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Polen setzt auf moderne Technologien
Der südostpolnische Luftfahrt-Cluster bei Rzeszów sieht Forschung und Entwicklung sogar als zentrale Aufgaben an. Ein wichtiger Indikator zur Beurteilung des Innovationspotenzials eines Landes ist der Ausbildungsstand seiner Bevölkerung. Hier schneidet Polen in Bezug auf den Anteil der Absolventen naturwissenschaftlicher und technischer Studienfächer besser ab als Deutschland. Die Zahl der Hochschulabsolventen mit technischen Studiengängen im Verhältnis zur Bevölkerung entspricht in Polen in etwa dem EU-Durchschnitt.
Dennoch beklagen manche Arbeitgeber bereits einen Mangel an Ingenieuren und Informatikern, der auch auf die Abwanderung von Fachkräften ins Ausland zurückzuführen ist. Dieser Trend kann sich durch die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes gegenüber polnischen Arbeitnehmern seit Mai 2011 noch verschärfen, was die Lohnspirale in Polen weiter nach oben schraubt. Die meisten der von Deloitte Polska befragten Studenten (59 Prozent) zeigen sich bereit, für eine interessante Tätigkeit ins Ausland zu gehen, 21 Prozent sind unentschlossen, und nur 20 Prozent wollen definitiv im Inland bleiben. Von ausländischen Investoren geschätzt wird die außerordentliche Lernbereitschaft vieler Polen. Gerade junge Akademiker sind sehr aufge- schlossen gegenüber neuen Technologien und Medien.
Führungsrolle in der Biotechnologie
Nennenswerte Ergebnisse aus eigener Forschung und Entwicklung kann Polen zum Beispiel im Bereich der Biotechnologie vorweisen. Hier nimmt das Land zusammen mit Ungarn eine regionale Führungsrolle ein. Von der Aussicht auf Umsatzsteigerungen um mindestens 20 Prozent jährlich werden bedeutende internationale Konzerne angelockt. Branchenunternehmen wie GlaxoSmithKline, Pfizer, Merck, AstraZeneca und UCB Pharma ziehen die Übernahme polnischer Unternehmen in Erwägung.
Auch im Energiesektor sollen zukunftsweisende Forschungsarbeiten Innovationen bald marktreif machen. Das betrifft das vom Hauptinstitut für Bergbau (Główny Instytut Górnictwa, GIG) durchgeführte und von der EU geförderte Forschungsprojekt zur unterirdischen Kohlevergasung HUGE (Hydrogen Oriented Underground Coal Gasification for Europe). Experimente dazu werden in dem Versuchsbergwerk Barbara in Mikolowice organisiert. Das GIG ist das F&E-Institut für die oberschlesische extraktive Industrie. An der Marie-Curie-Skłodowska-Universität Lublin gibt es ein Vorhaben zur Gewinnung von Kohlenwasserstoffen, bei dem durch künstliche Photosynthese Methanol aus Kohlendioxid in bisher weltweit einzigartig hoher Konzentration gewonnen wird.
Neuheiten in der Luftfahrt

- MTU-Werk in Rzeszów (Foto: OWC)
Der im Südosten Polens gelegene Cluster der Luftfahrtindustrie (Aviation Valley) weist eine äußerst dynamische Entwicklung auf. Ihm gehören etwa 80 Unternehmen und Einrichtungen aus dem In-undAusland an, die über 22.000 qualifizierte Mitarbeiter beschäftigen. Weitere Firmen zeigen sich daran interessiert, dort zu forschen, zu entwickeln und zu produzieren. Zu den bedeutenden Investoren im Aviation Valley zählen die deutsche MTU Aero Engines GmbH, die dort für über 50 Millionen Euro ein Werk errichtete. Aerospace Poland, die Tochter des US-Konzerns Goodrich, erhielt für ihr Projekt von der EU einen Zuschuss von 63,6 Millionen Złoty. Demnächst will das zur US-amerikanischen UTC-Gruppe gehörende Luftfahrtunternehmen Hamilton Sundstrand im Aviation Valley mit dem Bau von Hilfsmotoren für Flugzeuge von Boeing, Airbus und Embraer beginnen. Es errichtet dort auch ein F&E- sowie ein Service-Zentrum.
In dem Technologiepark beim Flughafen von Rzeszów, Jasionka, will die Agentur für Regionalentwicklung von Rzeszów RARR ausschließlich innovative Firmen aus den Bereichen Luftfahrt, Elektronik und alternative Energiequellen ansiedeln. Sie hofft auf weitere Investitionen im Gesamtwert von einer Milliarde Złoty. Der Luftfahrt-Cluster sieht F&E, auch in Kooperation mit ausländischen Partnern, als seine zentrale Aufgabe an.
Dazu wurde eine Zusammenarbeit mit dem Verband Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA) vereinbart. Der Cluster ist auch Gründungsmitglied der Polnischen Technologischen Plattform für die Luftfahrt, die bei europäischen Forschungsprojekten mitwirkt, und des Zentrums für fortgeschrittene Technologien “Aviation Valley”. Dieses Zentrum ist ein Konsortium von polnischen Universitäten und Hochschulen sowie wissenschaftlich-technischen Einrichtungen, das anwenderbezogene F&E betreibt. Heute ist das Aviation Valley in Südostpolen eine von drei führenden Institutionen des European Aerospace Cluster Partnership (EACP).
40 Forschungszentren mit Auslandskapital
Laut der Polnischen Agentur für Information und Auslandsinvestitionen PAIiIZ gibt es mindestens 40 F&E-Zentren ausländischer Unternehmen in Polen, bei denen einige Tausend polnische Wissenschaftler und Spezialisten beschäftigt sind. Die meisten von ihnen arbeiten in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie, Motorisierung, Chemie, Luftfahrt und Nahrungsmittel. Die Tochter des US-Giganten Intel Technology Poland erhielt kürzlich einen Zuschuss von 29,8 Millionen Złoty für ihr F&E-Zentrum in Gdańsk, wo zurzeit 200 Inge- nieure arbeiten. Diese entwickeln eine neue Software-Generation von grafischen Steuerungen für Smartphones.
Insgesamt beschäftigt die US-Tochter 600 Ingenieure in Polen, deren Zahl noch steigen soll. Das Landeszentrum für Forschungen und Entwicklung, Narodowe Centrum Badan i Rozwoju (NCBiR), befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Energiebereich, darunter mit der sauberen Kohlenutzung. Es fördert die Anwendung von Forschungsergebnissen durch die Industrie, während sich das Schwesterinstitut in Kraków mit Grundlagenforschung befasst. Das NCBiR ist laut seinem Direktor, Professor Krzysztof J. Kurzydlowski, an einer Kooperation mit deutschen Partnern interessiert und will seine Programme für diese öffnen.
Während die Grundlagenforschung in Polen gut entwickelt ist, besteht noch Nachholbedarf bei der Industrieforschung. Sollen nach den Vorgaben der EU drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Mitgliedslandes für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden, so liegt dieser Anteil in Polen lediglich bei 0,6 Prozent. Damit belegt das Land eine der letzten Positionen in Europa. EU-Fördermittel sollen dazu beitragen, diese Situation zu verbessern. Im Rahmen eines im September 2011 laufenden Wettbewerbes sind 199 Millionen Złoty aus dem EU-Programm “Innovative Wirtschaft” für Industrieforschung zu vergeben.
Beatrice Repetzki
Ost-West Contact: www.owc.de










