Freitag, 28. Oktober 2011


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Wie lange hält der soziale Frieden in Polen?

Polnischer Wohlstand – nicht für alle

Die rund um die Großstädte entstehenden komfortablen Wohnsiedlungen für den neuen Mittelstand können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein massives regionales und sektorales Lohngefälle gibt und die Kosten für die Modernisierung einseitig von den Arbeitnehmern getragen werden. Nicht die globale Finanzkrise, sondern die unterentwickelte soziale und verkehrstechnische Infrastruktur hemmt die weitere Entwicklung unseres Nachbarlandes. Die niedrige Wahlbeteiligung und das mangelnde Vertrauen in die Politik war auch bei den diesjährigen Parlamentswahlen im Oktober erneut Ausdruck der Unzufriedenheit vieler Polen. Unser Autor sprach mit Waldemar Kuwaczka, dem Direktor des Katholischen Jugendbildungszentrums KANA in Gleiwitz. In Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und Firmen wie Siemens und Microsoft vermittelt das Team von KANA bereits seit 17 Jahren äußerst erfolgreich moderne IT-Kenntnisse an Jugendliche und Lehrer. In der Region wird das Zentrum als Inkubator vielfältiger sozialer und kultureller Initiativen geschätzt.
Waldemar Kuwaczka
Waldemar Kuwaczka, der Direktor des Katholischen Jugendbildungszentrums KANA in Gleiwitz. (Foto: KANA Gliwice)

European Circle: Sehr geehrter Herr Kuwaczka, wie stellen Sie sich ein modernes Polen vor?

Waldemar Kuwaczka: Zunächst einmal: Polen ist heute ein relativ homogenes Land. Nur einige hunderttausend Einwohner sind nationalen Minderheiten zuzurechnen: Deutsche, Belarussen, Litauer usw. Diese Gruppen sind aber fest integriert. Eines der Hauptprobleme der anderen europäischen Gesellschaften, also das Zusammenleben von Personen und Gruppen mit verschiedenen Kulturen, Lebensauffassungen und Werten, stellt sich für Polen so nicht. Polen ist in der sehr komfortablen Situationen, dass fast alle Menschen hier die polnische Sprache beherrschen und weitgehend in der polnischen Kultur verwurzelt sind, auch und gerade unsere Minderheiten.

European Circle: Kann diese relative Homogenität nicht auch erdrückend wirken?

Waldemar Kuwaczka: Kürzlich hat Präsident Bronis?aw Komorowski im östlichen Teil Polens eine Rede für Pilger der orthodoxen Kirche gehalten. Darin hat er zu einem Dialog zwischen den christlichen Konfessionen aufgerufen. Die Orthodoxe Kirche in Polen stelle einen riesigen Schatz dar, den wir weiter pflegen müssen. Ich stimme dem zu, Polen hat quasi zwei Lungen, eine östliche und westliche. Was wir verhindern müssen, ist, dass aus politischem Kalkül wie in der Vergangenheit Spannungen auf Grundlage ethnischer oder sozialer Unterschiede erzeugt werden. Leider war das im Bezug auf die deutsche Minderheit der Fall, ist heute aber zum Glück vorbei.

European Circle: Wenn schon nicht im Kampf der Kulturen, so scheint sich das Land trotzdem in einem beständigen Spannungszustand zu befinden. Woran liegt das?

Waldemar Kuwaczka: Ganz einfach: wir werden bisher mit den gewaltigen sozialen Unterschieden nicht fertig. Das verfügbare Einkommen weiter Teile der polnischen Bevölkerung liegt weit unter dem in westlichen EU-Mitgliedsstaaten. Der Mindestlohn beträgt ca. 250 Euro netto. Gleichzeitig sehen wir uns mit einem relativ hohen Preisniveau konfrontiert. Manche Produkte sind hier noch deutlich teurer als in Deutschland. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, kann das in der Zukunft zu Spannungen führen. Natürlich ist es zunächst das Beste, eine feste Arbeit zu haben und sich anzustrengen. Aber das zahlt sich eben bei uns oftmals nicht aus. Schauen Sie sich an, was jungen Menschen, die gerade eine Familie gegründet haben, zum Beispiel in den großen Supermärkten gezahlt wird: umgerechnet 300-400 Euro für einen Vollzeitjob. Gleichzeitig kann man andere Leute, die nichts leisten, nicht entlassen, weil sie von alten Einstellungsregeln profitieren, wie sie zum Beispiel für Lehrer gelten. Diese Ungerechtigkeit schreit doch zum Himmel! Die soziale Frage stellt sich im heutigen Polen also ganz konkret.

European Circle: Aus deutscher Perspektive klingt das beinahe wie ein Zitat aus dem Geschichtslehrbuch. Ist das nicht das Reservoir, aus dem erfolgreiches soziales und politisches Unternehmertum schöpft?

Waldemar Kuwaczka: Sicherlich, aber leider wird die soziale Frage bei uns nicht richtig aufgegriffen, auch nicht von der katholischen Kirche. Die Kirche in Polen beschäftigt sich zu sehr mit sich selbst. Dabei ist es gerade jetzt an der Zeit, der katholischen Soziallehre als Argument in der öffentlichen Debatte mehr Beachtung zu verschaffen. Ist es denn sittlich erlaubt, dass schwer arbeitende Menschen so unverschämt wenig verdienen? Die Gewerkschaften verhalten sich nicht weniger skandalös. Was denkt sich eigentlich ein Gewerkschaftsfunktionär – also ein ehemaliger Arbeiter, nicht etwa ein Experte mit Doktortitel – der umgerechnet 2.500-3.000 Euro im Monat verdient, wenn er an der Kasse eines Supermarktes steht? Wie kann er das mit seinem Gewissen vereinbaren? Es gibt meines Erachtens in Polen zu wenig organisierten Druck von Seiten der Regierung und der Sozialpartner auf die Arbeitgeber, als dass das Lohnniveau angehoben werden könnte. Wir wissen doch aus dem europäischen Vergleich, dass das möglich ist. Natürlich nicht in jeder Branche. Aber kein Mensch kann mir erzählen, dass die großen Konzerne dazu nicht grundsätzlich in der Lage wären.

European Circle: Hat sich denn trotz der vielen Regierungswechsel im letzten Jahrzehnt daran nichts geändert?

Waldemar Kuwaczka: Leider nein. Es gibt quasi einen parteiübergreifenden Konsens, nichts dagegen zu unternehmen, auch wenn sich das im Wahlkampf vielleicht anders anhört. Die Gewerkschaften sollten endlich wieder so handeln wie in den achtziger Jahren. Wir brauchen Analysen, die aufzeigen, wie weit es bereits wieder gekommen ist: dass wir jene hart arbeitenden Menschen enttäuschen, die sich mit ihrem Einsatz etwas mehr verdient haben, als sie heute erhalten. Hier sollte sich die Kirche, sowohl Geistliche wie  Laien, stärker engagieren. Klar mussten die Unternehmen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit wirtschaftlichen Sonderkonditionen angelockt werden, und die Auswirkungen auf das Preisniveau sollten natürlich auch beachtet werden. Aber die Gewinnspanne ist hierzulande doch um ein Mehrfaches höher als in Deutschland, auch wenn die Bilanzen das vielleicht nicht ganz so ausweisen. Ich wünschte mir, dass der soziale Friede stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Polen rückt.


(Teaser-Foto: Altstadt Gleiwitz - commons.wikimedia.org/Tonko1993)