Montag, 11. April 2011

Von: CH

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Körber-Forum | Parag Khanna | UN | Gaddafi | China
Parag Khanna diskutiert im Körber-Forum neue Weltordnung

Eine neue Diplomatie in unsicheren Zeiten

Der indisch-amerikanische Experte für internationale Beziehungen Parag Khanna deutet im Gespräch mit dem Chefredakteur des Spiegel Georg Mascolo im Körber-Forum Hamburg die Welt von morgen bunt und chaotisch. Beinahe wie im Mittelalter. Flugverbotszone über Libyen, arabische Diktatoren fallen, Atomkraftwerke werden zu Sarkophagen von Ländern. Die Welt ist im Wandel. Wer kann heute bereits Antworten für die Welt von morgen geben? European Circle-Reporterin Claudia Hangen war dabei.
Parag Khanna
Der indisch-amerikanische Experte für internationale Beziehungen Parag Khanna (Foto: paragkhanna.com /World Economic Forum Annual Meeting 2011)

Der indisch-amerikanische Khanna aus der Denkfabrik New America Foundation in Washington D.C. wagt die Prognose. Denn nach seiner Ansicht zeichnet sich schon heute ab, was morgen sein wird. So sieht Khanna in vierzig Jahren eine multipolare Welt, die den neuen Umwelt- und Sicherheitsrisiken mit vor allem lokalen Lösungsansätzen entgegentritt.

Die Konturen der neuen Diplomatie

Schon heute zeichnen sich neue, geopolitische Bündnisse ab, die vor einem Jahrzehnt noch gar nicht denkbar gewesen wären. So erlaubt die Arabische Liga erstmals eine Flugverbotszone über Libyen und steht für den Schutz der Zivilbevölkerung sowie den Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi ein. Der UN-Sicherheitsrat agiert damit Hand in Hand mit der Arabischen Liga. Ein spektakuläres Novum in den internationalen diplomatischen Beziehungen zwischen der Supermacht USA und einem bedeutenden Akteur des Nahen und Mittleren Ostens. “Der Libyeneinsatz zeigt eine Welt der Megadiplomatie. Es ist eine Koalition aus den wichtigsten Akteuren, Regierungen und Organisationen”, erklärt Parag Khanna im Hamburger Körber-Forum während seines Deutschlandbesuchs. In der sich neu abzeichnenden Weltordnung entstehen ungeahnte, regionale Bündnisse, globales Chaos und ein buntes Akteurspottporie. In die Mottenkiste gehören dann die Diplomatie der Väter sowie die Diplomatie von Großorganisationen wie des UN-Sicherheitsrates.

Neue Supermächte leuchten am Firmament

Neue Supermächte wie China, Indien und Brasilien, als dritte Säule des Westens, sowie Lateinamerika beherrschen zunehmend die Welt, während absteigende Mächte wie die USA und Russland allmählich von der Weltbühne zurücktreten. Die Welt von morgen ist global gefährdet, aber multipolar gesteuert. Ein Szenario, das Parag Khanna an das Mittelalter erinnert. Schon heute erklären die USA, dass sie die Federführung im Libyeneinsatz aufgeben. Libyen sei nicht Afghanistan. Bodentruppen sind nicht im Einsatz. Barack Obama, in dessen Wahlkampfteam Khanna arbeitete, zeigt im Unterschied zu George W.Bush keine große Konfliktbereitschaft in der arabischen Welt. Im Vordergrund des Lufteinsatzes in Libyen stehen die Alliierten und Nato-Partner wie Großbritannien und Frankreich. Khanna sieht hier bereits die Voraussetzungen geschaffen für die Lokalisierung des Konflikts, für den zukünftig regionale Lösungen gefunden werden. Seine Einschätzung: Gremien wie der UN-Sicherheitsrat sind zu behäbig, zu wenig flexibel, um regionale Konflikte adäquat zu lösen.

Verfolgte Ziele in Libyen

Die internationale Gemeinschaft verfolgt mit dem Libyen-Einsatz bestimmte Ziele:

  • den Schutz der Zivilbevölkerung;
  • die Zerstörung und Beseitigung des Gaddafi-Regimes;
  • Politische Reformen;
  • kein Regime von außen aufzwingen.

Auch in diesem Punkt sieht sich Khanna in seiner Grundhypothese der regionalen und multipolaren Weltordnung von morgen bestätigt. Schon heute wissen die USA und die Westmächte, dass niemand das Recht hat, “Libyen ein Regime von außen aufzuzwingen. Die Lösungen für Demokratie müssen vom libyschen Volk ausgehen“, sagt der Wahl New Yorker und Vater einer Tochter.

Fehler in der Diplomatie

Gaddafi
Der Machthaber Libyens Muammar al-Gaddafi (Foto: commons.wikimedia.org/ Jesse B. Awalt, public domain)

Doch dies war nicht die Sichtweise auf die Länder der heutigen Jasmin-Revolution nach dem 11. September 2001. Damals waren Despoten oder Diktatoren wie Ben Ali, Hosni Mubarak, ja selbst Muammar al-Gaddafi willkommen, solange sie die Stabilität im arabischen Raum garantierten. Es waren hofierte Despoten bei den Westmächten, in den westlichen Bündnissystemen, ja selbst innerhalb der Vereinten Nationen. Es waren Machthaber wie Nasser in Ägypten oder Gaddafi in Libyen, die sich selbst in den sechziger Jahren gegen die Kolonialherrschaft auflehnten, um sich dann als Revolutionsführer feiern zu lassen. 

