Donnerstag, 11. August 2011

Von: RED

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Mauerbau | DDR | Rainer Eppelmann | Berlin
50 Jahre Mauerbau - Zeitzeugen im Gespräch

Es begann am 13. August 1961

Anlässlich des am Samstag stattfindenden Gedenktages an 50 Jahre Mauerbau haben wir heute im European Circle-Gespräch jemanden, der dabei war und später eine ganz wichtige Rolle in der DDR spielte: Rainer Eppelmann. Warum erzählt er uns nun selbst im Interview.
Rainer Eppelmann
Nachdem ihm der Besuch der Oberschule verwehrt worden war, beschloss Rainer Eppelmann Pfarrer zu werden und sein Land von Innen heraus zu bessern. (Foto: tv.berlin)

European Circle: Sie haben alles erlebt, waren dabei und dann am Ende in der DDR zuständig für den Mauerabbau, als sie Minister für Abrüstung und Verteidigung waren. Was für ein Leben! Fangen wir am 13. August 1961 an: Wo waren Sie da? Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

Eppelmann: Früh morgens habe ich übers Radio gehört, dass in Berlin die zuständigen Organe der DDR die Grenze nach West-Berlin zumachen. Ich war auf einer Jugendfreizeit der Evangelischen Kirche auf Schloss Wanzfeld und da haben wir das morgens beim Waschen im Radio gehört. Ich habe zunächst gar nicht so richtig begriffen, was das für mich persönlich bedeutet, obwohl ich schon 18 war. Und zwar deswegen, weil ich bis zum 13. August 1961 in West-Berlin auf ein Gymnasium ging. Ich war einer der Ost-Berliner, die kein Pionier waren, die nicht in der FDJ waren, die keine Jugendweihe hatten sondern sich nur konfirmieren ließen. Und dann hatte ich außerdem einen Vater, der mit uns in Ost-Berlin wohnte, aber in West-Berlin als Zimmermann arbeitete. Das reichte aus, dass ich trotz eines anständigen Zeugnisses nicht auf die Oberschule in der DDR durfte und kein Abitur machen konnte. Dann haben meine Eltern mich in West-Berlin auf ein Gymnasium geschickt, davon gab es zwei, die extra für Ost-Berliner eingerichtet worden waren aus den Gründen, die ich gerade genannt habe. Manchmal reichte schon, dass die Eltern Ärzte waren, dann durften sie auch ihre Kinder nicht auf die Oberschule schicken, weil man meinte, da sollten bloß Arbeiterkinder hin. Die gingen dann, wenn sie ein anständiges Zeugnis hatten, auf eins der beiden Gymnasien in West-Berlin. Da bin ich eben bis zum 13. August hingegangen. Ich habe es aber nur bis Ende der 11. Klasse geschafft.

European Circle: Als Sie das im Radio gehört haben, war Ihnen dann klar, dass das jetzt vorbei ist mit dem Westen?

