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Ein Land mit viel Energie

- Fikret Ismailov kümmert sich um das Erbe Viktor Kleins (Foto: Peter Brinkmann)
Mit der zwangsweisen Eingliederung Aserbaidschans als “Sowjetrepublik” in die neue Sowjetunion begann der Abstieg der deutschen Kolonisten. 1920 wurden alle Betriebe enteignet, die “Kapitalisten” verhaftet. Sie verschwanden und tauchten zum Teil nie wieder auf. Nur wenigen Kaukasusdeutschen gelang es, sich noch rechtzeitig den Verfolgungen zu entziehen. Nach einem Bericht der “Kaukasischen Post” in Tiflis ist Helenendorf im Dezember 1920 von aserbaidschanischen Aufständischen völlig ausgeplündert worden. Unter dem Schlagwort “Expropriation der Bourgeoisie” besetzte damals eine überlegene Gruppe von Rotarmisten die Kolonie und beschlagnahmte alles: sämtliches lebendes Inventar, alles Geflügel, alle Lebensmittelvorräte, alles, was nach den Begriffen des Kommunismus an Wäsche und Bekleidung als überflüssig gilt. Zudem alles Hausgerät bis auf das Unentbehrlichste: einen Teller, ein Paar Messer und Gabeln, einen Löffel, einen Topf, eine Bettstelle, eine Decke, ein Kopfkissen usw., alle Möbel außer einem Tisch und einer Anzahl von Stühlen, ja selbst alle Fensterscheiben (mit den Rahmen). Daraufhin zwang man die “Expropriierten”, das Beutegut auf ihren ebenfalls konfiszierten Wagen nach Gandscha und dort auf die Bahn zu schaffen. Was nicht mitgenommen werden konnte, wurde von der Soldateska im Suff - Wein fand sich im Überfluss - zerschlagen. Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft 1928 erstarb schließlich jede Privatinitiative. 1932 mussten alles Bauern in den Helenendorfer Kolchos “Ernst Thälmann” eintreten. Das neue Kollektiv umfasste nunmehr auch Hunderte von Nichtdeutschen, Armenier, Aissoren und Russen. Letztere zeigten sich aber weniger unglücklich über die Entwicklung, hatten sie doch kaum etwas an Besitz einzubringen, wogegen die Kolonisten alles Land bis auf einen kleinen Gemüsegarten abgeben und zumeist auch noch ihre Häuser mit anderen Kolchosemitgliedern teilen mussten. Infolge dieses Gewaltakts erstarb jeglicher Leistungsanreiz. Das Weingeschäft begann zu verkümmern und die Gewerbebetriebe verloren ihre überregionale Bedeutung. Inzwischen hatten die Sowjets auch mit der Russifizierung und Sowjetisierung Helenendorfs begonnen. Seit 1928 trug die Ortschaft offiziell den Namen Chanlar, nach einem aserbaidschanischen Revolutionär. Die Ortsdurchfahrten wurden nach Lenin, Thälmann und der Oktoberrevolution umbenannt. Die Bürger hießen nunmehr Genossen. Für die Jugend gab es eine Pionier- und Komsomolabteilung und unweit der Kirche stand ein Lenindenkmal. Die deutsche Oberrealschule wurde in eine sowjetische Zehnklassenschule umgewandelt mit - seit 1938 - Russisch als Unterrichtssprache. Deutsch wurde fortan erst ab Klasse 5 als Fremdsprache unterrichtet. Aus der Kirche wurde eine Sporthalle gemacht.
1941
Der Schlussakt für das Russlanddeutschtum begann am 22. Juni 1941. Hitler überfiel die Sowjetunion. Stalin befahl die Deportation aller Deutschen gen Sibirien und Kasachstan. Am 17. Oktober 1941 mussten die Gebäude abgegeben werden. Von ihrem ganzen Eigentum blieb den Siedlern am Ende nur eine Quittung des örtlichen Sowjets und ein Stück Handgepäck. Der Auszug unter der Regie des NKWD erfolgte in zwei Etappen am 18. und 19. Oktober. Auf Lastwagen wurden die “Umsiedler” zum Bahnhof von Gandscha gebracht. Von dort beförderte man die menschliche Fracht mit der Eisenbahn nach Baku. Dann ging es per Schiff über das Kaspische Meer nach Krasnowodsk in Turkmenien, wo auf die Vertriebenen abermals ein langer Güterzug wartete. Man muss fast bezweifeln, dass die Stalin`schen Schergen zu diesem Zeitpunkt selbst genau wussten, wohin die Reise ging, denn aus dieser Fahrt wurde eine wahre Odyssee. Vom Ostufer der Kaspisee beschreibt die Bahn ein riesiges, etwa 5000 Kilometer langes “S”. Zunächst fuhr sie in einem weiten südlichen Bogen über die turkmenische Metropole Aschchabad und das antike Samarkand nach Taschkent (Usbekistan), dann 2000 km nach Nordwesten bis Orenburg (Ural), von dort über 1000 km nach Osten bis Omsk (Sibirien) und dann schließlich noch 500 km nach Süden bis Zelinograd (Kasachstan), einem wichtigen Mittelpunkt für die Neulandgewinnung in der Kasachensteppe, etwa 250 km nordwestlich von Karaganda. Diese Irrfahrt vom Fuß des südlichen Kaukasusgebirges bis ins Zentrum von Innerasien dauerte bis Mitte November 1941. An Ort und Stelle wurden die Verbannten in die primitiven Hütten der einheimischen Bevölkerung einquartiert. Die Kriegsjahre - das gilt für alle 1941 deportierten Russlanddeutschen - waren besonders hart und forderten unzählige Todesopfer, weil die Verbannten die Kälte schlecht durchstanden. Außerdem wurden die arbeitsfähigen Männer und Frauen, aber auch Kinder ab vierzehn Jahren, bald nach der Ankunft in ihren Zielorten für die “Trudarmee” (Arbeitsarmee) mobilisiert, wo sie, hauptsächlich in den Bergwerken, bis Kriegsende Zwangsarbeit leisten mussten. An eine Rückkehr in die früheren Siedlungen war aber auch später nie zu denken. So sahen sich die deutschen Kolonisten unter den widrigsten Bedingungen gezwungen, in der kasachischen Sowjetrepublik eine neue Existenz aufzubauen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 begannen kasachische Nationalisten die weißen Minderheiten zu verfolgen. Schließlich begann eine große Umzugsaktion in die Bundesrepublik. Von den 238.341 Deutschen am Ende der Sowjetunion leben heute nur noch ganz wenige in den ehemaligen Sowjetrepubliken. In Aserbaidschan niemand mehr. 1941 waren es noch über 23.000. Allein in Helenendorf 3.500. Viktor Klein, der letzte Deutsche, starb 2007. Die Schwaben aus dem Kaukasus aber sind wieder in Württemberg, der Heimat ihrer Vorväter, ansässig geworden.
Viktor Klein

