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Mit Auschwitz gegen Rechtsradikalismus

- Helga Arntzen veranstaltet Jugend-Bildungsreisen und lebt seit beinahe 50 Jahren in Norwegen (Foto: aktive-fredsreiser.no)
European Circle: Nach dieser schrecklichen Tat in Norwegen wird in Deutschland über die Sicherheit im öffentlichen Raum diskutiert. Wie reagieren die Norweger?
Arntzen: Die Norweger haben mit mehr Solidarität, Liebe und Menschenwürde reagiert. Die Einwanderer in Norwegen wurden plötzlich zu Freunden, zu echten Norwegern und man trauerte gemeinsam. Unsere Politiker waren ein Vorbild. Es wird Verantwortung übernommen. Die Trauermarkierungen zeigen ein multikulturelles Norwegen mit mehreren Religionen, wo man zusammen eine gute Zukunft aufbauen will. Das war ja auch das Ziel der AUF-Jugendlichen, die ihr Leben geben mussten, weil der Täter gerade das abschaffen wollte. Die Leute in Norwegen zeigen, dass die Opfer nicht umsonst gestorben sind. Mehr als zuvor spricht man jetzt von einem "wir", einem demokratischen Norwegen mit verantwortungsbewussten und engagierten Bürgern. Man will dem Täter keine Chance geben, sein Gedankengut zu verbreiten. Man möchte ihn totschweigen.
European Circle: Sie beobachten seit vielen Jahren das rechtsradikale Spektrum Norwegens. Wie groß ist dieses Problem tatsächlich?
Arntzen: Es war ein sehr großes Problem 1992, als ich auf die Idee der Fahrten kam. Fast in jeder Stadt wurde plötzlich ein lokaler Neonaziverein gegründet. Durch die Fahrten wurde ein Verein nach dem anderen aufgelöst. Es gab dann nur noch die Gruppe Vigrid, die viel im Internet arbeitet. Auch Vigrid wurde aufgelöst und in den letzten Jahre gab es fast gar keine rechtsradikalen Aktivitäten. Ich meine, dass Norwegen das Land in Europa mit den wenigsten Rechtsradikalen ist. In Dänemark, Schweden, England, Deutschland und vor allem Polen ist der Rechtsradikalismus gestiegen, hier in Norwegen war er völlig verschwunden. Meiner Meinung nach kam das durch die Schülerfahrten, die wir nach Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück und Theresienstadt machen. Wir zeigen aber auch das neue Deutschland, sprechen über Menschenrechte und vor allem Menschenwürde und zielen besonders auf die Verantwortung jedes einzelnen Menschen. Die Schüler sind 16 Jahre alt, wenn sie auf diese Fahrt gehen.
Ich weiß, dass es Versuche von den Rechtsradikalen in Schweden, Deutschland und Dänemark gab, in Norwegen Fuß zu fassen, doch ohne Erfolg
European Circle: Was genau hat Sie damals auf die Idee gebracht, die Fredsreiser zu gründen?
Arntzen: Als die rechtsradikale Szene in Norwegen 1992 so gewaltig zunahm, konnte ich nicht untätig zusehen. Ich war selbst in Ost-Berlin der Gehirnwäsche ausgesetzt und wusste, dass einseitige Informationen gefährlich sein können. Als ich meine ersten Fahrten 1992 durchführte, bat mich das antirassistische Zentrum in Oslo nicht auf die Busse zu schreiben, wer wir sind und wohin wir fahren. Sie hatten Angst, dass die Busse von Neonazis in Norwegen oder Schweden angegriffen werden. Heute ist das überhaupt kein Problem mehr.
European Circle: Sind die Orte der grausamen Taten der Nationalsozialisten in Deutschland abschreckende Beispiele für junge Norweger?
Arntzen: Ich benutze sie als Gedenkorte, wo wir auch Blumen niederlegen und Gedichte lesen. Wir müssen verstehen was passieren kann, wenn man nicht aufpasst. Es ist unsere eigene Verantwortung, dass Menschenrechte und die Menschenwürde bewahrt werden. Also selbst wenn wir diese Orte besuchen, so zielen wir sehr stark auf die Verantwortung von jedem Einzelnen. Für mich ist es auch sehr wichtig, dass diese Fahrten keinen “Deutschenhass” hervorrufen, deswegen zeigen wir ganz bewusst das neue Deutschland und wir versuchen auch deutsche Jugendliche zu treffen. Unser Ziel ist, Jugendlichen den Glauben zu geben, dass Konflikte gelöst werden können, dass Frieden geschaffen werden kann und dass ihre eigene Haltung und ihre Handlungen ausschlaggebend sind.
