Freitag, 12. August 2011

Von: ES

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Mauerbau | Berlin | Marienfelde | DDR | Flucht | Notaufnahmelager
50 Jahre Mauerbau - Das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde

Das Tor zur Freiheit

Was sich in Marienfelde unmittelbar in den Tagen um den 13. August 1961 abspielte? Davon erzählten diesen Mittwoch Zeitzeugen in der heutigen Erinnerungsstätte. Die Gäste waren entweder selbst geflohen oder arbeiteten zu Zeiten des Mauerbaus in Marienfelde. Am historischen Ort, im ehemaligen Speisesaal des Lagers, wurde so der Sommer 1961 nochmals lebendig. Begleitet wurden die persönlichen Erfahrungsberichte von bislang unveröffentlichen Filmsequenzen der amerikanischen “National Archives”. "In Erinnerung an den Bau der Mauer vor 50 Jahren: Bilder und Erfahrungen von Flüchtlingen im Notaufnahmelager Marienfelde", so der Titel der Veranstaltung.
Notaufnahmelage Marienfelde
Insgesamt 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge passierten das Notaufnahmelage Marienfelde (historische Aufnahme aus den 60er Jahren; Bild: ENM - Ev. Flüchtlingsseelsorge)

13. August 1961: Die ehemalige DDR-Führung beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer. Noch im Juni desselben Jahres verkündete der Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Walter Ulbricht, mit stolz geschwellter Brust: “Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen”. Doch der “Republikflucht”, dem anhaltenden Flüchtlingsstrom der Ost-Berliner und DDR-Bürger gen ersehnten Westen, galt es ein für alle Mal Einhalt zu gebieten. Trotz der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze sollten zwischen 1949 und 1990 insgesamt rund vier Millionen Menschen die DDR verlassen. Und das unter teils abenteuerlichen Bedingungen. 1,35 Millionen von ihnen passierten dabei das 1953 errichtete Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde.

Auf den ersten Blick wirkt der gelbgraue Gebäudekomplex an der Marienfelder Allee 66 recht unscheinbar: typische Fünfziger-Jahre-Architektur, simpel und funktional. Kaum vorstellbar, dass das heute so abgeschiedene Areal im äußersten Südwesten Berlins knapp vierzig Jahre lang brisanter Schauplatz des Kalten Krieges gewesen war. Doch spätestens durch das in großen Lettern geschriebene “Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde” am Eingangsbereichs des heutigen Museums wähnt sich der Besucher an einem historischen Ort.

Bereits seit 1945, also noch vor der Gründung der DDR im Jahre 1949, sah sich nicht nur das SED-Regime mit einem zunehmenden Flüchtlingsproblem konfrontiert. Auch die junge Bundesrepublik war angesichts des Zustroms an DDR-Bürgern und der katastrophalen Wohnlage in West-Berlin genötigt zu handeln: Im Juli 1952 legte der West-Berliner Senat den Grundstein für das Notaufnahmelager “in der festen Zuversicht, dass der Kampf um die Freiheit und Einheit aller Deutschen endgültig gewonnen wird”. Doch was in der Grundsteinurkunde von 1952 noch nach optimistischer Kurzweiligkeit der innerdeutschen Querelen klang und als eine aus der Not geborene “Heimstätte freier und glücklicher Menschen” gedacht war, sollte in den Tagen des Berliner Mauerbaus erste und zudem restlos überfüllte Anlaufstelle für Tausende von Flüchtlingen aus Ost-Berlin und der gesamten DDR werden.

“Das konnte man sich ja gar nicht denken!”

