Dienstag, 15. Februar 2011

Von: KS

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Keywords:
Lebensqualität | Bruttoinlandsprodukt | Enquete-Kommission | Wachstum
Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”

Wie misst man “wahren” Fortschritt?

Daniela Kolbe
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe (Foto: Deutscher Bundestag/ Lichtblick/ Achim Melde

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe aus Leipzig, Diplom-Physikerin und erst 30 Jahre alt, hat eine äußerst schwierige, zugleich außerordentlich spannende Aufgabe vor sich: Sie ist Vorsitzende der Mitte Januar 2011 eingerichteten  neuen Enquete-Kommission  “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”. Das Gremium soll das bislang rein ökonomisch ausgerichtete Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen um ökologische, soziale oder kulturelle Kriterien ergänzen. Ein ziemlich theoretisch wirkender Auftrag, der allerdings in seinen praktischen Folgerungen gesellschaftspolitisch einschneidende Ergebnisse zeitigen könnte. Wobei durchaus fraglich ist, ob das Unterfangen in einer Legislaturperiode zu bewältigen sein wird.

Neuer Indikator für Fortschritt

Die 34 Mitglieder dieses Ausschusses – 17 Bundestagsabgeordnete und 17 Wissenschaftler – sollen die Kriterien für das BIP weiterentwickeln und ergänzen und einen, wie die Vorsitzende sagt, “neuen Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt” erarbeiten. In die Messung des Wohlstands sollen im Unterschied zum BIP etwa auch die Verteilung des Reichtums, der Lebensstandard oder das Bildungsniveau einbezogen werden. Kritisiert wird schließlich, dass die negativen Folgen des Klimawandels oder der Verknappung von Ressourcenvorkommen bislang ausgeklammert werden. Und weiter: Das BIP bilde Wachstum und Lebensqualität nur unvollständig und verzerrt ab. So könnten Faktoren das quantitative Bruttoinlandsprodukt steigern, die eigentlich Schäden anrichten und deshalb den Wohlstand verringern. Werde beispielsweise eine neue Straße gebaut, dann treibe dies die BIP-Raten nach oben, der gleichzeitige  Verlust an Natur falle hingegen unter den Tisch.

Frankreich mit ersten Überlegungen

Das Stichwort heißt also “qualitatives Wachstum”. Ein Begriff, der fast 40 Jahre alt ist und an dem sich schon 1972 der “Club of Rome” abgearbeitet hatte. Es geht um die Erarbeitung einer neuen Messmethode  für Lebensqualität.  Wissenschaftler grübeln darüber schon lange; die Diskussion wird anderswo aber auch auf politischer Ebene geführt. So präsentierte beispielsweise eine in 2009 vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzte Kommission Vorschläge für einen neuen “Wohlstands-Indikator”. Darin sollen nach französischer Vorstellung neben Einkommen und Konsum auch solche “theoretische” Begriffe wie Freiheit der politischen Betätigung, der Zugang zu Bildung, Freizeitmöglichkeiten, gesundheitliche Betreuung oder ehrenamtliche Arbeit integriert sein.

Ein differenzierter Katalog

Der Ansatz der neuen Enquete-Kommission unter dem Vorsitz von Daniela Kolbe hat ihren Prüfungsauftrag weiter gesteckt und differenzierter gefasst. Der Katalog besteht im Detail aus Verteilung des Wohlstandes, der Arbeitsqualität, der Lage von Natur und Umwelt, der Lebenserwartung, den Bildungschancen, dem materiellen Lebensstandard, der sozialen Sicherheit – oder der subjektiven Zufriedenheit der Menschen. Dieser letzte Punkt ist allerdings zum Start in die Arbeit der Enquetekommission umstritten. Denn Zufriedenheit wird in der Bevölkerung unterschiedlich wahrgenommen und definiert - und ist somit kaum messbar.

Hoffnung auf breite Diskussion

Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit ihrer Arbeit will die Kommission keineswegs das BIP abschaffen; es soll weiter erhoben werden. Aber der Auftrag heißt, einen reformierten Fortschritts-Indikator zu erarbeiten, der sich durchaus auf das Bruttoinlandsprodukt als Messgröße stützt, diese Kategorie jedoch modifiziert und durch neue Kriterien ergänzt. Ob der bereits zu einer neuen Politik, zu mehr sozialer Gerechtigkeit, zu mehr kulturellen Angeboten, zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit führt, ist zum Start der Kommissionsarbeit offen. Aber schon allein die öffentliche Diskussion, die breit geführt werden soll, könnte nach Ansicht der Abgeordneten Kolbe ein Umdenken in Politik und Gesellschaft bewirken.

[KS]