Freitag, 16. September 2011

Von: FZ

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Keywords:
VRdS | Wahrheit | Klartext | Kongress | Franz Müntefering | Vazrik Bazil
Fünfter Kongress des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache

Wie viel Wahrheit vertragen wir?

Berlin - An einem herbstlichen Septembertag hatte der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften geladen. Anlass war ein Kongress zum Thema “Klartext – Wie viel Wahrheit vertragen wir?” und die wunderbare Gelegenheit sich selbst sowie die deutsche Sprache zu feiern. Vor gediegener Kulisse am Gendarmenmarkt ging so manchem Schöngeist das Herz auf, als zur Begrüßung im Veranstaltungssaal Yann Tiersens “La Dispute” lief. Es kamen ehrenhafte Gäste. Franz Müntefering hielt die erste Rede und die European Circle-Reporterin suchte in diesem intellektuellen Ambiente vergebens nach “der” Wahrheit.
Gendarmenmarkt Berlin
Der 5. Kongress des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache fand am 8. September am Gendarmenmarkt statt. (Foto: zoerner)

“Mundus vult decipi” – die Welt will betrogen sein. Mit diesem lateinischen Ausspruch eröffnete Dr. Vazrik Bazil, Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), den 5. Kongress seiner Organisation am 8. September. Der VRdS existiert seit 1998. Momentan zählt er 450 Mitglieder in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Als Kontaktstelle der einzelnen Autoren setzt er sich u.a. für die Vermittlung von Aufträgen und offenen Stellen ein; berät seine Mitglieder bei Rechtsfragen und organisiert Ausbildungsprogramme für angehende Redenschreiber. Vizepräsident Harald Prokosch und Schriftführerin Natja Denk moderierten die Veranstaltung am Gendarmenmarkt. Dr. Bazil begründete die Entscheidung für das diesjährige Kongressthema auf zweierlei Weise: Zunächst beschäftigten sich Redenschreiber jeden Tag mit dieser Materie, wollten sie doch das Alltägliche gemeinverständlich, im Klartext und ohne Floskeln, ausdrücken. Zum anderen schreie die Öffentlichkeit selbst nach Klarheit, “sie lechzt danach”. Doch mit diesen zwei Annahmen komme das Nachdenken: Könne man die Wahrheit vertragen? Mit den Konsequenzen umgehen?

“Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl”

Franz Münterfering, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender, Arbeitsminister und Vizekanzler, beschrieb in seiner Rede den Klartext als Methode und die Wahrheit als Wert. Beide stünden in einem Weg-Ziel-Verhältnis. Er fragte sich jedoch: “Muss denn Klartext Wahrheit sein?” Nach der Meinung des Ex-Ministers sollte ein Redner stets versuchen, seinen Standpunkt so deutlich und ehrlich wie möglich darzulegen. Das gelte auch für die Politiker, die leider auf Grund der mediatisierten Gesellschaft dazu gezwungen seien, ohne längeres Nachdenken tagesaktuelle Antworten zu geben. Durch diese Kurzatmigkeit sei die nachhaltige Verantwortung für die gewählten Worte schwer durchzuziehen. Oftmals wirkten laut Müntefering im Klartext gesprochene Aussagen langweilig und zu vorsichtig, weil sie “die Fußnoten und Pointen immer schon mittliefern.”

Franz Müntefering
“Wahrheit ist Kompromiss”, sagte Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Vorsitzender und Vizekanzler, in seiner Rede auf dem Kongress. (Foto: zoerner)

Und was heißt nun Wahrheit? Franz Müntefering meinte: “Wahrheit ist Kompromiss”. Die Menschen, Politiker mit eingeschlossen, könnten einfach nicht alles überblicken. Es gäbe immer einen Rest, den man nicht beantworten könne. Trotzdem müssten die öffentlichen Akteure im Klartext sagen, dass das Gewünschte und das Mögliche nicht identisch und “die Wahrheit nicht so einfach zu gewährleisten” sei. Ändere sich der Weg, ändere sich auch das Ziel. Den Menschen müsse jedoch klar gesagt werden, wohin die Reise gehen könne. Die politischen Akteure trügen dafür die Verantwortung und gewährleisteten durch ihre Wahrhaftigkeit das Funktionieren unseres Staatssystems. Müntefering brachte dies nicht gerade floskellos auf den Punkt, indem er sagte: “Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl”.

Transparenz light

Diesen Gedanken griff der zweite Redner, Prof. Dr. Dr. Otfried Höffe, Philosoph und Präsident der Schweizer Ethikkommission, auf. Die Politik schulde ihrem Souverän, dem Volk, die Wahrheit, in Verbindung mit Offenheit und Ehrlichkeit. Er nannte dies “Transparenz”. Diese sei unbedingter Bestandteil der Demokratie. Werde die Transparenz verzögert und aufgeschoben, weil eine bestimmte Situation dies verlange, sei das in Ordnung, solange es irgendwann zu Aufklärung und Rechenschaftsablegung gegenüber dem Volk komme. “Klartext in jeder Situation und um jeden Preis ist falsch”. Manche Bereiche verlangten laut Höffe Diskretion und müssten den nach Wissen strebenden Bürgern vorenthalten werden. Die nackte Wahrheit könne überdies mitleids- und erbarmungslos sein. In Krisensituationen, wie gegenwärtig im Euroraum, sei Klartext jedoch unbedingt gewollt, um Hysterie und Ratlosigkeit zu vermeiden.