Kulick und Hagemann
Ursula Hagemann arbeitete im Notaufnahmelager als Krankenschwester. Alfred Kulick neben ihr war einer der ersten Flüchtlinge in Marienfelde, nachdem der Bau der Mauer begonnen hatte. (Foto: ENM - Ev. Flüchtlingsseelsorge)

Im Juni 1961 suchten knapp 20.000 Flüchtlinge, die meisten von ihnen unter 25 Jahren, das Notaufnahmelager Marienfelde auf. Mit gerade einmal 2.800 Schlafplätzen war das Ende der Kapazitäten schnell erreicht, denn so viele Menschen drängten damals im Zwei-Tages-Rhythmus ins Lager. Ursula Hagemann arbeitete dort als Krankenschwester. Gemeinsam mit sechs Schwestern und zwölf Ärzten versorgte sie die ankommenden Menschenscharen. “Das war eine unglaubliche Zeit 1961, die bei mir Narben hinterlassen hat. Es gab Höhen und Tiefen, unglaublich viele Flüchtlinge, die dann später alle in Busse gesetzt und von Tempelhof in den Westen geflogen wurden.” Ob sie angesichts tausender Menschen, die in 10er-Reihen kilometerlang ins Lager trieben, überhaupt das Ausmaß der Lage habe einschätzen könnten? “Von der Mauer war ja gar keine Rede. Das konnte man sich ja gar nicht denken!”, erwidert Frau Hagemann.

Doch von Tag zu Tag wurde es im Sommer 1961 immer unruhiger. “Es lag etwas in der Luft”, fügt Alfred Kulick hinzu. Als “Grenzgänger” lebte er in Ost-, arbeitete aber in West-Berlin. Zwei Leben habe er in jenen Tagen gehabt. Morgens ging er zum Appell, abends ins West-Berliner Kino. Immer wieder stellte er sich dieselbe Frage: “Bleibst du in West-Berlin?” Am Sonntagmorgen des 13. August schien es beinahe schon zu spät, “da waren plötzlich alle Grenzen zu, all die Pläne wurden Illusion”, schildert Alfred Kulick. Dennoch fährt er an den äußersten Rand der Stadt, die er wie seine eigene Westentasche kennt. Als er sieht, dass die Grenztruppen auch dort bereits den zweiten Stacheldraht ausrollen, wartet er den passenden Moment ab - und springt. “Da stand man plötzlich da im Westen, als 19-Jähriger mit drei geretteten Unterhosen.” Er meldet sich in Marienfelde, wo es vor Menschen nur so wimmelt. “Man stand komplett mittellos da”, erzählt Werner Kunig von der Realität als Flüchtling. “Vor dem Lager standen Autos der Baufirmen und warben junge Männer an. Nach getaner Arbeit hast du dann 20 Mark auf die Hand bekommen. So war das damals.”

Bis zu drei Jahre Gefängnis

Beinahe wäre Werner Kunig zum Desserteur geworden. “Immer hieß es, du musst erst etwas für den Staat tun, bevor der Staat etwas für dich tut”, erzählt er. Nachdem Werner Kunig als junger Mann auch den dritten Einberufungsbescheid zur Nationalen Volksarmee ignoriert hatte, war auch er fest entschlossen: “Die Mauer wurde ja in den Monaten´61 immer höher. Aber in dem Gefängnis hab ich es einfach nicht mehr länger ausgehalten.” Werner Kunig flieht im November 1961 entlang des nördlichen Grenzstreifens über den S-Bahnhof Wollankstraße. “Wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme, bin ich entweder im Westen oder im Gefängnis”, sagte er kurz vorher noch zu seinem Bruder. Denn der Paragraph 8(1) des DDR-Pass-Gesetzes vom 15. September 1954 lautet: “Wer ohne Genehmigung das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland verläßt [...], wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft.”

