Donnerstag, 28. April 2011

Von: PB

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Keywords:
EU | Freiwilligenjahr | Eckart Stratenschulte | Europa-Union | Hermann Kues
Appell an uns alle: Verlasst euch nicht auf den Staat!

Bürgerliches Engagement

Thema des Abends am 13. April 2011 war das “Bürgerschaftliche Engagement: Miteinander für und in Europa”. European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann war dabei.
Hermann Kues
Staatssekretär Hermann Kues setzt sich für ehrenamtliche Arbeit ein (Foto: commons.wikimedia.org/ Dr. Hermann Kues, CC by-sa 3.0)

Staatssekretär Hermann Kues hielt eine Rede, danach gab es eine Diskussion zum Thema “Rolle des Ehrenamtes für die europäische Integration”, die von Prof. Eckart Stratenschulte sehr humorvoll und sachkundig moderiert wurde. Kernthema des Abends: Das private Engagement in der Gesellschaft. In unserer Zeit, da Frauen und Männer berufstätig sind und es immer mehr pflegebedürftige ältere Menschen gibt, ist das ehrenamtliche Engagement besonders wichtig. Viele Millionen Menschen in Europa engagieren sich ehrenamtlich und zeigen bürgerschaftliches Engagement. Sie kommen aus allen Altersgruppen und leisten einen positiven Beitrag für die Gemeinschaft, indem sie sich in ihrer Freizeit in Organisationen der Zivilgesellschaft, in Jugendclubs, Krankenhäusern, Sportvereinen usw. engagieren.

dbb-Hausherr und Chef des Beamtenbundes, Peter Heesen, mahnte an: “Das vereinte Europa kann nur erfolgreich sein, wenn es auf gemeinsamen Werten beruht. Ohne bürgerliches Engagement fehlt der gesellschaftliche Kitt und wir steuern auf die nächste Krise zu.”

Privat und ohne Bezahlung

Das Blumengießen für die Nachbarin im Urlaub, die Mitgliedschaft im Kaninchenzüchterverein, der unbezahlte Jugendfußballtrainer? Wie sieht es mit der Teilnahme an einer Demonstration, der Pflege der eigenen Eltern oder der Geldspende an die Diakonie aus? Alle aufgezählten Tätigkeiten zeugen davon, dass jemand freiwillig aktiv ist. Für die europäische Ebene bietet die Ratsentscheidung über das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft 2011 die aktuellste Definition. (Europäischer Rat 2009 / 2010: Präambel Abschnitt 5).  So heißt es dort: “Die Freiwilligentätigkeit ersetzt keine professionellen, bezahlten Arbeitsplätze, sondern bietet der Gesellschaft einen Mehrwert.”

Mehrwert für die Gesellschaft

Und genau diesen “Mehrwert für die Gesellschaft” umschrieb und beschrieb der Redner des Abends, Staatssekretär Dr. Hermann Kues vom Bundesministerium für Familie. Kues sagte: “Es ist Ausdruck von Verantwortungsfähigkeit und ein wesentlicher Faktor für faire Chancen in unserer Gesellschaft. Es bereichert das soziale Miteinander und vermittelt Erfolgserlebnisse, die prägend sein können für das ganze Leben.”

