Mittwoch, 5. Oktober 2011

Von: FZ

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Keywords:
Demokratie | ProDialog | Symposium | Quadriga Forum | Kerstin Plehwe
Demokratie Reloaded - Neue Wege zu einer starken Demokratie

Der Staat sind wir!

Berlin - Vergangene Woche veranstaltete die Initiative “ProDialog” ihr drittes Internationales Demokratie-Symposium. Im Vormittagsprogramm befassten sich 150 Schülerinnen und Schüler aus Berlin mit dem Thema “Keine Demokratie ohne Demokraten - keine Demokratie ohne Dich!” Am Nachmittag fanden sich Experten und Multiplikatoren zusammen, um mit einem guten Dutzend Referenten über “Neue Wege zu einer starken Demokratie” zu diskutieren. The European Circle war beim zweiten Programmteil im Quadriga Forum am Werderschen Markt dabei.
Birgit Wentzien-Ziegler
Birgit Wentzien-Ziegler vom SWR sprach in ihrer "Keynote" über das derzeitige Verhältnis zwischen Politikern und Bürgern. (Foto: ProDialog)

Die heutige Gesellschaft befindet sich in einem "Spannungsfeld zwischen Wahlabstinenz und Wutbürgertum", das es zu durchbrechen gilt. Dieses Ziel verfolgt die Initiative "ProDialog". Vor drei Jahren wurde das erste Internationale Demokratie-Symposium ins Leben gerufen. Die Deutsche Post fördert dieses und die 2005 gegründete, überparteiliche Initiative ProDialog finanziell. Die Deutsche Welle tritt als Medienpartner auf. Die "BMW Stiftung Herbert Quandt" sowie das Fachmagazin "politik & kommunikation" stellen weitere Unterstützer dar. ProDialog-Vorsitzende Kerstin Plehwe begrüßte in der vergangenen Woche die Symposiumsteilnehmer im Quadriga Forum und ermutigte zu "neuen und innovativen Modellen der Demokratieförderung". "Das schwindende Vertrauen in die Lösungskompetenz der politischen Institutionen und deren Vertreter" soll laut Plehwe durch die "Entwicklung neuer Beteiligungsverfahren und Kommunikationsmodelle zwischen Bürgern und Politik" aus dem Weg geräumt werden. Die Politik, aber auch die Medien müssten sich verändern, damit nicht länger ein Bruch zwischen ihnen und den Bürgern bestehe.

Demokratie uploaden

“Hausherr” Prof. Peter Voß, Präsident der Quadriga Hochschule Berlin, sprach in seinem Grußwort ebenfalls von einer zunehmenden Kluft zwischen Politikern und Bürger in Europa. Durch die Globalisierung würden die Entscheidungen immer komplexer und eine Folgenabschätzung schwieriger. Es sei daher die Aufgabe der Medien, getroffene Beschlüsse der Politik transparenter zu machen: “Transparenz ist die beste policy”. Durch die medialen Trends “Personalisierung, Emotionalisierung und Boulevardisierung” würde dies jedoch vernachlässigt. Adelheid Feilcke von der Deutschen Welle (DW) schloss daran an und bezeichnete den Auftrag ihres internationalen Senders als “Uploaden” der Demokratie. Die DW habe ihre Präsenz in den sozialen Medien erhöht und böte in den arabischen Umbruchländern Tunesien, Ägypten und Libyen für Medienschaffende Workshops an. Es gelte, die Journalisten beispielsweise in einer neutralen Wahlberichterstattung fortzubilden. Aufgabe der Medien sei es daher, durch “Professionalisierungsmaßnahmen die Demokratie zu verbreiten und für diese zu stehen”, so Feilcke.

Unzufriedenheit gehört dazu

In ihrer “Keynote” über das derzeitige Verhältnis zwischen Politikern und Bürgern prangerte die SWR-Hauptstadtstudioleitern Birgit Wentzien-Ziegler das mediale “Rattenrennen” an, das mit aller Macht auf Aktualität setze und die politischen Akteure anstecke. Sie kreidete auch die Bürger an, die zu viel von der Politik erwarteten und meinten, dass mehr Volksentscheide die repräsentative Demokratie besser machen würden. Sie formulierte daher drei Wünsche: Die Politiker sollten mehr Rückgrat haben, die Medien sich nicht als “Papst, Kanzlerin oder Grieche” verstehen, sondern besser auf “gute Argumente” setzen und die Bürger sollten nicht zynisch werden. Insgesamt zeigte sie sich in ihrer Bestandsaufnahme jedoch nicht allzu besorgt, denn “Unzufriedenheit gehört zur Demokratie wie das ‘D’ im Namen”.