- Viktor Kleins Radio macht seine Affinität zu Deutschland deutlich (Foto: Peter Brinkmann)
“Er war mein Freund”, sagt Fikret Ismailov. “Ich war bei ihm, als er in seinem Haus nicht weit entfernt von der Kirche, starb. Er wollte mir sein Haus schenken, ich habe es abgelehnt. Ich will nun daraus mit deutscher Hilfe ein Museum über die Deutschen hier in Helenendorf machen.”
Er wischt sich die Augen. Ihr ganzes Leben lang waren die beiden Freunde, fast gleich alt. Viktor Kleins Geschichte ist einfach: Sein Vater war Arzt und aus Polen, seine Mutter Deutsche. Vater und Mutter waren überzeugte Kommunisten. Und weil die Kommunisten Ärzte brauchten, wurde die Familie Klein nicht abtransportiert. Mit vier anderen “deutschen” Familien durften sie blieben. Viktor Klein wurde 1935 geboren, liebte seine deutsche Herkunft mehr als die polnische, schrieb in Deutsch, dachte auf Deutsch und wurde bis zu seinem Tode 2007 nur “der Deutsche” gerufen. Sein Freund Fikret Ismailov zeigt das Haus. Es ist alles sehr staubig und verfallen, ja dreckig. Es ist ein großes weißes Haus mit einem riesigen Keller für Weinfässer, einem großem Boden für Getreide und kleinen Zimmern. In der Küche hängt ein weißes Leinentuch, darauf ist gestickt: “Reinlichkeit ist Gesundheit” - Angesichts des Drecks überall wahrer Hohn.
Viktor Klein war Radiotechniker. In seinem Wohnzimmer mit einem großen Bett, in dem er auch starb, steht ein uraltes Radio mit einem Zettel dran: “Für Dich”. In den Biedermeierschränken stapeln sich deutsche Illustrierte neben “Brehms Tierleben”, Schallplatten von Bach und anderen deutschen Komponisten sowie deutsche Zeitungen. Auf dem Klavier stehen alte Fotos von seinen Eltern. Und ein Plastikweihnachtsbaum. “Den hatte er hier immer stehen”, sagt Fikret.
Auf dem Friedhof

- “Der letzte deutsche Bewohner” - Viktor Kleins Grabstein (Foto: Peter Brinkmann)
Auf dem deutschen Friedhof liegen die Deutschen begraben, die seit 1819 ins Land kamen. Daneben befindet sich der Soldatenfriedhof. Hier liegen fast 900 deutsche Kriegsgefangene begraben, die hier nach 1945 Zwangsarbeit machen mussten. Nebenan liegt Viktor Stein. Auf seinem Grabstein ist eingemeißelt: “Der letzte deutsche Bewohner”. Er starb 2007. Begraben liegt Klein nun neben seiner Urgroßmutter Louise – so, wie er das in seinem Testament verfügt hatte. Wenn der “EuroKaukAsia e.V.” in Berlin sich durchsetzen kann, wird das Haus von Klein bald zu einem “Schwäbischen Museum” umgewandelt.
Aserbaidschan heute
Bis 1991 war Aserbaidschan eine “sozialistische Sowjetrepublik”. Danach übernahm der vormalige KP Chef Heydar Aliyew das Amt des Präsidenten. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ilham die Staatsführung. Die beiden sind allgegenwärtig auf Riesenbildern an jeder Ecke. Doch außer dem Personenkult und einigen Stalin-Emblemen an Häusern ist wenig geblieben von 70 Jahren Sowjetdiktatur. Die Marktwirtschaft ist angekommen im Kaukasus. Aserbaidschan verfügt über reichlich Öl und Gas. Und die Einnahmen fließen seit 1991 nicht mehr nach Moskau, sondern in die eigene Kasse. Und das sieht man auf Schritt und Tritt. Mit Ex-Außenminister Joschka Fischer haben die Aserbaidschaner einen sachkundigen Berater an ihre Seite geholt, während sein ehemaliger Chef, Ex-Kanzler Gerhard Schröder beim Konkurrenten Gazprom aktiv ist.
Aserbaidschans Präsident Alijew persönlich kümmert sich um die Pflege des deutschen Erbes. Er hat angeordnet, das Erbe des früheren Helenendorf zu bewahren und wiederherzustellen. Und an der Universität von Gänjä studieren junge Leute die deutsche Sprache.
[PB]