Reden ist silber, Schreiben ist gold

Dr. Michael Engelhard, dritter und letzter Redner des Vormittags, habe es stets für sich abgelehnt, einmal selbst in die Politik zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Der Generalkonsul a.D. schrieb u.a. für die Bundespräsidenten Walter Scheel und Richard von Weizsäcker sowie für Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. In seinem emotional und leicht konzeptlos wirkenden Vortrag beschrieb er seine frühere Tätigkeit als Redenverfasser und seine Furcht vor dem “Sprung ins Ungewisse”, der durch die realitätsverändernde Kraft politischer Entscheidungen herrühre. Trotz des Unvermögens, die Zukunft voraussehen, die Komplexität der Dinge durchbrechen und die Nachhaltigkeit vollständig gewährleisten zu können, seien Politiker in der Pflicht nach dem Bestmöglichen zu streben. “Der Redenschreiber sollte das schreiben, was er nach gründlichem Nachdenken für das beste für die Nation hält”, referierte Engelhard. Was der- oder diejenige mit Entscheidungsmacht schließlich davon in seiner/ihrer Rede verwende oder rausstreiche, läge in Eigenverantwortung. Die Redenschreiber selbst sind also fein raus und können in ihrem Idealismus verharren. Und die Wahrheit? “Die Wahrheit ist eine Schmuggelware”, meinte Engelhard. Neue Sachverhalte würden im Politikprozess sprachlich so verpackt, dass sie als altbekannt wahrgenommen würden. Die schützende Hand der Mächtigen wird also über die Unwissenden ausgebreitet.

Wo bleibt der Klartext?

Podiumsdiskussion
Auf dem Podium versammelt (von links nach rechts): Dr. Necla Kelek, Harald Prokosch (VRdS), Jan Fleischhauer, Natja Denk (VRdS) und Dirk Metz. (Foto: zoerner)

Nach der Mittagspause setzte sich die Suche nach “Klartext” fort. Auf einer Podiumsdiskussion mit dem Spiegel-Autor Jan Fleischhauer, der Publizistin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Necla Kelek und dem Kommunikationsberater und Staatssekretär a.D. Dirk Metz wurde mehr vorgetragen als diskutiert. Trotzdem wurden durchaus interessante Aspekte zum Thema des Kongresses eingebracht. So warnte Frau Kelek davor, dass für bestimmte Menschen der Glaube “die” Wahrheit sei und dies in unserer multireligiösen Gesellschaft auf Schwierigkeiten stoßen könne. “Man darf den Glauben nur als persönliche Wahrheit nehmen und andere in ihrem Recht dazu nicht einschränken”, meinte sie. Zwischen den verschiedenen Kulturen gäbe es keinen Konsens darüber, was Wahrheit sei. Deswegen könne es beispielsweise zwischen christlich geprägten Europäern und zugewanderten Muslimen, die den Koran als einzige wahrhaftige Religion betrachten, zu Konflikten kommen.

Dirk Metz behauptete in seiner früheren Tätigkeit als Sprecher der hessischen Landesregierung stets die Wahrheit gesagt zu haben. Ein Satz, der ein Raunen im Publikum auslöste. Metz legte nach: Als politischer Akteur müsse man dahin gehen, wo es weh tue. Man habe eine Wahrheitspflicht, da das Vertrauen der Bürger in die Politik essentiell sei. Jan Fleischhauer vom Spiegel sah dort jedoch auch die Arbeit von kritischen Journalisten, für die die absolute Transparenz auf politischer Ebene eher hinderlich sei. “Brutalstmögliche” Aufdeckung – ein Begriff der laut Metz fälschlicherweise als Aussage des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch dargestellt werde – trifft hier auf investigativen Journalismus.

Können wir das vertragen?

Welches Fazit konnte man schlussendlich am Nachmittag dieses gehaltvollen Kongresstages ziehen? Wie lässt sich die Frage nach dem menschlichen Aufnahmevermögen von Wahrheit lösen? VRdS-Präsident Bazil drückte es in seinem Epilog folgerndermaßen aus: “Es gibt nicht die Wahrheit.” Ein Fakt, der dem gemeinen Bürger durchaus bewusst ist. Ein elitärer Kongress mit Gedankenfragmenten vieler schlauer Menschen, die sich untereinander austauschen und die Wahrheit über “die” Wahrheit nicht nach außen tragen können. Im Klartext: ein Treffen um des Treffens willen.

[FZ]

(Teaser-Bild: zoerner)