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Als Schüler ein Jahr in die USA

- Das Patenschaftsprogramm des Bundestages besteht seit 1984 und hat bereits 19.000 Stipendiaten aufgenommen. (Foto: Michaela Rupprech/pixelio.de)
European Circle: Herr Pust, seit geraumer Zeit läuft das Bewerbungsverfahren. Wenn deutsche Schüler interessiert sind, an Ihrem Programm teilzunehmen, haben Sie bis zum 2. September Zeit, sich zu bewerben. Wie läuft dieses Verfahren genau ab?
Pust: Wir haben Anfang Mai mit der Bewerbungsphase gestartet. Die fängt eigentlich ganz harmlos, ganz einfach an. Man muss sich nur um eine Bewerbungskarte bemühen, die man bei Bundestagsabgeordneten, bei Austauschorganisationen oder auch im Internet auf der Seite des Bundestages findet: www.bundestag.de/ppp. Dort findet man eine einfache Bewerbungskarte, die man ausfüllt und an eine Austauschorganisation schickt. Da brauchen wir nur Angaben zur Person, das Alter und auf welche Schule man zur Zeit geht.
European Circle: Dann wird die Auswahl anhand dieser Karte schon eingeschränkt?
Pust: Für die Schüler ist Voraussetzung, dass man, wenn man nächstes Jahr ausreist (Stichtag ist der 31. Juli 2012), mindestens 15 Jahre alt sein muss. Man darf auch nicht älter als 17 sein. Als junger Berufstätiger darf man nicht älter als 24 sein, aber die Berufsausbildung muss bereits abgeschlossen sein. Das sind die Grundvoraussetzungen. Ebenso die deutsche Staatsangehörigkeit, oder wenn man diese noch nicht hat, muss man auf jeden Fall in Deutschland seit vielen Jahren mit erstem Wohnsitz leben.
European Circle: Nun kann man sich vorstellen, dass es sehr viele Schüler gibt, die diese Karte ausfüllen und auch diese formalen Bedingungen erfüllen, die in der Masse aber nicht rüberfahren können, weil Sie so viele Plätze gar nicht haben. Nach was für Kriterien wählen Sie die Schüler dann aus?
Pust: Nicht die Bundestagsverwaltung selber sucht aus, wir müssten ja Dutzende von Mitarbeitern dafür beschäftigen, sondern wir bedienen uns da erfahrenen Austauschorganisationen, die sowieso weltweit im Schüler- und Berufstätigenaustausch tätig sind. Die führen die Vorauswahl durch. Die verschicken einen umfangreichen Fragebogen, holen auch Stellungnahmen von Lehrern ein und entscheiden anhand der Papierform, wen sie grundsätzlich für geeignet halten. Die Leute laden sie dann zu Auswahlgesprächen, Auswahlrunden ein. Am Ende des Jahres steht dann in jedem Wahlkreis im Grunde fest, wer theoretisch in Frage käme, das sind im Durchschnitt so 2-5 Schüler. Die werden dem Bundestagsabgeordneten vorgeschlagen. Die können nur aus dieser Liste dann diejenige oder denjenigen aussuchen, die sie für geeignet halten, ein Jahr als Juniorbotschafter in den USA zu verbringen.
European Circle: Und der Bundestagsabgeordnete fungiert dann als Pate für diesen Schüler. Was heißt das konkret? Was ist die Arbeit des Abgeordneten?
Pust: Wir nennen diesen Austausch ja parlamentarisches Patenschaftsprogramm. Die Patenschaft des Abgeordneten bezieht sich einmal darauf, dass er die Vorauswahl trifft, wen er dann für geeignet hält, aus seinem Wahlkreis in die USA zu gehen. Er ist aber für das ganze Jahr über der Ansprechpartner. Wenn es vor Ort irgendwelche Probleme geben sollte, dann kann man sich an seine Austauschorganisation, aber auch an den Abgeordneten oder die Abgeordnete wenden, weil die auch ein Auge darauf haben, dass dieses Jahr erfolgreich verläuft.
European Circle: Wie ist es mit den Kosten? Kommen auf den Schüler Kosten zu oder wird alles übernommen?