Eppelmann: Nein, das war mir nicht klar. Als ich dann zwei Tage später nach Berlin zu meinen Eltern in Hohenschönhausen kam, waren die natürlich auch aufgeregt und wussten nicht, wie das weitergehen wird. Mein Vater war außer im Besitz eines Personalausweises der DDR auch im Besitz eines Ausweises, der auswies, dass er in West-Berlin wohnte bei seiner Tante in Charlottenburg, sodass er in den ersten Tagen noch problemlos als West-Berliner noch von West- nach Ost-Berlin wechseln konnte. Ich hatte so einen Ausweis nicht. Wir andern hatten alle nur DDR-Papiere. Bei meinem Vater war das nur, weil er manchmal später arbeitete und dann nicht den langen Weg zurück nach Hause machen wollte, sondern dann eben den kurzen Weg zu seiner Tante. Er blieb dann in West-Berlin, weil er sagte: “Ich muss ja weiter arbeiten können, mein Geld verdienen.” Er ist allerdings, wie meine Mutter auch, davon ausgegangen, dass das die DDR gar nicht schafft auf Dauer durchzuhalten und dass sich der Westen das nicht gefallen lassen wird. Man ging davon aus, das wird ein paar Wochen sein und dann ist alles wieder so, wie es früher gewesen ist. Ich ahnte nicht, dass ich meinen Vater nicht wiedersehen würde. Meine Eltern waren ja nun schon etwas älter. Ich habe mir natürlich auch so meine Gedanken gemacht und hatte den Eindruck, dass es jetzt ganz schwierig wird, ob ich im September schon wieder zur Schule rüber gehen kann. Wir mussten uns dann auch gleich bei den zuständigen Behörden in Ost-Berlin anmelden. Das mussten alle, die in West-Berlin gearbeitet hatten oder zur Schule oder zur Universität gegangen waren. Ja und dann bekam man eine Hilfsarbeiterstelle. Das Abitur zu Ende machen ging natürlich überhaupt nicht. Da war dann bei mir auf einmal Schluss mit der Schule. Das war ja in den Ferien. Auf die Frage, ob ich weiter zur Oberschule gehen kann, haben sie schallend gelacht. Sie hatten ja vorher schon “nein” gesagt und nun war ich ja auch noch ein “Böser”, obwohl letztendlich meine Eltern die Entscheidung getroffen hatten mich in West-Berlin zur Schule zu schicken. Zu der Zeit war ich ja erst 15 als die Entscheidung gefällt wurde. Jetzt hieß es: “Sie müssen sich jetzt bewähren. Sie haben unseren Arbeiter- und Bauernstaat verraten.” Ich bekam nichtmal eine Lehrstelle. Mancher, der in der gleichen Situation war wie ich, der bekam wenigstens eine Lehrstelle. Auch die wurde mir verwehrt. Ich musste zunächst ein ganzes Jahr lang die schwere körperliche Arbeit des Dachdecker-Hilfsarbeiters machen. Die war damals noch so schwer, weil bei uns in der DDR beim normalen Bau keine Kräne eingesetzt worden sind. Das heißt, die Ziegel, die aufs Dach mussten, die musste ich auf einer Tuppe nach oben tragen.

European Circle: Deswegen die breiten Schultern, die später nochmal zum Tragen kommen würden, dann mit Verantwortung. Dann waren Sie also Hilfsarbeiter und blieben in der DDR, aber Sie waren quasi immer Widerständler, der Sie ja vorher auch schon waren, kein Pionier, keine FDJ, keine Jugendweihe.

Eppelmann: Das empfand ich noch nicht als Widerständler. Das ist ja nach der Verfassung der DDR mein gutes Recht gewesen. Es gab Glaubens- und Gewissensfreiheit. Es gab bei uns dann auch die Wehrpflicht, da gab es gar keine Alternative, einen Zivildienst hat es in der DDR nicht gegeben. Ich bin zuerst zur 1. Musterung. Das war aber nach dem Mauerbau. Die Wehrpflicht ist ja erst nach dem Mauerbau, 1963, eingeführt worden. Vorher traute man sich ja nicht, sicher aus der berechtigten Annahme, dass viele der 18-Jährigen, die sie dann zur NVA holen wollten, in den Westen abgehauen wären, um nicht zur NVA gehen zu müssen. Darum haben sie das erst 1963 gemacht. Dann bin ich als Panzersoldat gemustert worden. Als sie mich dann ein oder zwei Jahre später holten, habe ich dann den Dienst mit der Waffe verweigert, inzwischen gab es diese Möglichkeit, seit Mai 1964. Die DDR war übrigens das einzige Land im Warschauer Vertrag, wo es keinen Zivildienst gab, aber wenigstens die Möglichkeit, einen Soldatendienst ohne Waffe zu machen, das waren sogenannte Bausoldaten. Das bin ich dann für eineinhalb Jahre gewesen. Allerdings das Gemeine, das Teuflische, das Lügnerische wieder: Es gab ein Gesetz, in dem stand, junge Männer können aus religiösen oder ähnlichen Gründen den Dienst mit der Waffe verweigern. Wenn man dann dieses in der DDR entstandene und verabschiedete Gesetz in Anspruch nahm, wurde man bestraft! Es gibt nur ganz wenige von denen, die Bausoldaten waren, die hinterher die Möglichkeit bekamen an einer staatlichen Universität oder Hochschule studieren zu können.

