Montag, 14. November 2011

Von: PB

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Nahost | Baruch Spiegel | Mansour Abu Rashid | Israel | Jordanien | Konflikt | Friedensverhandlungen | DGAP
Zwei Generäle glauben an den Frieden in Nahost

Einst Feinde - jetzt Freunde

Berlin – Mit 18 waren sie Feinde, mit 58 wurden sie Partner, mit 65 sind sie Freunde. Beide waren einfache Soldaten, als sie aufeinander schossen. Heute sind sie Generäle im Ruhestand und arbeiten für den Frieden in ihren Regionen. Alles änderte sich 1992 mit einem Händedruck auf der Grenzbrücke zwischen Jordanien und Israel. Da gaben sich die Generäle Baruch Spiegel aus Israel und der Jordanier General Mansour Abu Rashid zum ersten Mal die Hand. Genau auf der Grenze zwischen Israel und Jordanien. Im Berliner Haus der “Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik” (DGAP) erzählten sie im Oktober 2011 ihre Geschichte und warum der Frieden mit Jordanien nun schon 17 Jahre besteht und mit Palästina auch möglich sein könnte. European Circle-Mitarbeiter Svenja Räker und Peter Brinkmann haben zugehört.

Die Vorgeschichte

B.Spiegel, S. Tempel, M. Abu Rashid
Silke Tempel (DGAP) eingerahmt von Baruch Spiegel (links) und Mansour Abu Rashid (rechts). (Foto: DGAP)

1947 beschließt die UNO die Teilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in zwei Staaten: Einen jüdischen und einen arabischen. Die Juden nehmen an. Israel entsteht 1949. Die Araber nehmen das jedoch nicht hin, und beginnen den ersten Nahostkrieg. 1949 die erste Waffenruhe, aber kein Frieden. Es folgen 1956 der zweite, 1967 der dritte und 1973 der vierte Nahost Krieg. Erst 1979 kommt es zum ersten Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten. Israel ist jedoch weiter Ziel von Terror durch die PLO. 1991 ändert sich die Weltlage. Iraks Diktator Saddam Hussein überfällt das Nachbarland Kuwait. Nur ein Jahr später zerfällt die Schutzmacht des Irak. Die Sowjetunion löst sich auf. Damit sind die bisherigen Grundfesten für den fragilen Zustand in Nahost weggebrochen. Die geopolitische Lage hat sich grundlegend geändert. Israel beginnt mit seinem Nachbarn Jordanien Gespräche  für den “Frieden” zu führen. 1993 werden die Palästinenser mit dem Oslo–Abkommen einbezogen. Israels Premier Yitzak Rabin, Außenminister Shimon Perez und PLO-Chef Yassir Arafat bekommen dafür 1994 den Friedensnobelpreis. Eine neue Ära scheint angebrochen zu sein. 

Schon 1991 in Madrid dabei

Der Jordanier Abu Rashid saß schon 1991 am Tisch in Madrid, als dort zum ersten Mal nach vielen Kämpfen Palästinenser und Israelis über eine politische Lösung des Konflikts verhandelten. Die auf der Madrider Konferenz aufgenommenen bilateralen Gespräche zwischen Israel und Jordanien wurden über fast zwei Jahre bis zur Unterzeichnung der Israelisch-Jordanischen Agenda am 14. September 1993 fortgeführt. Und so begann es.

Treffen auf der Brücke

Yarmuk
Der Yarmuk, Grenzfluss zwischen Israel und Jordanien. An diesem Fluss trafen sich der Israeli und Jordanier das erste Mal. (Foto: commons.wikimedia.org/Matanya, CC by-sa 3.0)

“Ich hatte schlaflose Nächte, als ich den Auftrag vom König Hussein bekam, mich mit einem israelischen General zu treffen”, erzählt Mansour Abu Rashid im voll besetzten Saal der DGAP in Berlin.  “König Hussein hatte mich 1992 beauftragt, mich mit einem Israeli auf der Grenzbrücke über den Yarmuk Fluss zu treffen. Einem Israeli! Einem General! Ich selber war auch General, wir waren etwa gleich alt, also konnte ich davon ausgehen, dass wir als 18 oder 19 jährige Soldaten im Sechstage-Krieg von 1967 aufeinander geschossen hatten.”  “So war es auch”, wirft Baruch Spiegel ein. “Ich war gerade 18 und sah die Araber nur als Feinde”.  “Nun also sollte ich mit diesem Mann reden”, erzählt Abu Rashid weiter. “Ja, ich sollte ihm die Hand geben. Noch vor Stunden undenkbar. Alle Jordanier hatten Angst vor den Israelis. Nahezu jede Familie bei uns hatte einen Verlust durch die Kriege seit 1948/49 zu beklagen. Doch meine Frau sagte nur zu mir: Geh, geh, mach es.”

