Freitag, 20. Mai 2011

Von: PB

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Aserbaidschan | Helenendorf | Deutsche | Viktor Klein | Schwaben
Report Aserbaidschan - Teil 1

Ein Land mit deutschem Erbe

Gehört das noch zu Europa? Dabei gibt es vielfältige Beziehungen zwischen Deutschland und der seit 1992 unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik. Berti Vogts trainiert deren Fussball-Team, Ex-Außenminister Joschka Fischer ist Berater des Gasprojektes “Nabucco”, das ab 2015 Energie aus Aserbaidschan nach Europa liefern soll. Und von 1819 bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 lebten über 23.000 Deutsche in Aserbaidschan. European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann wanderte auf ihrer Pfade.
Der Architekt Fikret Ismailov aus Khanlar (Foto: Brinkmann)

Die Uhr am Kirchturm des evangelischen Gotteshauses St. Johannis mitten im islamischen Aserbaidschan schlägt präzise. Sie ist deutsche Wertarbeit und ist wie die Kirche 1857 in “Helenendorf” (heute Khanlar) von deutschen Kolonisten gebaut worden. Die Kirche steht noch, frisch renoviert. Die deutsche Gemeinde ist seit 2007 ausgestorben. Viktor Klein war der letzte Deutsche in Aserbaidschan, er liegt auf dem deutschen Friedhof gleich hinter der Weinkellerei begraben. Aber das deutsche Erbe wird wieder gepflegt in der einstigen Sowjetrepublik und heutigem islamischen Staat Aserbaidschan.
“Schauen Sie mal, die Uhr geht auf die Sekunde genau und schlägt mit dem Glockenschlag wieder ganz genau an.” Stolz ist Fikret Ismailov auf die Uhr hoch oben am Kirchturm. 1857 wurde sie eingebaut, 2007 vom Dresdner Uhrmacher Christoph Hiemer überholt. Er bestellte allerdings das Uhrwerk im schwäbischen Calw. “Jetzt läuft sie wieder wie neu”, sagt der 77-jährige Architekt Fikret aus Khanlar.
Früher hieß das Dorf “Helenendorf” und war die erste Kolonie der gottesfürchtigen Schwaben im heutigen Aserbaidschan. 1819 kamen sie und gründeten ihr Dorf, benannt nach der Prinzessin Helene aus Mecklenburg-Vorpommern. Fikret Ismailov pflegt heute das Erbe. Er kümmert sich, um Kirche, Friedhof – um alles, was noch von den Deutschen geblieben ist, die hier vor über 100 Jahren Wohlstand und Arbeit brachten.
Fikret Ismailov führt mich durch das Dorf, das unverkennbar noch heute deutsche Züge hat. “Schon die Straßen sind anders, als in den Dörfern Aserbaidschans: Wie alle Alleen gerade gezogen, gepflastert, mit Bäumen am Wegesrand. Schauen Sie einfach auf die Häuser – solide gebaut, zum Teil noch mit Namensschildern aus der Zeit vor fast 100 Jahren.”
So wie es die ersten Einwanderer aus ihrer alten schwäbischen Heimat gewohnt waren.

Petition an Zar Alexander I.

Sie wurden von Zar Alexander I. (seine Mutter war Prinzessin Sofie-Dorothee aus Württemberg) 1819 aus dem Land seiner Mutter in den Süden Russlands, dem heutigen Aserbaidschan, geholt.
Das hatte natürlich eine Vorgeschichte: 700 pietistische schwäbische Familien hatten sich 1815 nach Ende der Napoleonischen Kriege in einem Gesuch an Zar Alexander I. gewandt. Der Zar hatte 1804 beschlossen, das zuvor eroberte, von Muslimen bewohnte Gebiet im Süd-Kaukasus, auch von Christen besiedeln zu lassen. Die religiösen Schwaben hatten davon gehört und übergaben Alexander bei seinem Besuch in Stuttgart eine Petition. Gebt uns Land für Obst und Weinbau, stand darin. Am 10. Mai 1817 gab der Zar sein Okay. Im darauffolgendem Sommer begann der große Exodus nach Südrussland. Die Fahrt startete in Ulm, und von dort ging es dann über Wien, die Donau hinunter, bis zum Delta. Inzwischen aber ließen die russischen Behörden, keine Deutschen mehr ins Kaukasus Gebiet, sondern sorgten dafür, dass sie sich alle an der Wolga ansiedelten. Da wollten die Schwaben aber nicht hin. So sandten sie mitten im Winter 1817/18 eine Delegation zum Zaren, der sich damals gerade in Moskau aufhielt, um ihn an seine Zusage zu erinnern. Alexander empfing die württembergischen Abgesandten dann auch wohlwollend und genehmigte die Weiterreise. Er versicherte ihnen sogar eine zusätzliche Hilfe. Alle bekamen Geld vom Zaren und konnten so weiterziehen. Auch die Vorfahren des späteren Spions Richard Sorge (er verriet Stalin den Angriffstermin Hitlers auf die Sowjetunion) gehörten dazu. Sorge wurde ganz in der Nähe von Helenendorf geboren.

