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Vereinigte Staaten von Europa

- Die Euro-Krise ist omnipräsent und zeigt: Das Jahrhundertprojekt EU ist nicht nur schwer- sondern vor allem anfällig. (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Die aktuellen Wirtschaftskrisen in Griechenland, Portugal und Irland haben sich zu einer handfesten Euro-Krise ausgeweitet. Das Nachbeben der Finanzmarktkrise 2008 lässt den europäischen Kontinent erzittern. Durch die Wirtschafts- und Währungsunion spielt es heute keine Rolle mehr, ob einzelne Staaten glänzende Wirtschaftsdaten vorzuweisen haben. Wird der Druck in mehreren Staaten zu groß, gerät die Einheitswährung ins Wanken und damit das Konstrukt der Eurozone. Rettungspakete, Sparmaßnahmen und Strukturreformen sind die alles beherrschenden Themen der eilig einberufenen Euro-Krisengipfel. Zähe Verhandlungen unter Beteiligung des durch Personaldebatten krisengeschüttelten Internationalen Währungsfonds (IWF) und die omnipräsenten Animositäten verschiedener Staaten erschweren die Durchsetzung konsequenter Pläne. Die EU-Technokraten verfolgen derweil unbeirrt ihren Weg, immer auf der Suche nach Angleichung, Standardisierung und Harmonisierung von Produkten, Märkten und Rechtsvorschriften.
Die Schwerfälligkeit des Systems
Erst in der Krise zeigt sich, dass das Jahrhundertprojekt EU in stürmischen Zeiten kaum zu steuern ist. Ungleich schwerwiegender ist jedoch die Angreifbarkeit des Euro. Die Finanzmärkte reagieren sensibel auf jede Schwäche und brauchten nicht lange, um zu erkennen, dass eine EU 27, die in ihrem inneren Zirkel von der Währungsunion um die Eurogruppe geführt wird, durch ihren Konsultationszwang nur mit Verzögerung auf die Attacken von Finanzspekulanten antworten kann. Da sind der Europarat, die EU-Kommission, das EU-Parlament, der Rat der Finanzminister und die einzelnen Regierungschefs der Nationalstaaten, die gemeinsam in eine Richtung marschieren müssen. Auch wenn letztendlich alle Institutionen vom französischen Präsidenten Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel insbesondere bei der Euro-Rettung dominiert werden, bleibt das Konstrukt EU schwer- und damit anfällig.
Frankreich fordert Euro-Ratspräsidenten