Chancen und Grenzen der neuen Medien

Ruhenstroth-Bauer, Seibel, Alawi
Sie diskutierten über "Chancen & Grenzen in einer multimedialen Welt" (von links nach rechts): Peter Ruhenstroth-Bauer, Andrea Seibel und Zahi Alawi. (Foto: ProDialog)

Auf diese ersten Gedanken folgte die Debatte "Demokratie Reloaded - Chancen & Grenzen in einer multimedialen Welt". Die bunt gemischte Runde diskutierte über Vor- und Nachteile neuer Beteiligungsformen im Internet. Zahi Alawi von der Deutschen Welle promoviert zur Zeit über Internetjournalismus in der arabischen Welt und glaubt, dass es die Revolutionen in Nordafrika auch ohne das Internet gegeben hätte - dann aber wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt. Gerade die panarabischen Medien, wie der Fernsehsender Al-Dschasira, hätten die Proteste auf dem Tahrir-Platz und andernorts gezeigt und damit die Menschen mobilisiert. Die zahlreich entstandenen Blogs hätten darüber hinaus eine Rolle in der Meinungsäußerung und -bildung gespielt. Andrea Seibel, stellvertretende Chefredakteurin der WELT, empfand Kommentare im Internet nicht immer positiv angesichts teilweise vulgärer Äußerung zu Online-Artikeln. "Nicht alles, was von der Basis kommt, ist gut", meinte sie. Man brauche vielmehr einen "Code of Conduct", der gewisse Spielregeln festschreibe, an die sich diejenigen, die sich als wahre Demokraten begriffen, auch hielten.

Intelligenter Mix

Am späten Nachmittag setzte sich das Programm mit einer Fishbowl-Diskussion über “Wege aus der politischen Legitimitätskrise” fort. Es traten Befürworter direkt-demokratischer Beteiligungsformen gegen eher konservativ eingefärbte Politik-Protagonisten an. Sebastian Frankenberger von der Demokratisch-Ökologischen Partei (ÖDP) initiierte das Volksbegehren für einen stärkeren Nichtraucherschutz in Bayern und sprach sich für die direkte Demokratie aus. Er traute jedem Bürger die Verantwortung für die Entscheidung über einen bestimmen Sachaspekt zu. Professor Karl-Rudolf Korte dämpfte Frankenbergers euphorische Haltung und sprach sich für eine “kluge Kombination” von direkter und repräsentativer Demokratie aus, die zu besseren Ergebnissen führen würde. Eine Beschleunigung von Problembewältigungen durch Protestformen und Bürgerentscheide könne hingegen Argumente verzerren und gut überlegte Entscheidungen untermauern. Es sei jedoch erwiesen, dass eine stärkere Teilhabe an politischen Prozessen zu einer größeren Zufriedenheit der Bürger führe.

Sigrid Meinhold-Henschel von der Bertelsmann Stiftung pflichtete Korte bei. Die repräsentative Demokratie sollte nicht gegen die direkte ausgetauscht werden, sondern vielmehr “intelligent gemixt” werden. Fakt sei jedoch, dass sich 81 Prozent der Befragten in einer Bertelsmann-Studie für mehr Beteiligungsrechte ausgesprochen hätten und Dreiviertel nicht mehr der “Problembewältigungsexpertise” der Politik trauten. “Heutige Fragen sind auf Grund der Zeitlichkeit in der direkten Demokratie nicht behandelbar”, meinte Peter Radunski, CDU-Politiker und Senior Advisor bei der MSL Group. Es bestehe die Gefahr, dass es so zu einer “Ja-Nein-Reduktion” bei Volksentscheiden komme. Daher sei die CDU gerade auf Bundesebene skeptisch, ob die repräsentative Demokratie aufgehoben werden könne. Sein Negativbeispiel – das Scheitern der Weimarer Republik angesichts direkt-demokratischer Elemente –  wurde von Dr. Michael Efler, Mitglied des Vereins “Mehr Demokratie e.V.” bestritten: “Es gab nur zwei Volksentscheide in 15 Jahren und beide sind gescheitert.” Daher wäre Radunskis Einwand kein Grund, “den Bürgern dieses Grundrecht vorzuenthalten.” Laut Efler müsste das veraltete Politikverständnis, dass reines Engagement in Parteien ausreiche, erneuert und eine multiplere Demokratie geschaffen werden.