Helenendorf

Bevor ich mit mit Fikret die St. Johannis Kirche betrete, schweift sein Blick noch einmal kurz zur Uhr hinauf. Der alte Mann mit den weißen Haaren ist Architekt und hatte von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) den Auftrag bekommen, die Renovierung des Gotteshauses zu leiten. 200 000 Euro kostete das den deutschen Steuerzahler. Denn die Kirche war von 1930 bis 1992, als die Sowjetunion zerbrach und Aserbaidschan unabhängig wurde, eine Sporthalle. “Unten wurde geturnt, die Sowjets hatten dann eine Decke eingezogen, sodass oben Ballspiele gemacht wurden” erzählt Fikret. “Ich habe zusammen mit der GTZ einen Plan entworfen, die Kirche wieder herzustellen. Jetzt ist sie ein Museum. In die neu renovierte Kirche soll mehr Leben einziehen und es wäre schön, wenn hier ein “Deutsch-aserbaidschanisches Kulturzentrum” entstehen würde.”

St.Johannis Kirche

St.Johannis Kirche
Die St.Johannis Kirche (Foto: Brinkmann)

Die Kirche erzählt die Geschichte der Deutschen an Hand von Fotos und Dokumenten. Freude und Leid, Dramen, die Deportation durch Stalin. Fikret erzählt alles so, als ob er dabei gewesen wäre.

Von 1819 bis 1941

Es begann alles 1819. Für die Siedlung Helenendorf waren insgesamt 135 schwäbische Auswandererfamilien bestimmt worden. Die Einwohner Helenendorfs stammten aus einundsiebzig verschiedenen Orten des Königreichs Württemberg, doch allein zweiundzwanzig Familien kamen aus Reutlingen. Auf jede der verteilten 118 Hofstellen von 1819 kamen 60 Hektar Land, nutzbar waren aber nur rund ein Drittel. Die Helenendorfer Landwirte lebten fast ausschließlich vom Weinbau. Bei intensiver Bodenbearbeitung versprach dieser unglaublich hohe Erträge. Die Spitzenwerte erreichten 200 Hektoliter pro Hektar. Infolgedessen wuchs der bäuerliche Wohlstand von Jahr zu Jahr. Aber auch das örtliche Handwerk besaß einen goldenen Boden. Viele der Kolonisten in Helenendorfer führten handwerkliche Betriebe. 1903 gründeten 228 Kolonisten einen Konsumverein. Die Einwohnerzahl von Helenendorf betrug im Jahr 1908 genau 3525 Seelen. Davon waren fast die Hälfte Kolonisten und der Rest Zugezogene. Es gab eine Schule, ab 1857 eine Kirche. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt man in den schwäbischen Kolonien an den alten Traditionen fest. In den Kirchen benutzte man noch das ehrwürdige Gesangbuch von 1741. Fast bis 1900 blieb die Bibel das einzige Lesebuch in der Schule. ES durften keine Volkslieder gesungen werden, und Tanzen galt bei den Alten als Todsünde. Auch sonst pflegten die Helenendorfer die alten Überlieferungen. Sie kleideten sich drei Generationen lang nach Altvätersitte und behielten ihren Dialekt bei, ein absolut reines Schwäbisch, wie es anderswo kaum mehr anzutreffen war. Auch die Küche blieb “schwäbisch”. Noch im 20. Jahrhundert gab es deutsches Schwarz- und Weißbrot, bei besonderen Anlässen schwäbischen Kuchen und zu Weihnachten “Springerle”. Mittags kamen oft Spätzle oder Nudeln auf den Tisch und zum Frühstück, hielt man am Kaffeetrinken fest. Bloß abends gab es Tee aus dem russischen Samowar. Beim Mittagessen und zum Vesper dagegen wurden große Mengen Wein konsumiert. Von den Kaukasiern hatten die Schwaben verschiedene Reisgerichte und Schaschlik übernommen. Von den Russen Suppen wie Borschtsch und Sakuski, eine Vorspeisen mit Schafskäse, Gurken und Zwiebeln, und Fladenbrot. In der “Musterkolonie” Helenendorf blühen Theater und Musik. Nach dem Ersten Weltkrieg führte die Oberrealschule zum Abitur.
Bereits 1893 hatte sich in Helenendorf ein “Deutscher Verein” gebildet. 1910 gab es hier 430 Wohnhäuser  und – einmalig in Russland – bereits Wasserleitungen, Stromleitungen und Telefone.

Weinbau

Gekommen waren die Schwaben, um hier – mitten im muslimischen Teil Russlands – Wein anzubauen. Christoph Vohrer (1827-1916) wurde z. B. zum bekanntesten Weinhändler des 19. Jahrhunderts in Russlands. Vohrer und seine Nachfolger - am Ende war die vierte Generation in das Geschäft eingestiegen - arbeiteten mit den modernsten Methoden, die Christoph Vohrer II (1848-1931) im Ausland kennengelernt hatte. An vier verschiedenen Standorten ließen die Vohrers riesige, bis zu drei Stockwerke tiefe Kellereien erstellen. Um 1900 war schließlich das Angebot des Helenendorfer Weinhandels so groß und breit gefächert, dass damit ein Gutteil des russischen Marktes abgedeckt werden konnte.
Eine weitere Reihe erfolgreicher Geschäftsleute stellte die ebenfalls aus Reutlingen eingewanderte Familie Hummel. 1915 wurden ca. 12 Millionen Liter an Weinen vermarktet. Doch Reichtum und Selbstbewusstsein der Schwabendörfer erleichteten Übergriffe der Rotarmisten und Enteignungen.

[PB]

Lesen Sie bald auch den zweiten Teil des Berichts, hier auf The European Circle.