Dienstag, 28. Juni 2011

Von: VF

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Bayerische Asylpolitik

Lampedusa mitten in Niederbayern

In dem niederbayerischen Dorf Schöllnstein leben seit Juli vergangenen Jahres 71 Niederbayern und rund 90 Asylbewerber zusammen. Kontakt zwischen den beiden Gruppen gibt es nicht, weder die Dorfbewohner noch die Asylbewerber fühlen sich wohl. Eine Lösung ist nicht in Sicht.
Schöllnstein
In Niederbayern gibt es mittlerweile 17 Asylbewerberheime, eins davon steht im idyllischen Schöllnstein. (Foto: frenzel)

Als Taifur Al Khatib in Schöllnstein aus dem Bus steigt, denkt er, “das ist eine Katastrophe”. Er sieht sich um. Kein Mensch ist in dem kleinen Ort unterwegs, nur ein Hund läuft die Hauptstraße entlang. Sein erster Gedanke ist: “Hier gibt es nur Tiere, keine Menschen.” Der 33-jährige Palästinenser ist in dem Ort angekommen, an dem er von jetzt an einige Zeit leben wird. Denn in Schöllnstein steht eines von 17 Asylbewerberheimen in Niederbayern. Im Februar wurde Al Khatib aus Landshut hierher verlegt. Der Dorfpfarrer sagt, das Dorf sei das bayerische Lampedusa. Er meint, der Ort werde von Immigranten überschwemmt. 

Nichts los in Schöllnstein

Schöllnstein ist die Heimat von 71 Bayern. Viele alte Menschen sind darunter, Bauern, ein paar Familien mit Kindern. Einige von ihnen sind hierher gezogen wegen der Ruhe und weil die Häuser günstig sind. Auf einer Anhöhe des Ortes steht das Asylbewerberheim, ein Bau aus den 60er Jahren, weiß gestrichen, dunkelbraune Holzbalkone. Darunter verteilen sich die 52 Häuser des Dorfes, dahinter liegt ein Wald. Geschäfte oder Lokale gibt es nicht. Das letzte Gasthaus von Schöllnstein ist vor vielen Jahren abgebrannt, bis zum nächsten Supermarkt sind es sechs Kilometer. Seit Juli vergangenen Jahres leben in dem Dorf auch noch rund 90 Menschen aus der ganzen Welt. Laut deutschem Asylgesetz ist Schöllnstein der ideale Ort für eine Flüchtlingsunterkunft. Dort heißt es: “Die Verteilung der Asylbewerber soll die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern.” Das bedeutet, dass die Menschen nicht integriert werden sollen, solange sie keine offizielle Aufenthaltsgenehmigung haben.

Kaum Gebäude für Asylbewerberheime

Flüchtlinge werden in Deutschland nach dem so genannten Königssteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Der Schlüssel regelt, wie die Ausgaben der Bundesrepublik auf die Länder verteilt werden. Berechnet wird nach Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl, damit die finanzielle Last gerecht verteilt ist. Auch innerhalb der Bundesländer werden die Asylbewerber nach einem ähnlichen Muster verteilt. Wie die Unterkünfte für die Asylbewerber aber in den Regierungsbezirken verteilt werden, ist der jeweiligen Verwaltung überlassen. Meist richtet sich die Aufteilung nach praktischen Gründen. Es gibt zum Beispiel nur wenige Hauseigentümer, die ihre Gebäude als Unterkünfte für Asylbewerber an die Regierung vermieten. Der Besitzer des Heims in Schöllnstein, in dem Taifur Al Khatib lebt, gehört dazu. Er suchte schon lange nach einem Mieter. Die Situation der Asylbewerber in Schöllnstein sei zwar ein Extremfall, sagt der Regierungssprecher, aber kein Einzelfall: Niederbayern sei eben ein sehr ländlicher Regierungsbezirk. In den Städten gebe es kaum Platz.“ Die Asylbewerber leben bei uns eben so wie die meisten Niederbayern auch, in kleinen Orten.”

Das Heim ändert das Leben der Niederbayern

“Wenn ich noch länger hier bleiben muss, werde ich verrückt.” Taifur Al Khatib vor dem Asylbewerberheim in Schöllnstein. (Foto: frenzel)

Als die ersten Asylbewerber nach Schöllnstein kamen, veränderte sich das Leben der Dorfbewohner. “Die Ruhe ist seitdem weg”, sagt Florian Mittag. Vor einigen Jahren ist der 35-Jährige mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach Schöllnstein gezogen, der Ruhe wegen. Er arbeitet bei BMW als Polsterer. “Früher haben wir die Haustüre nie abgeschlossen, meine Frau ist im Sommer im Bikini auf der Terrasse gelegen. Damit ist es vorbei.” Florian Mittag sitzt am Küchentisch seines Hauses, das er gemeinsam mit seiner Frau liebevoll renoviert hat. Gleich muss er los, Spätschicht. Er führt in Schöllnstein genau das Leben, das er sich vorstellt. Mit den Asylbewerbern hat er bisher kaum gesprochen, nur ein paar Mal gegrüßt. Tatsächlich ist die Kommunikation zwischen den Dorfbewohnern und den Asylanten schwierig: “Von den 71 Einwohnern in Schöllnstein können vielleicht fünf Englisch”, sagt Mittag. Von den 90 Asylbewerber sprechen etwa fünf deutsch, Taifur Al Khatib gehört dazu.