In Deutschland engagieren sich bereits mehr als 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Damit das so bleibt, so Kues, “muss eine zukunftsfähige Engagementpolitik entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Engagement für alle, für Ältere und Junge, für Frauen und Männer, muss verlässlich möglich sein, ob in einer Initiative, einem Verband oder einer Stiftung. Die dazu notwendige Unterstützung zukommen zu lassen und das bürgerschaftliche Engagement anzuerkennen, weiterzuentwickeln und zu stärken, ist eine Aufgabe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.”Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Aufgabe hat die Bundesregierung erkannt und deshalb auch in ihrem Koalitionsvertrag die Entwicklung einer nationalen Engagementstrategie des Bundes vereinbart. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens gibt es eine bisher noch nicht gekannte Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure, die im Nationalen Forum für Engagement und Partizipation Handlungsempfehlungen für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements erarbeiten.Dazu gibt es, wie Kues darstellte, verschiedene Initiativen. So will die “Initiative ZivilEngagement” das Engagement der Bürgerinnen und Bürger anerkennen, weiterentwickeln und stärken. Inzwischen werden rund 60 Programme und andere Vorhaben verwirklicht.Für Jugendliche besteht die Möglichkeit, einen Jugendfreiwilligendienst zu absolvieren. Dazu zählt das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), etwa in einer Kindereinrichtung, einer Pflegestation, beim Sportverein oder im Museum, und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) bei einem Tierschutzverein, einer Umweltstiftung oder in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Für alle, die im Ausland Erfahrungen sammeln möchten, bietet sich die Teilnahme am deutsch-französischen Freiwilligendienst oder dem Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) an.Das Programm “Aktiv im Alter” soll dazu beitragen, ein Leitbild des aktiven Alters in den Kommunen zu errichten und zu festigen. Hierzu sollen Prozesse gestartet werden, in die alle gesellschaftlichen Akteure einbezogen werden und in denen ältere Menschen erweiterte Handlungsspielräume und Partizipationschancen erhalten. Das Programm schafft die Voraussetzungen dafür, dass gesellschaftlich akzeptierte, verantwortliche Rollen für das Alter entstehen, die von älteren Menschen nach ihren Präferenzen und in Abstimmung mit den kommunalen Bedarfslagen ausgefüllt werden können. Das Programm soll die Verantwortung von Kommunen und Trägern für das freiwillige Engagement verstärken, Einrichtungen und Institutionen für das Bürgerengagement öffnen, die Eigeninitiative älterer Bürgerinnen und Bürger fördern und so zur Weiterentwicklung der Zivilgesellschaft beitragen.

Kues lobte all diese Aktivitäten und bekräftigte dann in seiner Rede: “Der Staat soll Menschen nicht vorschreiben, wie sie leben sollen, sondern Menschen helfen, so zu leben, wie sie leben wollen.”

Andere sind besser

Im europäischen Vergleich setzen Niederländer und Schweden am stärksten auf das ehrenamtliche Engagement, so Prof. Thomas Olk, Vorsitzender des Sprecherrats des Bundesnetzwerks “Bürgerschaftliches Engagement” und Professor an der Universität Halle. Aktuelle Zahlen über das Engagement-Verhalten der Bürgerinnen und Bürger belegen nationale Unterschiede. So das Ergebnis einer Untersuchung durch das Eurobarometer “European Social Reality” (Europäische Kommission 2007) vom Februar 2007. Am wenigsten engagiert sind die Litauer (11 %) und die Portugiesen (12 %).

Enquete – Kommission

In einem Bericht an den Bundestag (Enquetekommission Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements, Drucksache 14/8900) heißt es dazu: “Die Bürgergesellschaft, jenes Netzwerk von selbst organisierten, freiwilligen Assoziationen – Vereine und Verbände, NGOs, Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen, Stiftungen und Freiwilligendienste, aber auch politische Parteien und Gewerkschaften usw. – bildet ein Tätigkeitsfeld eigener Art zwischen Staat, Wirtschaft und Familie. Bürgergesellschaft als Reformperspektive erfordert von Seiten der Wirtschaft Unternehmen, die sich dem Gemeinwesen gegenüber verantwortlich verhalten und in diesem Sinne als “Corporate Citizens” selbst Teil der Bürgergesellschaft sind. Vor allem aber bedarf die Bürgergesellschaft eines unterstützenden Staates, der bürgerschaftliches Engagement nicht durch unnötige bürokratische Auflagen reglementiert und hemmt, sondern schützt und ermöglicht.

Kurz: Es geht um ein neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, in dem bürgerschaftliches Engagement eine zentrale Rolle spielt. Besondere Bedeutung kommt dabei jenen Organisationen, Institutionen und Initiativen zu, die gewissermaßen das Verbindungsstück zwischen den engagierten Bürgern und Bürgerinnen auf der einen Seite, der Bürgergesellschaft als Ganzer auf der anderen Seite bilden. Besteht doch die Bürgergesellschaft nicht nur aus Individuen, sondern auch aus einer Vielzahl verschiedenartiger Organisationen. Sie bilden die institutionelle Grundstruktur der Bürgergesellschaft, die zugleich die Rahmenbedingungen für das bürgerschaftliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger darstellt.”

[PB]