Die Propaganda vom “Antifaschistischen Schutzwall”

European Circle: Wann hat sich bei Ihnen der Gedanke entwickelt, dass dieser Staat durch den Mauerbau die Diktatur verfestigte? Dass er das Beherrschen seiner Bürger damit verfestigt hat, sodass Sie sich nicht mehr bewegen konnten in Richtung Freiheit?

Eppelmann: Klar ist mir das von Anfang an gewesen. In dem Augenblick, als sie zugemacht haben und als diese Mauer immer massiver, immer fester gemacht worden ist. Aus Stacheldraht wurden auf einmal Steine, Steine wurden zu Betonplatten. Das wurde immer höher, wurde immer fester, die Grenzanlage wurde immer tiefer, mit Streifen, wo Hunde langliefen, wo Fangleinen gezogen wurden, die ausgelöst wurden, wenn man da langlief. Dann wurde auf diejenigen geschossen. Denn immerhin schon 14 Tage nach dem 13. August 1961 ist der Erste erschossen worden. Spätestens da merkte man, die machen keinen Spaß. Die meinen es wirklich ernst. Die, die abhauen wollen, die in den Westen emigrieren wollen, die werden notfalls um ihr Leben gebracht. Dass das blutiger Ernst war, das war wie gesagt 14 Tage später klar. Die Bezeichnung, die die DDR offiziell gebrauchte für dieses Bauwerk, hieß ja nicht Mauer! Das ist in der DDR zunächst ein verpönter Ausdruck gewesen. Und wer das sagte, ist mindestens korrigiert worden. Das hieß “Antifaschistischer Schutzwall”, mit der Behauptung, die Westler träumten nur davon, die DDR zu vernichten. Und um das zu verhindern, musste eben dieses fürchterliche Bauwerk gebaut werden. Die Herren selber, die haben natürlich gewusst, ohne dieses Bauwerk wäre ihre Macht zu Ende gewesen. Die Leute waren ihnen weggelaufen. Zigtausende jeden Tag im Sommer 1961, am Schluss 20.000 pro Tag. Es ging also um die eigene Macht. Und die Behauptung, sie haben damit mit dem Frieden in Europa gerechnet, ist einfach lügnerisch und lächerlich.

European Circle: Wie beurteilen Sie die neuesten Umfragen, dass etwa ein Drittel der Bürger der ehemaligen DDR den Mauerbau auch 20 Jahre nach der Einheit als gerechtfertigt empfindet? Was sagen Sie dazu?

Eppelmann: Das macht deutlich, was eine Propaganda von 30 Jahren bewirkt. “Antifaschistischer Schutzwall”, von dieser Grundeinstellung sind sie nie abgegangen. Nachher hatte es sich irgendwann eingebürgert, dass selbst die Offiziellen “Mauer” gesagt haben. Das war Ihnen sicher nachher, nach dem Grundlagenvertrag, ein bisschen peinlich, von den faschistischen Politikern in der BRD zu reden. Aber die Propaganda und die Behauptung, die immer wieder wiederholt wurde, dass der Bau der Mauer den Frieden in der Welt gerettet hat…

European Circle:  …wie ja die Ex-Generäle Keßler und Stelitz heute noch immer behaupten.

Eppelmann: Verlogen und lächerlich, kann ich bloß sagen. Oder sowas von begrenzt und blind, dass die Menschen wie Keßler, die sowas laut denken und offensichtlich auch noch meinen, einem wegen Ihrer Dummheit oder Unehrlichkeit wegen schon gar nicht mehr leidtun können. Bezogen auf die vielen Menschen, die das aber auch noch sagen, kann ich bloß sagen, sie wissen es nicht besser und sind dieser Behauptung auf den Leim gegangen. Wenn man genauer drüber nachdenkt, wenn man sieht, warum diese Mauer gebaut worden ist, auf wen geschossen worden ist, wer letztlich daran gehindert worden ist, von der einen auf die andere Seite zu gehen, das sind die DDR-Bürger gewesen! Die, die “beschützt” werden sollten. Die sind eingesperrt worden, nur darum ging es. Damit sie nicht alle abhauen und der Witz Wirklichkeit wird, dass Erich als letzter das Licht ausmacht, weil keiner mehr da ist. Es ging um nichts anderes, als um Machterhalt. Wenn ein Volk geht, macht es im Grunde eine Abstimmung mit den Füßen. Schon Brecht hat gesagt: “Wenn die Regierung ein Volk nicht halten kann, soll sie sich ein neues Volk wählen.”