Er führt nicht das Leben, das er sich vorgestellt hat. Seit vier Jahren ist er als Asylbewerber in Deutschland, aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort in Gaza. Auch wenn er viel lieber bei seiner Familie in Palästina wäre und dort schon längst selbst Frau und Kinder hätte – er fühlt sich wohl in Deutschland. “Hier ist kein Krieg”, sagt er. Bisher lebte er in Asylbewerberheimen in München und Landshut. “Aber Schöllnstein ist anders “, sagt er und blickt vom Balkon des Zimmers, das er sich mit drei Männern teilt, auf die Häuser von Schöllnstein. “Kein Mensch redet hier mit mir.” Auch im Asylbewerberheim kann er sich kaum mit den anderen verständigen. Nur zwei Bewohner sprechen arabisch, die meisten Nationalitäten bleiben unter sich.

Die Asylbewerber finden keine Freunde

In Landshut hatte Taifur Al Khatib eine Freundin, sie kam aus China. Jeden Tag besuchte er sie. Seit er in Schöllnstein lebt, hat er sie ein einziges Mal gesehen. Der öffentliche Bus nach Deggendorf kostet 5,50 Euro, das Zugticket nach Landshut 21 Euro, das macht für Hin- und Rückfahrt 53 Euro. Als Asylbewerber bekommt er nur 40 Euro bar im Monat. Weil er kurz nach seiner Ankunft in Deutschland gegen die Residenzpflicht verstieß und den Landkreis München, in dem er untergebracht war, verließ, muss er außerdem eine Strafe abbezahlen: fünf Euro im Monat. Trotzdem fuhr Taifur Al Khatib einmal nach Landshut zu seiner Freundin. Doch die Beziehung hielt die Entfernung nicht aus. “Zuerst habe ich mein Taschengeld verloren und dann meine Freundin”, sagt er und fügt an: “Schöllnstein ist eine Katastrophe.” Die öffentlichen Busse fahren nur frühmorgens. Jeden Mittwoch um acht Uhr gibt es außerdem einen Bus, mit dem die Asylbewerber umsonst nach Deggendorf fahren können.

Einmal in der Woche gratis in die Stadt

Um halb acht Uhr ist die Straße vor der Bushaltestelle in Schöllnstein voller Menschen. Sie kommen aus Somalia, Iran, dem Irak, aus Mazedonien und Serbien. Sie sind früh dran, weil sie den Bus auf keinen Fall verpassen wollen. Es ist der wichtigste Moment in der Woche. Auch Taifur Al Khatib wartet. Er sagt, “wenn ich in Deggendorf auf dem Hauptplatz entlang gehe und viele Menschen sehe, dann geht es mir gleich viel besser.” Wie jede Woche will er in der Stadt Arbeit suchen und im Internetcafé seine Familie anrufen. Wenn die Asylbewerber ein Jahr in Deutschland sind, dürfen sie arbeiten. Bisher hat Al Khatib aber noch nichts gefunden. Um zwei Uhr nachmittags muss er jedes Mal wieder am Bahnhof sein, denn um halb drei Uhr geht der Bus zurück nach Schöllnstein. Manchmal fährt der Fahrer aber auch früher los.

Am Anfang ist Taifur Al Khatib regelmäßig ins Dorf gegangen. Er hoffte, Menschen zu finden, die mit ihm reden. Meistens war aber niemand unterwegs, oder die Schöllnsteiner schauten weg, wenn er auf sie zuging. “Viele von uns können mit der Kultur der Asylbewerber nichts anfangen”, sagt Florian Mittag. “Die meisten waren noch nie im Ausland.” Doch Asylbewerber und Niederbayern werden in Schöllnstein noch einige Zeit zusammenleben. “Es wäre uns recht, wenn wir die Unterkunft so schnell wie möglich wieder zumachen könnten, aber momentan sieht es nicht so aus“, sagt Regierungssprecher Michael Bragulla. Kurz bevor Florian Mittag zur Spätschicht geht, sagt er noch: “Vielleicht brauchen wir einfach Zeit. Wenn die Menschen länger bei uns bleiben, gewöhnen wir uns wahrscheinlich auch irgendwann aneinander.” Als Taifur Al Khatib am Mittwochnachmittag aus Deggendorf zurück nach Schöllnstein zurückkommt, kocht er Reis mit Huhn und Gemüse. Dann setzt er sich vor den Fernseher, an dem an den übrigen Wochentagen fast jede Minute verbringt. Er denkt: “Wenn ich noch zwei Monate länger hier bleiben muss, werde ich verrückt.”

[VF]