- Wenn es nach dem Willen Frankreichs ginge, wäre EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy schon bald auch Euro-Ratspräsident. (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Wohl auch aus dieser Erkenntnis heraus werden jetzt jene Stimmen lauter, die die Krise nutzen wollen, um enger zusammenzurücken. Ein wichtiges Signal dabei ist, dass Frankreich und Deutschland sich maßgeblich an der Diskussion beteiligen. So forderte Frankreich jüngst einen Euro-Ratspräsidenten. Herman Van Rompuy, der momentan EU-Ratspräsident ist, soll nach dem Willen Frankreichs nicht nur weiterhin die Positionen der 27 EU-Mitglieder und die programmatische Steuerung der EU-Gipfel zu seinen Aufgaben zählen, sondern dieses Prozedere auch für die Eurogruppe übernehmen. Damit würde Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker, dessen Mandat Anfang nächsten Jahres ausläuft, durch den Euro-Ratspräsidenten ersetzt. Durch die Doppelfunktion, die Van Rompuy dann ausfüllen würde, könne man eine “Kommunikationslücke“ schließen, hieß es aus Frankreich.
Merkel sieht Handlungsbedarf
Auch die deutsche Regierung scheint ihre Vorbehalte gegenüber einer europäischen Integrationsdebatte aufgegeben zu haben. Bundeskanzlerin Merkel, bislang strikt gegen eine Abgabe von Wirtschaftskompetenzen an die EU, verkündete Ende Juli, dass die Zusammenarbeit der EU-Kommission und der Euro-Länder hinsichtlich der fiskalpolitischen Selbstverpflichtung intensiviert werden müsse. Wenn man diesen Vorgang als Wirtschaftsregierung bezeichnen wolle, dann könne man ihn so nennen. Gleichzeitig wies sie auf die Problematik der Euro-Gruppe, der EU 27 und deren Institutionen hin. Es müsse darüber diskutiert werden, inwieweit eine verstärkte Zusammenarbeit der 17 Euro-Länder sich in die Institutionen der EU-Kommission und des EU-Parlaments, die beide für die EU der 27 zuständig seien, integrieren lasse. Außerdem wies sie auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hin, dass im Zusammenhang mit dem Lissabon-Vertrag beispielsweise das Budgetrecht als hoheitliche Aufgabe des Deutschen Bundestags bestätigte. Gleiches gelte für die Verteidigungspolitik und die Sicherung der Sozialsysteme. Auch dass Länder wie Großbritannien noch immer einen Beitritt zum Euro strikt ablehnen, setzt einer weiteren Integration auf EU-Ebene Grenzen.
Schäuble für EU-Präsident
Einen Schritt weiter ging unterdessen Finanzminister Schäuble. Er sprach sich in einem Zeitungsinterview für den Vorschlag von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier aus. Dieser forderte im Mai bei seiner Rede an der Berliner Humboldt-Universität einen EU-Präsidenten. Schäuble und Barnier wollen damit mehr Einigkeit auf dem europäischen Kontinent und einen identitätsstiftenden Charakter der EU erzielen. Die ersten Gedankenspiele beinhalten, dass ein künftiger EU-Präsident von den nationalen Regierungschefs vorgeschlagen und anschließend von einem Kongress aus EU-Abgeordneten und nationalen Parlamentariern gewählt werden soll. Später könnte dieser auch direkt von den europäischen Völkern gewählt werden.
EU-Finanzministerium kein Thema

- Braucht die EU angesichts der anhaltenden Währungskrise ein EU-Finanzministerium? Für die Bundesregierung scheint diese Frage kein Thema mehr. (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Doch damit nicht genug. EZB-Chef Jean-Claude Trichet brachte im Juni die Idee eines EU-Finanzministers ins Spiel. SPD und GRÜNE unterstützen diesen Vorschlag im Grundsatz. Nach Auffassung von GRÜNEN-Chef Özdemir wäre dies die richtige Antwort auf die gegenwärtige Krise. “Was wir im Grunde bräuchten, wäre jetzt: Mehr Europa und nicht weniger Europa, (…), von mir aus auch gern so etwas wie eine Art europäischer Finanzminister“, verkündete er im ARD-Sommerinterview. Dagegen sagte der Regierungssprechen Steffen Seibert, dass ein EU-Finanzministerium für die Bundesregierung momentan kein Thema sei.
Schäuble nur Merkels Vorhut?
Doch Bundeskanzlerin Merkel scheint sich der EU-Integrationsdebatte nicht mehr zu verschließen. Sie agiert jedoch wesentlich defensiver als ihr Finanzminister. Der Vorstoß Schäubles geschah mit hoher Sicherheit nach Absprache mit Merkel; auch wenn es so aussieht, als hätte Schäuble nur seine Sicht der Dinge dargestellt. Denn das Thema ist nicht nur in Deutschland hochemotional. Es ist ein altbewährtes Mittel, zunächst einen Versuchsballon aufsteigen zu lassen, um zu erkennen, woher der Wind weht. Also schickte Merkel ihren Finanzminister vor. Wie die Schwesterpartei CSU sich in dieser Debatte verhalten wird, war Merkel wohl schon im Vorwege bewusst. Trotzdem polterte der bayrische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU): "Wir brauchen keine Eingriffe in unsere nationale Haushaltsouveränität, wir brauchen keine zentrale Wirtschaftsregierung und wir brauchen noch weniger ein europäisches Finanzministerium.“ Ob der Versuchballon nach der Sommerpause noch immer seine Runden dreht?
[STB]