European Circle: Sie besuchen mit den Jugendlichen nicht nur Gedenkstätten an die Nazi-Zeit, sondern beispielsweise auch die Gedenkstätte Berliner Mauer, warum?
Arntzen: Die Berliner Mauer ist ganz wichtig für uns und auch das Stasi Gefängnis, damit man die Bedeutung der Menschenrechte versteht.
European Circle: Wie reagieren die norwegischen Jugendlichen auf diese Reisen?
Arntzen: Die Jugendlichen, Lehrer und Erwachsenen reagieren sehr positiv auf diese Reisen. Eine Reise soll möglichst 8 Tage dauern und Krakau und Berlin einschließen. In Krakau sprechen wir auch über die Bedeutung von Kultur. Trotz des thematischen Hintergrunds ist es eine Schülerfahrt die auch Freude bringen soll. In Krakau haben wir einen Folkloreabend. Wir übernachten zum Beispiel im Tropical Island und besuchen das Hard-Rock-Café. Auch zum Einkaufen haben wir Zeit.
European Circle: Fahren die Jugendlichen freiwillig mit oder gehört es zu den schulischen Pflichten?
Arntzen: Da die Schule in Norwegen gratis ist, müssten die Fahrten im Ganzen von der Schule bezahlt werden. Dafür hat die Schule kein Geld. Der Staat verbietet aber, dass die Fahrten von den Eltern bezahlt werden und es wurden den Schulen große Schwierigkeiten gemacht. Da die Eltern und auch die Schüler diese Fahrten so wichtig finden und da die Fahrten einen so großen Beitrag zum Friedensverständnis geben, arrangieren viele Eltern diese Fahrten in den Schulferien. Leider fällt dabei aber der Lehrer weg und die Vorbereitungen vor und nach der Fahrt werden oft nicht von den Schulen gemacht. Das ist sehr, sehr traurig. Früher hatte man in der Schule ab der 8. Klasse gespart, die Themen vorbereitet, bevor man in der 10. Klasse gefahren ist. Nach der Fahrt hatten die Schulen dann auch eine Nacharbeitung. Das ist sehr gut gelaufen. Doch leider wurde das alles durch das sogenannte Gratisprinzip zerstört. Es sind also freiwillige Fahrten.
European Circle: Werden der Anschlag in Oslo und die Morde auf Utøya die norwegische Gesellschaft spürbar verändern?
Arntzen: Ja! Wie Sie sicher mitbekommen haben, stand das norwegische Volk zusammen in Trauer und Sorge. Man ist der Gewalt mit Liebe und Nähe zueinander entgegengetreten. Der Glaube an die Freiheit ist stärker als die Furcht. Die größte Veränderung war wohl, dass die Einwanderer als Norweger akzeptiert werden.
European Circle: Was hat das bei Ihnen persönlich ausgelöst?
Arntzen: Dieser Anschlag hätte wahrscheinlich nicht verhindert werden können. Solche Menschen kann man offenbar nicht ändern. Das Böse gibt es. Wir haben aber noch nie so stark das Gute in den Menschen sehen können, wie nach diesem Anschlag. So viele Menschen, die gemeinsam trauerten und Anteil nahmen und nehmen. In meinem Friedenspark hatten wir auch eine Zeremonie mit einem Beileidsbuch. Stundenlang standen die Leute Schlange, um sich in das Buch einzutragen. Ich habe gesehen, wie wichtig die Arbeit ist, die ich mache und wie wichtig die Fahrten sind. Obwohl ich schon lange Rentnerin bin, arbeite ich immer noch rund um die Uhr und ich sehe, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Ich hätte aber nie gedacht, dass so eine Tat in Norwegen passieren könnte.
[TK]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Paal Sørensen 2011, <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en.de">CC by-sa 3.0</a>)