Bürgerbeteiligung in der Praxis

Fishbowl-Diskussion
Die Fishbowl-Diskussionsrunde mit Dr. Michael Efler, Sebastian Frankenberger, Professor Karl-Rudolf Korte, Sigrid Meinhold-Henschel und Peter Radunski (von links nach rechts). (Foto: ProDialog)

Nach diesen vielseitigen Appellen für mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft stellten die Amerikanerin Mary Bunting und der Brasilianer José Augusto Matos de Miranda zwei Praxisbeispiele vor, die vorbildlich Bürger in Entscheidungen einbeziehen. Bunting ist seit Januar 2010 Bürgermeisterin der Stadt Hampton im US-Bundesstaat Virginia. Dessen 141.000 Einwohner werden bereits seit 25 Jahren Schritt für Schritt stärker in Gemeindeangelegenheiten einbezogen. So wurden bei anstehenden Haushaltskürzungen vor einigen Jahren zunächst die Bürger befragt, in welchen Bereichen sie Einsparungen akzeptieren würden, ehe die Politiker eine Entscheidung fällten. In der lokalen Zeitung wurden einzelne Geschichten von Teilnehmern und die Ergebnisse der Befragungen veröffentlicht. "Wir mussten allerdings ersteinmal die Menschen durch Werbung und Snacks locken", gestand Bunting. Als diese jedoch sahen, dass sich ihre Beteiligung lohnte, war dieses partizipative System ein Selbstläufer.

José Augusto Matos de Miranda ist Koordinator des Bürgerhaushalts in der brasilianischen Stadt Recife. Dort wird beispielsweise die Stadt- und Schulentwicklung seit 2001 über diesen Haushalt gestaltet, der über Bürgervorschläge via Internet geformt wird. Die Beweggründe für dieses Beteiligungselement würden laut Matos de Miranda in der unzureichenden Arbeitsweise der drei ursprünglichen Gewalten - Legislative, Exekutive und Judikative - der noch "jungen Demokratie Brasilien" liegen. Kommunale Interessen würden kaum zur Legislative durchdringen und die Exekutive würde zwar ausgeübt, Gelder aus der Föderation zu bekommen und diese dann auch ordentlich einzusetzen sei jedoch sichtlich schwierig. "Es war somit eine Methode nötig, die als vierte Macht die traditionelle Gewaltenteilung ergänzt", sagte Matos de Miranda in seinem Vortrag. Die Bevölkerung Recifes leiste somit Lobbyarbeit für ihre Interessen und trete in ständigen Dialog mit den gesetzgebenden und ausführenden Gewalten. Für das Bürgerhaushaltsmodell erhielt die 1,5 Millionen-Einwohner-Stadt den Reinhard Mohn Preis der Bertelsmann Stiftung 2011.

Von unten reloaden

Diese "Demokratie Reloaded"- Praxisbeispiele rundeten die theoretischen Vorüberlegungen des Nachmittags ab. Kerstin Plehwe von ProDialog betonte in ihrem Schlusswort einmal mehr die Grenzen der multimedialen Welt in Zeiten schwindender Legitimität der politischen Akteure. Sie äußerte den Wunsch, dass gerade die traditionellen Journalisten trotz vieler "Steine im Weg" nicht ihr Interesse an einer Demokratiebelebung verlören und sich weiterhin in deren Sinne engagierten. Es liegt demnach in den Händen der Meinungsmacher, seien es nun professionelle Medienschaffende oder private Blogger, den demokratischen Geist in die Köpfe der Menschen zu tragen und damit den eigentlichen Souverän sich seiner Wichtigkeit in der heutigen Gesellschaft bewusst werden zu lassen. Die Demokratie kann nur von unten "reloaded" werden.

[FZ]

(Teaser-Bild: Walter Reich / pixelio.de)