Seite ausdrucken
Der individuelle Weg des Lernens

- Strafgefangenen soll computergestütztes Lernen ermöglicht werden (Foto: www.pixelio.de/ Konstantin Gastmann)
Berufliche Tätigkeit ist wesentlich für eine erfolgreiche Integration in eine Gesellschaft. Das gilt auch für Strafgefangene. Eine Studie der Initiative “Marktorientierte Ausbildungs- und Beschäftigungsintegration” in Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass ehemalige Strafgefangene mit Berufsausbildung und einem Arbeitsplatz eine deutlich geringere Rückfallquote aufwiesen als ungelernte und Arbeitslose. Demnach werden ungelernte arbeitslose Strafentlassene bis zu 90 Prozent rückfällig, wogegen das Risiko mit einer Arbeit, die auch den Lebensunterhalt garantiert, auf 30 Prozent sinkt.
Die Wiedereingliederung von Häftlingen in die Gesellschaft ist ein schrittweiser Prozess. Darum sollte die Vorbereitung dafür schon im Gefängnis beginnen. Das aber ist gar nicht so einfach: Denn zum einen fehlt es in vielen Einrichtungen an qualifizierten Angeboten, und zum andern könnten die Voraussetzungen der Häftlinge nicht unterschiedlicher sein: im Hinblick auf Vorkenntnisse und Lernerfahrungen, Alter und Herkunft sowie Dauer der Haftstrafe.
LICOS: Mehr als eine Lernplattform
Beim EU-Projekt LICOS (Learning Infrastructure for Correctional Services - www.licos-web.eu ) unter der Federführung der Universität Bremen eignen sich Strafgefangene mit Hilfe einer Computer-Plattform selbständig einen Lernstoff an. Der Lehrer übernimmt dabei nur die Rolle eines Beraters; er erläutert und begleitet. Die sechs an dem Projekt teilnehmenden Länder Norwegen, Niederlande, Österreich, Spanien, Ungarn und Deutschland werden die Plattform in ausgewählten Einrichtungen testen und an ihre speziellen Bedürfnisse anpassen.
Die Wissenschaftler der Universität Bremen, die bereits seit Jahren zu dem Thema forschen, wollen in einem nächsten Schritt die Häftlinge vom ersten bis zum letzten Tag im Gefängnis begleiten. Sie wollen für jede Person einen individuellen Bildungsplan erstellen und die erworbenen Qualifikationen an die späteren Arbeitsvermittler übermitteln.
Mehr Wahlmöglichkeiten
“Der moderne Arbeitsmarkt braucht professionelle Fähigkeiten”, sagte LICOS-Projektleiter Jürgen Friedrich 2010 bei einem internationalen Forum zur Beschäftigung ehemaliger Strafgefangener im spanischen Valencia. Genau da setze das neue e-Learning Projekt LICOS an: Durch den Modul-Charakter der einzelnen Lernprogramme sind sowohl kurzzeitige Qualifizierungen als auch weitere Spezialisierungen möglich. Damit erweitern sich auch die Wahlmöglichkeiten für Berufsbilder, die sich in Gefängnissen sonst eher auf niedrig qualifizierte Tätigkeiten beschränken. Ganz nebenbei verbessert sich dabei die Medienkompetenz der Lernenden.
Synthese von best practice-Beispielen
Neu an der Plattform LICOS ist, dass sie positive Erfahrungen aus bisher bestehenden, computergestützten Lernprogrammen in verschiedenen Ländern integriert: etwa aus England, wo universitäre e-Learningsprogramme in Haftanstalten zugänglich sind, und aus Österreich wo es ein sogenanntes Peer-Learning gibt, bei dem ein Häftling dem anderen hilft. Aus Norwegen und Dänemark werden spezielle Maßnahmen zur Computer-Sicherheit übernommen, die in Gefängnissen besonders wichtig ist. Denn Gefangene sollten beispielsweise nicht übers Internet ihren Ausbruch organisieren.
Chance für Migranten
Selbst dort, wo es schon adäquate Trainingsprogramme gibt, sind sie meist ungeeignet für Menschen mit Migrationshintergrund: Denn zum einen gibt es keine muttersprachlichen Lehrer, und zum anderen sind die meisten bisherigen Lehrmaterialien einsprachig. Dem soll das neue System abhelfen: Da LICOS eine europäische Plattform ist, können Migranten auf multilinguale Lernmaterialien zugreifen und via Internet von Trainern ihres Herkunftslandes betreut werden. Diese überwachen dann auch die Sicherheit am PC.
[GD]