European Circle: Nun sind Sie ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Eppelmann: Ja. Sie ist vom Deutschen Bundestag 1998 eingesetzt worden und hat die Aufgabe zu erinnern, was die Zeit der DDR für die einzelnen Menschen und für ihr Leben bedeutet hat, aber auch für die politische und die militärische Situation in Europa und zwischen den beiden deutschen Staaten und um mit den Lügen der damaligen Zeit Schluss zu machen.

“Das Ziel ist eine andere DDR gewesen”

Eppelmann 1990
"Ich erlebe die Zeit vom Spätsommer 1989 bis ins Frühjahr 1990 hinein bis nach den Wahlen im März als eine exotische Zeit", sagt Rainer Eppelmann, der Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung war. (Foto:commons.wikimedia.org/Bundesarchiv, Bild 183-1990-0422-015 / Pätzold, Ralf / CC-BY-SA, CC by-sa 3.0)

European Circle: Sie haben nie versucht “rüber zu machen”, wie es damals im Jargon hieß. Sie sind Pfarrer geworden und haben gekämpft. Was war Ihr Ziel: eine andere DDR zu machen oder die Einheit?

Eppelmann: Das Ziel ist eine andere DDR gewesen. Das war etwas bescheidener als davon zu träumen, dass wir die Verhältnisse haben, die wir heute haben: dass alle Deutschen die Möglichkeit und die Chance haben, in einem freien demokratischen Rechtsstaat leben zu können. Aber ich wusste keine Antwort auf die Frage, aus welchem Grund die 350.000 sowjetischen Soldaten, die in der DDR stationiert waren, diese wieder freiwillig verlassen sollten. Eine Einheit Deutschlands, das Leben von allen Deutschen, also einschließlich der 17 Millionen DDR-Bürger, in einer freiheitlichen Demokratie, dafür war mir als Preis der vermutliche Dritte Weltkrieg zu hoch. Der, meine ich, darf nicht bezahlt werden. Von daher konnte es bescheidener Weise nur darum gehen, dass wir Lebensverhältnisse bekommen, die ein Stück bunter, ein Stück freier, ein Stück fairer, ein Stück rechtsstaatlicher werden. Dass es ein Stück Rechtssicherheit gibt und dass es eben nicht so ist wie das Beispiel von vorhin, dass ein Gesetz gemacht wird und wenn man es in Anspruch nimmt, wird man dafür bestraft.

European Circle: Sie sind dann Bürgerrechtler geworden und haben im Jahr 1989 eine eigene Partei gegründet, “Demokratischer Aufbruch”. Haben Sie da schon geahnt, dass jetzt bald die Einheit kommt, oder ging es da nur darum, die DDR demokratischer zu machen?

Eppelmann: Da ging es immer noch nur darum, dass die DDR verändert werden sollte. Es ist ja etwas Revolutionäres im Spätsommer 1989 gewesen, dass DDR-Bürger auf einmal öffentlich erklärten, dass sie neue politische Parteien gründen wollen. Weil wir meinten, dass die Parteien im Bereich der Nationalen Front, die bisher regiert hatten, die DDR in den Ruin und in die Pleite geführt haben und das dazu führte, dass Millionen von DDR-Bürgern aus dieser Gesellschaft rauswollen. Da muss etwas Neues gebaut werden. Dafür waren wir bereit und mutig genug, öffentlich zu bekunden: “Wir wollen das machen. Wir werden die, die bisher hier regiert haben, alleine nicht weiter regieren lassen.” Dann kam der 9. November dazu, von dem wir wissen, dass er eine Mischung von einer herangewachsenen Situation gewesen ist. Es gab immer mehr Menschen, die einen Ausreiseantrag stellten, die unangemeldet auf die Straße gingen und demonstrierten. Es gab Parteien, die sich neu gründeten. Aber die Mauer war noch zu. Dann passierte das mit dem Schabowski, auch das allein hätte nicht gereicht. An dem Abend, an dem die Nachricht übertragen wurde “Schabowski hat gesagt, ab sofort dürfen die DDR-Bürger alle rüber”, hat es uns dazu gebracht, mich persönlich auch, mit Tausenden von anderen Berlinern zu sagen: “Das will ich gleich sehen!”