Pust: Das PPP ist ein Stipendium. In diesem Stipendium enthalten sind ein Vorbereitungsseminar, ein Nachbereitungsseminar, die Flug- und Reisekosten sowie eine Krankenversicherung. Was für die Familie oder den Stipendiaten selber übrig bleibt, ist im Grunde nur das monatliche Taschengeld, das man vor Ort braucht.
European Circle: Das lässt man dann der Familie zukommen, damit sie Geld für das Essen und die sonstige Versorgung hat?
Pust: Die Gastfamilien, die das alle auf ehrenamtlicher Basis machen, die sorgen auch dafür, dass die jungen Leute – wir wissen ja, dass Jugendliche ziemlich hungrig sind – auch freien Zugang zum Kühlschrank haben und sich ordentlich satt essen können. Ich kenne viele ehemalige Stipendiaten, die berichten, dass sie in den USA einiges an Kilos zugelegt haben, da da die Ernährung doch etwas anders und reichhaltiger ist als hier. Und es fehlt das Schwarzbrot. Aber dafür ist das Taschengeld nicht da, sondern für Kleidung oder für Schulausflüge oder kleinere Reisen, die man vielleicht mit den Gasteltern macht. Für solche Aufwendungen müsste man sein eigenes Taschengeld dabei haben.
Das Bild von Deutschland wird danach ein anderes sein
European Circle: Sie stehen auch in Kontakt mit Schülern, die das erlebt haben, Sie haben Erfahrungenberichte gehört. Was können Sie uns davon erzählen? Mit was für einem Mehrwert kommen die Schüler zurück und inwieweit können sie unser Land dort vertreten?
Pust: Dieses Programm hat schon eine lange Tradition. Es wurde 1983 zwischen dem US-Kongress und dem deutschen Bundestag vereinbart. Seit 1984 haben wir in beide Richtungen insgesamt bereits über 19.000 Stipendiaten ausgetauscht. Was ich hinterher immer höre, ist, dass die deutschen Schüler und auch die Berufstätigen sowohl ein völlig neues Bild der USA mitbringen, aber auch ihr Deutschlandbild sich stark verändert hat durch den Auslandsaufenthalt.
European Circle: Das heißt, sie wissen dann etwas zu schätzen, was hier passiert, was sie vorher gar nicht so wahrgenommen haben?
Pust: Ja. Und es ist nicht nur das vielbesagte Schwarzbrot, das in den USA fehlt, sondern viele sagen, dass sie sich gar nicht klar waren, wie gut die soziale Absicherung und das Krankensystem in Deutschland sind. Sie vermissen Busse und Bahnen, insbesondere wenn sie aus Berlin kommen und dann in der amerikanischen Provinz erleben, dass ohne das Auto eigentlich gar nichts geht. Und eben der soziale Zusammenhang, den es in Deutschland gibt im Unterschied zu dem, wie viele das in den USA erleben, das bringt eigentlich ein neues Deutschlandbild mit nach Hause.
European Circle: Dann ist es natürlich auch so, dass sie in ihrem Koffer vieles mitbringen, was sie später für ihre Karriere wunderbar gebrauchen können. Sie werden die Sprache sehr gut können und Einblicke bekommen haben in ein fremdes Land. Das wird ihnen bei Bewerbungen später sicher helfen, wenn sie ins Berufsleben einsteigen.
Pust: Es ist ein enormer Erfahrungsschatz, den man aus diesem Jahr mitbringt. Das sagen wir auch den Eltern, wenn die uns danach fragen: “Ist es denn sinnvoll, das unser Kind das macht?” – Man muss sich bewusst sein, dass man einen Jugendlichen wegschickt, und einen jungen Erwachsenen zurückbekommt. Er ist sehr selbstständig, er weiß viel genauer, was er in der Zukunft machen will. Er hat sein Leben in der Fremde ein Jahr lang behauptet, er hat sich selber organisiert und kommt wirklich stark verändert und gefestigt wieder.
[RED]
(Teaser-Bild: Maria Lanznaster/pixelio.de)









