menschen nicht mehr wegzudenken sind. Unter dem Motto „Connected Worlds“ präsentiert BITKOM auch auf der CeBIT, wie Lebens- und Technikwelten durch das Internet zusammenwachsen. Und das hat natürlich seine Folgen. Viele nutzen das Internet heute für Dinge, die früher dem direkten menschlichen Kontakt vorbehalten waren - als da wären einkaufen, Freundschaften pflegen, sogar Partner finden und berufliche Kontakte knüpfen.

- BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer (Foto: bitkom.org)
Ergebnisse
Ganze 57 Prozent der Benutzer frischen über das Internet Freundschaften auf, 36 Prozent knüpfen gleich neue und immerhin ganze 18 Prozent haben über das Internet einen festen Partner kennengelernt - Tendenz steigend. Doch das Internet ist auch eine große Wissensquelle. So nutzen es 62 Prozent zur Verbesserung ihrer Allgemeinbildung, 51 Prozent zur Verbesserung ihrer beruflichen Bildung und 44 Prozent der Benutzerinnen und Benutzer haben über das Internet sogar Kontakte für den Job geknüpft. Auch der BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer bestätigt die Kernbotschaft der Studie: Berufs- und Privatleben sind nicht mehr klar trennbar.
Das Beispiel Saskia
Saskia ist eine der Sachbearbeiterinnen in einem der zahlreichen deutschen Behörden und ist von den schwimmenden Übergängen zwischen Privatheit und Beruf nicht ausgenommen. Dass durch Internet und Handy die Grenzen zwischen ihrer Arbeit und ihrem Privatleben gefallen sind, bestätigt nach BITKOM fast jeder zweite Berufstätige (43Prozent). So auch Saskia. Sie ist erst seit Kurzem im Amt beschäftigt, aber dennoch schon regelmäßig nach Feierabend erreichbar: Sie antwortet abends beim Kochen auf Fragen zu erteilten Genehmigungen oder gestrichenen Terminen. Auch hat sie es sich angewöhnt, ihre dienstlichen Emails vor dem Schlafengehen noch mal kurz zu kontrollieren - bevor sie sich am nächsten Tag dafür rechtfertigen muss, es nicht getan zu haben. Oftmals sind die Anliegen nicht einmal wirklich wichtig - aber so funktioniert die schöne neue dynamische und flexible Berufswelt eben - und so ist Feierabend für Saskia ein ausgesprochen dehnbarer Begriff geworden.

- Etwa zwei Drittel der Berufstätigen sind nach Feierabend regelmäßig für Kunden, Kollegen oder den Chef erreichbar. (Foto: pixelio.de/ Christoph Droste)
Vor- und Nachteile
Trotz solcher Vorkommnisse, die bei Weitem kein Einzelfall sein dürften, bewerten immerhin 31 Prozent den schwimmenden Übergang zwischen den Lebensbereichen als positiv, darunter vor allem die berufstätigen Frauen. 16 Prozent, dazu zählt Saskia, bewerten ihn als eher negativ, und 53 Prozent betonen gleichermaßen gute wie schlechte Seiten. Mit diesen ‚guten Seiten’ sind etwa die private Nutzung des Internets während der Arbeit gemeint. Das nutzt zwar auch Saskia, aber sie findet die Erreichbarkeit nach Feierabend im Ausgleich dafür dennoch als einen schlechten Tausch. Und die Zahlen geben ihr Recht: Etwa zwei Drittel der Berufstätigen sind nach Feierabend regelmäßig für Kunden, Kollegen oder den Chef per Internet oder Handy erreichbar. Aber nur 43 Prozent der Berufstätigen gaben an, das Web während der Arbeit für private Zwecke und damit zu ihrem Vorteil zu nutzen. Scheer rät den Unternehmen, ausgleichend klare Regeln für die private Internet-Nutzung im Job und für die Erreichbarkeit der Mitarbeiter außerhalb der regulären Arbeitszeit zu formulieren - und das im Interesse beider Seiten.
„Creative Industries“
Über diesen „Normalfall“ hinaus haben sich aber auch neue Berufsbilder mit neuen Erfordernissen der Flexibilität herausgebildet. Die „Creative Industries“ gelten als Vorreiterinnen neuer Erwerbsformen und auch neuer Formen von Arbeit und Leben. Zu ihnen gehören etwa Architektur, Werbung, Design oder auch IT-Dienstleistungen. Die Vorgesetzten in Berufen aus diesen Sparten stellen andere Anforderungen an das Verhältnis ihre Angestellten zur Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Beide Bereiche überschneiden sich zunehmend zeitlich. Die Chefs erwarten und verlangen Flexibilität, was den Zeitraum und auch die Zeitspanne der Arbeitszeiten anbelangt und betrachten das Gehalt, das sie ihren Angestellten zahlen, als eine Art Flatrate. Neben diesen ‚zeitlichen Entgrenzung’ kommt aber auch noch eine räumliche hinzu: Die neuen Arbeitskräfte sollen auch immer mobiler sein. Die Frage, die sich die Sozialforschung nun angesichts der zunehmenden und nicht zu leugnenden Vermischung von Beruf und Privatleben (ob nun in ‚normalen’ Berufen oder den „Creative Industries“) stellt : Gelingt es den Beschäftigten, die mit der Flexibilisierung verbundenen Möglichkeiten zu nutzen eine neue Balance zwischen Berufsarbeit und Leben aktiv zu gestalten? Das fragen wir uns auch…
[NP]