Dabei modernisierte Gaddafi bei der Machtergreifung das Land nicht, unterließ notwendige politische und ökonomische Reformen und investierte nicht in Bildung und Verwaltungsinstitutionen. Er hatte kein Interesse an der Zivilgesellschaft. Die Vehemenz des libyschen Volksaufstandes richtet sich genau gegen die schlechte Politik der Governance. 

“Die Ignoranz westlicher Werte im Umgang mit Autokratien ist zudem ein schwerer Fehler in der internationalen Diplomatie”, kritisiert Khanna, der mit einem der Söhne Gaddafis, Saif, an der London School of Economics (LSE) in London studierte. Jetzt erst achten die Nato-Staaten auf Grundsätze wie den Respekt der Zivilgesellschaft, parlamentarische Demokratie und den Aufbau politischer Parteien in der arabischen Welt. 

“Gaddafi kämpft bis zum Schluss”

Parag Khanna hat bei einem Besuch in Libyen Gaddafi und seine sieben Söhne persönlich kennen gelernt. Sympathie hegte er nur für Saif-al-Islam al-Gaddafi, der gegenüber den anderen sechs Söhnen gebildet und wegen seines Studiums an der LSE westlich-demokratisch geprägt ist. Obgleich es in der Presse noch als Gerücht kursiert, vermutet Parag Khanna, dass Saif bei einem Angriff eines libyschen Kampfjets auf die Unterkunft der Familie Gaddafi in den letzten Tagen ums Leben gekommen ist. Seiner Ansicht nach ist er der einzige Demokrat im Clan und der Familie Gaddafis. Saif-al-Islam al-Gaddafi wollte offensichtlich in Libyen Krankenhäuser und Schulen bauen und sprach sich offen für demokratische Reformen aus. ”Saif redete authentisch über Demokratie”, erinnert sich Khanna. Anders als seine Geschwister und sein Vater, der “bis zum Ende kämpfen wird”.

Weltmacht China überall präsent

“In den achtziger Jahren mussten die Kinder Japanisch von ihren Nannys erlernen, heute ist es Chinesisch”, sagt Khanna, der mit dem Auto durch ganz Russland bis in die Mongolei gefahren ist, um den asiatischen Teil Russlands kennenzulernen. “Nein, Russland investiert nicht in den asiatischen Teil“, so seine Beobachtung. Das asiatische Russland ist vielmehr die Achillesferse des früheren Großreiches. Bald will Putin 22 neue Fußballstadien mit einer unsichtbaren Linie vor dem Ural bauen lassen. Der Grund: Russland hat Angst, Angst vor einem Feind, der jetzt schon mächtiger ist als Russland: China. Im Unterschied zu Indien, das Khanna auch als neue Supermacht der Zukunft deutet genauso wie Lateinamerika, ist China im Vergleich die stärkste aufstrebende Macht. Es erwirtschaftet 14 bis 15 Prozent des Weltbruttoproduktes und ist Mitglied in der Welthandelsorganisation. Zudem zeigt es Präsenz auf allen diplomatischen Ebenen.

China gab im Sicherheitsrat klugerweise kein Veto ab und stimmte damit dem Lufteinsatz in Libyen zu. Im Gegenzug erwartet es die Achtung seiner Souveränität und politischen Handlungsfreiheit nach innen. Und China zeigt etwas, womit “Indien nicht konkurrieren kann”, ein wirtschaftliches Modell, ergänzt der gebürtige Inder Khanna. Indien hat zwar eine mächtige zivile Gesellschaft, die sich gegen Staudämme zur Wehr zu setzen weiß, aber eine korrupte politische Regierung und Verwaltung und keine wirtschaftlich vergleichbare Präsenz (mit nur 2 Prozent am Weltbruttoprodukt) wie China.  

Die Welt der neuen Achsen wird auch eine Welt der zwischenregionalen Beziehungen sein vom Sudan bis in den Nahen Osten. Und das weitgehend ohne die Hilfe des UN-Sicherheitsrates.

Atomsupermächte und Klimaolympiade

Doch es wird auch die Welt der neuen Supermächte sein, die die Atomkraft trotz aller Störfälle und unvorhersehbarer Einflüsse von Naturkatastrophen von oben ihrem Volk verordnen werden. Parag Khanna glaubt, dass der “Ehrgeiz Chinas zu seinem Risikoprofil gehört, wobei auf die Atomkraft nicht verzichtet wird“. Indien, China, die Schwellenländer, sie alle stehen für die risikoreiche Nuklearenergie ein, um Wachstum aufzuholen. “Dabei wird der Widerstand gegen die Atomkraft auf lokaler Ebene in Indien und China einfach verhallen”.

Generation Y

Doch einen Trumpf gibt es: Klimafragen werden nicht mehr nur in der globalen Arena diskutiert, sondern auch ganz lokal und nach effektiven Gesichtspunkten. Je nach Bedürfnissen wird dann in energiesparende und ressourcensparende Technologien investiert. Die neue Klimapolitik wird getragen von einer Facebook- und Twitter-Generation Y, die ein globales Bewusstsein für Verantwortung hat und städtisch geprägt ist.

Die neue Ägide wird zwar chaotisch und fremdartig, da die neuen Weltmächte ihre kulturelle Stärke aus einem für uns ungewohnten, teils rätselhaften historischen Mythos beziehen, aber nicht ganz hoffnungslos.

[CH]