Lydia Steffen hingegen ist bereits seit 1953 in West-Berlin. Gemeinsam mit einem ihrer Brüder. Die Mutter und der jüngste Bruder sind 1961 noch im Osten der Stadt, in Weißensee, zu Hause. Am Morgen des Bauermaus, ein sonniger Sonntag, klingelt ihr Telefon. “Die riegeln Ost-Berlin ab”, berichtet aufgebracht der West-Berliner Bruder. Ihre Enttäuschung über die Westmächte - “Die haben das verschlafen, die lassen das nicht zu!” - wird zu Wut. Lydia Steffen, damals Sachbearbeiterin beim Rathaus Kreuzberg, organisiert West-Pässe und verhilft erst dem Bruder, dann der Mutter zur Flucht nach West-Berlin. Dem DDR-Offizier am Grenzübergang Friedrichstraße, der das Dokument des Bruders streng mustert, erwidert sie tatsächlich noch: “Ja, der sieht ganz schön mitgenommen aus.” Wieso sie ausgerechnet diese Grenzstation gewählt habe? “Die Friedrichstraße war ja im Westen komplett einsichtig. Falls man doch verhaftet werden würde, hätte das schon jemand mitbekommen.”  

Die Angst im Nacken

Kunig, Steffen, Heitzer
Werner Kunig (links) floh im November 1961 aus Ost-Berlin. Lydia Steffen war hingegen bereits seit 1953 in West-Berlin und verhalf ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Flucht. Enrico Heitzer (rechts) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Erinnerungsstätte und moderierte die Podiumsdiskussion. (Foto: ENM - Ev. Flüchtlingsseelsorge)

Die Flüchtlinge und Übersiedler - unter ihnen auch Alfred Kulick und Werner Kunig - durchlaufen ein aufwändiges, etwa zweiwöchiges Aufnahmeverfahren für die Aufenthaltserlaubnis in der BRD: medizinische Untersuchungen, Befragungen durch die Alliierten, Registrierungen, Anträge, Arbeits-und Wohnungssuche. “Die meiste Zeit im Lager verbrachte man damit, auf irgendetwas zu warten”, so Werner Kunig. Und immer sitzt die Angst vor DDR-Spionen im Nacken - vollkommen zu Recht. Marienfelde, das bereits vor dem berüchtigten Sommer 1961 seinen Ruf als “Tor zur Freiheit” weg hatte, ist den SED-Funktionären ein Dorn im Auge. Schließlich sind Anzahl und Berichte der Flüchtlinge Beweis der prekären Lebensrealität in der abgeriegelten DDR. Auch für die Alliierten ist das Lager ein gefundenes Fressen. Denn hier bekommen sie “nachrichtendienstliche Informationen” aus der DDR. Und das aus erster Hand. Ein rettendes Ufer für Flüchtlinge aus dem gesamten Ostblock, ist Marienfelde Anlaufstelle für so manchen westdeutschen und West-Berliner Politiker. Gerne inszenieren sie sich hier demonstrativ an der Seite der Menschen. Und kratzen somit heftig an der Ideologie des “Arbeiter- und Bauern-Staates”.

Doch die massive Abriegelungsmaschinerie entlang der innerdeutschen Grenze mit Sperranlagen, Minen und Grenztruppen erfüllte ihren Zweck: Für das gesamte Jahr 1962 wurden im Lager nur noch knapp 3.700 Anmeldungen verbucht. “Da hatte man plötzlich richtig Angst arbeitslos zu werden und war froh, wenn jemand vorbeikam”, berichtet Ursula Hagemann schmunzelnd. Um das Lager wurde es zunehmend stiller. Erst mit dem bevorstehenden Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs in den Achtziger Jahren und der Massenabwanderung in den Schicksalsjahren 1989/90 sollte es nochmals in die Schlagzeilen geraten. Was nur die wenigsten wissen: Bis Sommer 2010 nutzte das Land Berlin das Gelände des ehemaligen Notaufnahmelagers als Aussiedlerheim. Heute ist es Stätte für Asylsuchende, ein “Tor zur Freiheit”.

[ES]

Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde - Stiftung Berliner Mauer ist Dienstag bis Sonntag von 10.00-18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen finden sie unter: www.notaufnahmelager-berlin.de

Lesen Sie auch unser European Circle-Interview mit Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und Kurator der neuen Ausstellung.