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Das Kind als Risiko

- In Russland haben es junge Mütter nicht leicht. (Foto: pixelio.de/Gerd Altmann)
Nadeschda Kaliberda hat vor kurzem ihr erstes Kind bekommen – eigentlich ein Grund zur Freude. Doch das Mutterglück ist getrübt: Kaliberda hat durch ihre Schwangerschaft und die Geburt ihres ersten Kindes ihre Arbeit verloren. In Russland ist das keine Seltenheit. Junge Frauen entscheiden sich daher immer öfter gegen Kinder. “Viele gut ausgebildete Frauen in den Großstädten wollen das Risiko nicht eingehen, ein Kind zu bekommen, um ihre Arbeit nicht zu verlieren”, bringt die Juristin Rima Sharifullina aus St. Petersburg die Lage auf den Punkt. Bei den “Deutsch-Russischen Herbstgesprächen” in Berlin, die in diesem Jahr zum 15. Mal stattfanden, wurde über die patriarchalischen Verhältnisse und die Situation der Frauen in Russland referiert und diskutiert.
Diskriminierung am Arbeitsplatz
Im September 2008 gab es aufgrund der Wirtschaftskrise eine Entlassungswelle in Russland – davon betroffen waren vor allem schwangere Frauen und Frauen mit kleinen Kindern. Rima Scharifullina leitet die Nichtregierungsorganisation Egida in St. Petersburg. Sie setzt sich für Menschen ein, deren Arbeitsrechte missachtet werden. Zwischen Juni 2009 und Juni 2010, so schildert Sharifullina, hätten sich 900 Leute bei Egida gemeldet, zwei Drittel davon seien Frauen gewesen. “Die Gesetzgebung in Russland kennt den Begriff Diskriminierung nicht, das heißt, dass Diskriminierungen der Frauen am Arbeitsplatz nicht anerkannt werden”, erklärt die Juristin.
Russische Politik: eine Männerdomäne

- Der Regierungssitz in Moskau (Foto: commons.wikipedia.org/Jürg Vollmer/Maiakinfo, CC by-sa 3.0)
In der russischen Politik sind patriarchalische Strukturen fest verankert: nur zehn Prozent der Politiker in der Staatsduma sind Frauen. “Und die Männer machen sich über solche Probleme keine Gedanken”, sagt Sharifullina. Natalia Karpovich ist eine der weiblichen Mitglieder der Staatsduma und stellvertretende Vorsitzende des Komitees für Familie, Frauen und Kinder. Hört man ihr zu, verliert man den Glauben daran, dass die wenigen Frauen, die Politik machen, an den Strukturen etwas ändern wollen: “Ich denke, dass ein Mann dazu geboren ist, Ernährer zu sein. Ich versuche, ihn stark zu machen.” Oder: “Ich bin eine schwache Frau, einfach weil ich eine Frau bin.” Eine Frau, die sich gleichberechtigt fühlt, sagt so etwas nicht.
Geburtenrate steigt, aber nicht mehr lange
Dabei trägt die geringe Geburtenrate in Russland ihren Teil dazu bei, dass das Land mit einem enormen Bevölkerungsschwund konfrontiert ist. Demografen gehen davon aus, dass Russland anno 2025 nur mehr 130 Millionen Einwohner haben wird, derzeit sind es noch über 140 Millionen – ein Minus von fast zehn Prozent in nur 15 Jahren. Während die Geburtenrate in Russland derzeit noch steigt, wird sie innerhalb der nächsten zehn Jahre rasant zurückgehen. Mit der Familienpolitik der russischen Regierung habe der jetzige Anstieg nämlich nichts zu tun, ist Victoria Sakevich überzeugt, die als Demografin in Moskau tätig ist. Der Grund für die (noch) positive Entwicklung der Geburtenrate liegt nämlich darin, dass der Anteil der russischen Frauen im gebärfähigen Alter (zwischen 20 und 34 Jahren) Anfang 2000 gestiegen ist. Hinzu kommt, dass viele Russen nach dem Zerfall der Sowjetunion ihren Kinderwunsch zunächst aufgeschoben haben und sich derzeit erfüllen. Zu schwierig war die Wirtschaftslage, zu groß die Veränderungen im Gesamtssystem. Ab 1999 bekamen die Russinnen dann wieder mehr Kinder.
Erziehung ist Frauensache
Erziehung ist in Russland immer noch reine Frauensache – daran will die Politik offenbar nichts ändern. Zwar kann das Elterngeld während einer Karenzzeit sowohl von der Mutter als auch vom Vater in Anspruch genommen werden. Da aber die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern noch immer sehr groß ist, nehmen nur zwei Prozent der Männer diese Möglichkeit in Anspruch. “Das Elterngeld ist weit geringer, als das Gehalt des Vaters wäre”, so Sharifullina.
Russische Verhältnisse
Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Auszahlung der staatlichen Beihilfe. Der Sozialfonds, der die Mittel vergibt, soll sie an die Arbeitgeber auszahlen. Letztere sollen das Elterngeld anschließend an die Arbeitnehmer weitergeben. In vielen Fällen geht der Elternteil, der sich in der Karenzzeit befindet, dann allerdings leer aus – und das ist sehr oft die Frau. Ohne die Beihilfe bzw. zwei Einkommen können sich viele Paare das Familienglück jedoch gar nicht leisten.
Es ist das Spiel mit dem schwarzen Peter: Während der Sozialfonds behauptet, das Geld dem Arbeitgeber überwiesen zu haben, sagt Letzterer wiederum, nie Geld vom Sozialfonds bekommen zu haben und selbst Schulden machen zu müssen, um dem Arbeitnehmer Geld überweisen zu können. Sharifullina verlangt deshalb die direkte Auszahlung der Mittel vom Sozialfonds an die Arbeitnehmer. “Der Sozialfonds ist aber komplett gegen die Änderung, er behält die Mittel und will das Geld deshalb nicht direkt an die Frauen auszahlen müssen.”
Fehlender gesellschaftlicher Zusammenhalt
“Wenn man wirklich Maßnahmen haben will, die wirken, dann braucht man die Initiative aus der Basis”, erklärt Anna Temkina von der Europäischen Universität in St. Petersburg ein weiteres Problem für Mütter in Russland – der fehlende Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft. Russische Nichtregierungsorganisationen seien sehr schwach. Auch Basan Sacharov vom Forum Junger Familien der Republik Kalmückien sagt: “Wir sind zu individualisiert. Familien dürfen aber nicht das Gefühl haben, mit ihren Problemen alleine gelassen zu werden.”
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