European Circle: Da waren Sie im Gegensatz zu 30 Jahre vorher gleich vor Ort und sind an die Grenze gefahren.

Eppelmann: Ich bin gleich mit einem Kollegen und Freund zusammen zur Bornholmer Straße gegangen. Als wir da ankamen, war der Schlagbaum noch unten. Es standen aber schon viele Menschen da, die den Grenzern zuriefen – den angeblichen Grenzern, wir wissen ja heute, dass das alles Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sind, die bloß Grenzeruniformen anhatten – “Nun macht doch mal auf! Schabowski hat gesagt, wir dürfen rüber!” Die waren unbewaffnet. Die hatten aber weiterhin den Auftrag, die Staatsgrenze der DDR zuverlässig zu schützen. Deswegen haben sie die Grenze nicht aufgemacht und es ist dem Druck und der immer größer werdenden Zahl von Berlinern und DDR-Bürgern zu verdanken, die an diesem Abend nicht nur in der Bornholmer Straße, sondern an alle Grenzübergänge kamen, dass die Grenze aufging. Der Verdienst der dort Diensttuenden, das muss ich fairerweise sagen, war, dass sie nicht zur Waffe gegriffen und nicht geschossen haben. Sonst wäre das wahrscheinlich eine Katastrophe geworden.

In Zukunft: Rechtsstaat

European Circle: Sie wurden – womit Sie bestimmt in Ihrem Leben nicht gerechnet hätten – Minister für Abrüstung der DDR und hatten plötzlich die Aufgabe, die Mauer abzubauen. Was war das für ein Gefühl, wenn Sie zurückdachten, dass Sie vor 30 Jahren dort eingesperrt wurden und nun dafür verantwortlich waren, dieses Bauwerk abzubauen?

Eppelmann: Ich erlebe auch heute in der Erinnerung noch diese Tage, Wochen und Monate vom Spätsommer 1989 bis ins Frühjahr 1990 hinein bis nach den Wahlen im März als eine exotische Zeit. Mir fällt kein treffenderer Begriff ein. Alles das, was wir uns erhofft hatten, nicht mal so richtig wagten zu träumen, mitbestimmen zu können über unser eigenes Schicksal, das wurde auf einmal Wirklichkeit. Und ich war selber daran beteiligt und konnte mitmachen. Ich konnte zum Beispiel, als ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre, im Kabinett von Lothar de Maizière Minister für Verteidigung zu werden, sagen: “Nein, das muss ich mir nochmal überlegen. Minister für Abrüstung und Verteidigung würde ich gerne machen.” Das gab es bis dahin nicht auf der Welt und gibt es meiner Meinung nach leider bis heute noch nicht. Wenn auf solchen Posten nur Pazifisten sitzen würden und solche, die sagen: “Mein Ziel muss bei aller Verteidigung auch die Abrüstung sein.”, das ist der Traum. Dann wäre meine Hoffnung, würde an der einen oder anderen Stelle noch weniger geschossen und Dinge, wie wir sie in Nordafrika erleben oder in Syrien, wären dann nicht möglich.

European Circle: Wenn Sie 30 oder 50 Jahre vorausschauen, was wünschen Sie sich für das wiedervereinigte Deutschland? Erstens natürlich, nie wieder eine Mauer durch Deutschland. Und zweitens?

Eppelmann: Dass diese Bundesrepublik Deutschland die Chance hat, mit anderen Völkern zusammen in Frieden und in einem halbwegs guten Wohlstand leben zu können. Vor allem aber, dass wir weiter in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat leben. Das haben wir jeden Tag und ich bemerke das immer wieder, den Unterschied zwischen Menschen, die die Diktatur und Demokratie im eigenen Land erlebt haben und allen, die 30 Jahre und jünger sind, die keine eigenen bewussten Erfahrungen mehr mit einer Diktatur haben. Die kennen nur ihr gegenwärtiges Leben in der Demokratie und das erleben sie natürlich nicht zu 100% als schön, sondern da gibt es auch Ärgerliches.

[RED]

(Teaser-Bild: Albrecht E. Arnold/pixelio.de)