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Russland schrumpft

- Die russische Bevölkerung wird in den kommenden Jahren schrumpfen (Foto: pixelio.de/Stefanie Hofschlaeger)
“Wenn wir das Rentenalter auf 65 erhöhen, dann werden die meisten Männer in Russland ihre Rente nicht mehr erleben”, sagt die Moskauer Demografin Victoria Sakevich und stellt damit ein “spezifisch russisches Problem” dar: Während in Europa die Lebenserwartung ständig steigt, so bleibt sie in Russland konstant, ist in den vergangenen Jahren zum Teil sogar zurückgegangen. Die Folge: Ein Bevölkerungsschwund in Russland steht bevor – von derzeit knapp über 140 Millionen Einwohnern auf 130 Millionen in 15 Jahren (2025). Die “15. Deutsch-Russischen Herbstgespräche” in Berlin widmeten sich diesem Thema und gingen der Bevölkerungsentwicklung auf den Grund.
Zigaretten und Alkohol
Russische Männer sterben jung, zumindest aus deutscher Sicht. Haben Männer hierzulande eine Lebenserwartung von rund 77 Jahren, so sind es in Russland nur 62 Jahre. Schuld daran ist ihr ungesunder Lebensstil: Die Russen sterben zum Großteil an Herz-Kreislauferkrankungen. “Können wir überhaupt eine gesunde Lebensweise propagieren, wenn Zigaretten und Alkohol so billig, Sporteinrichtungen hingegen sehr teuer sind?”, fragt sich die Juristin Rima Sharifullina aus St. Petersburg. Zwar gäbe es in Russland Anti-Alkohol-Kampagnen, aber keinen Komplex von Maßnahmen, der zu einer Verhaltensänderung der Menschen führen könnte.
Geringe Geburtenrate
Dass Russland schrumpft, liegt aber nicht nur an der geringen Lebenserwartung. 1,4 Kinder werden pro Frau durchschnittlich geboren, ähnlich wie in Deutschland. Bei den gegebenen Sterblichkeitsverhältnissen müsste die Rate bei 2,1 liegen, um die Einwohnerzahl konstant zu halten. Obwohl man von den rückläufigen Geburtenraten seit Jahrzehnten weiß, so sieht die Münchner Soziologin Sabina Schutter einen Wandel in der Wahrnehmung: “Solange Familie Privatsache war, war sie Frauensache. Wenn Familie aber wirtschaftlich interessant wird, dann wird sie zur Männersache und damit politisch relevant.”
Eine kleine Gruppe von Erwerbstätigen muss Russland künftig mit Steuern versorgen, für Kinder und Rentner aufkommen. Und wie reagiert der Staat auf das Dilemma? Er versucht, das Kinderkriegen mit finanziellen Mitteln attraktiver zu machen – beispielsweise mit dem “Mutterschaftskapital”, das 2007 in Russland eingeführt wurde. Bei der Geburt eines Kindes erhält die Mutter 8.500 Euro, das sie bis auf 300 Euro nur für Wohnraum, Bildung oder die Rentenversicherung ausgeben darf.
Migration unerwünscht
Angesichts sinkender Geburtenraten und stagnierender Lebenserwartung ist Migration die einzige Möglichkeit, den Bevölkerungsschwund in Russland zu stoppen. Das Problem dabei: “Die öffentliche Meinung gegenüber Migranten ist sehr negativ.” Victoria Sakevich verdeutlicht ihre Aussage anhand von Zahlen: Bei einer aktuellen Umfrage gaben 46 Prozent der befragten Russen an, nicht neben Migranten leben zu wollen. Nur Drogenabhängige und Ex-Sträflinge sind noch unbeliebter.
Bisher konnte Russland nur die Hälfte seines Bevölkerungsschwundes durch Zuwanderung kompensieren. In den 1990ern war die Migration durch den Zerfall der Sowjetunion allerdings noch eine “innerrussische”, heute kommen die Einwanderer aus anderen Kulturkreisen. Dadurch entstehen Herausforderungen, die in Deutschland schon länger bekannt sind, “für Russland sind sie neu”, erklärt Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Entwicklung und Bevölkerung. Wollte man den Rückgang der russischen Bevölkerung heute nur durch Zuwanderung kompensieren, so bräuchte man eine Million Zuwanderer pro Jahr. “So viele kann kein Land integrieren”, gibt die Demografin Sakevich zu bedenken.
Demografie gestalten
Eine verzwickte Lage also, in der sich nicht nur Russland befindet. “Wir müssen den demografischen Wandel gestalten und die Sozialpolitik darauf ausrichten”, schlägt Irmingard Schewe-Gerigk als “Ausweg” vor. Es müsse etwa die Pflege neu gestaltet und die Arbeitswelt verändert werden – “Wenn ich mich nur von einem befristeten Arbeitsplatz zum nächsten hangele, dann überlege ich mir das mit dem Kinderkriegen auch.” Auch das Militär müsse umstrukturiert werden, denn mangels Rekrutennachwuchs wird es schwer sein, die Verteidigungsfähigkeit eines Landes aufrecht zu erhalten.
Aber auch innerhalb Russlands gibt es Probleme, das Land zusammenzuhalten. “Wir sind zu individualisiert. Jeder lebt für sich alleine nach seinen eigenen Gesetzen”, sagt Basan Sacharov vom Forum Junger Familien in der Republik Kalmückien. Politische Mächte, die den innerrussischen Zusammenhalt stärken wollen, gäbe es nicht. “Damit Russland auch weiterhin als Nation besteht, brauchen wir aber Politiker, die so etwas wollen.”
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