Eine Avocado und ein Händedruck brechen das Eis

Baruch Spiegel nickt, hat ähnliche Empfindungen und  Erinnerungen. “Ich war damals Kommandeur der Golani Brigade im Süd-Libanon. Rabin rief mich eines Tages an und sagte mir, er hätte 1992 ein geheimes Treffen mit König Hussein von Jordanien in Washington gehabt. Und gibt mir einen Auftrag: Wir wollen Frieden versuchen. Versuche, ein Abkommen mit den Jordaniern zu erreichen, sagte er mir.  Ich wollte nicht, sagte meinem Ministerpräsidenten Rabin, ich bin ein General, bin ein Soldat, ich kann nicht verhandeln. Ich sollte nun plötzlich die Interessen meiner Regierung durchsetzen, aber niemand sagte mir, wie ich das ohne Waffen anstellen sollte. Rabin antwortete kurz, wie immer: Stopp shooting, start talking”, also hör auf zu schießen, fange an zu reden. “Ich erinnere mich noch genau, dass das Gespräch fast 25 Minuten dauerte. Rabin sagte mir, ich weiß auch nicht wie es gehen kann, aber mach es einfach. Fang an.”
Einen Plan gab es 1992 nicht, es war nicht einmal klar, wie beide über die Waffenstillstandslinie hinweg Kontakt zu dem Nachbarn knüpfen sollten.  In einer engen Schlucht südlich des Sees Genezareth unterhielt die UN am Grenzfluss Yarmouk einen Grenzposten. Hier gab es eine Brücke die von den Straßen oberhalb des schmalen Wasserlaufs nicht einzusehen war. Hier verlief die Grenze zwischen Israel und Jordanien. “Ich hatte eine Avocado mitgebracht. Die kanntest du nicht”, sagt Spiegel. “Stimmt, heute bauen wir sie auch an” erwidert Abu Rashid.

Drei Sekunden, und er wusste, sie würden klar kommen

Baruch Spiegel und Mansour Abu Rashid
Baruch Spiegel und Mansour Abu Rashid wissen, sie haben viel erreicht. Aus ihrem ersten Treffen am Yarmuk Fluss wurde das erste Treffen der israelischen und jordanischen bilateralen Delegationen. (Foto: DGAP)

Spiegel erinnert sich:”Das Wasserproblem war für beide Seiten das Hauptproblem. Also dachte ich, lass uns über das Wasser reden. Alles Weitere kommt dann schon. Und so gingen wir auf der Yarmuk Brücke aufeinander zu, blieben genau an der Grenzmarkierung stehen und reichten uns über diesem weißen Strich die Hände.”  Abu Rashid erinnert sich: “Und da merkte ich: Das ist ein fester  Händedruck, der ist ja nicht anders als bei uns. Dieser General aus Israel reicht mir die Hand und ich ihm. Und in einer Sekunde war das Eis zwischen uns gebrochen.”  Aber was Friedensverhandlungen so kompliziert macht, sind die Details. Jeden einzelnen Zentimeter Grenzland haben Spiegel und Mansour überprüft. Der UN-Teilungsbeschluss von 1947 sah die Flussmitte des Jordans als Staatsgrenze vor. Eine einfache Regelung. Aber hält sich auch das Wasser des Flusses daran? Zumal die jüdischen Siedler schon 1927 hier in Naharayim ein Wasserkraftwerk gebaut hatten. Beim Blick in alte Dokumente fiel den beiden Generälen nämlich auf, dass Jordanien auch ein Teil des Landes zustand, der seit Generationen von einem jüdischen Kibbuz bewirtschaftet wird. Die Lösung so die beiden Generäle muss also salomonisch sein: Von Sonnenaufgang bis -untergang erhalten die israelischen Bauern freien Zugang zu ihren Felder. Israel gibt damit Land an einen anderen Staat ab, obwohl es weiterhin Ansprüche daran knüpft. Und es funktionierte eine Weile ganz gut in der sogenannten “Friedensinsel” bis 1997 ein jordanischer Grenzsoldat auf eine Gruppe israelischer Kinder schießt.
DGAP-Moderatorin Sylke Tempel wirft ein: “Ein einfacher Schritt, aber was kam dann? Wäre das nicht auch eine Lösung für den Dauerkonflikt mit den Palästinensern? Also gemeinsame Nutzung des Landes, aber kein gemeinsames Eigentum?” Beide Generäle nicken. Baruch Spiegel erzählt noch einmal, worauf es heute wie damals ankommt: “Vertrauen musste aufgebaut werden. Das war das Wichtigste. Persönliches Vertrauen.” Beide Generäle schauen sich dabei an, wissen, dass sie beide viel erreicht haben. Denn aus ihren Treffen am Yarmouk Fluss wurde dann das erste Treffen der israelischen und jordanischen bilateralen Delegationen am 18. und 19. Juli 1994 in Ein Avrona in der Grenzregion nördlich von Aqaba und Eilat. Die Parteien kamen nun ganz offiziell überein, dass die Gespräche kontinuierlich, abwechselnd auf israelischer und jordanischer Seite, fortgesetzt werden sollten. Diese Gespräche gipfelten in der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Jordanien am 26. Oktober 1994.

Was bedeutet der Frieden für Palästina?

Karte
Israel und seine Nachbarländer mit der eingezeichneten UN-Aufteilung von 1947. (Foto: commons.wikimedia.org/Furfur)

Was aber kann man aus diesem Prozess zwischen Israel und Jordanien in Bezug auf Palästina lernen – Diese Frage, stellte DGAP-Moderatorin Sylke Tempel. “Angesichts der gegenwärtig angespannten Lage im Nahen Osten ist doch zu fragen, ob Ihre Erfahrungen vielleicht auch ein Modell für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern werden könnten. Ihre Erlebnisse zeigen ja, dass es im Nahen Osten möglich ist, Frieden zwischen ehemaligen Feinden zu schaffen und ihn vor allem zu leben.”
Der Israeli Baruch Spiegel antwortet als Erster: “Wir erleben gegenwärtig dramatische Veränderungen. Die Unruhe in den arabischen Ländern hält an. Israel ist besorgt, muss aber sehr vorsichtig sein. Und sich genau jeden Schritt überlegen. Ohne Änderung unserer Politik und ohne positive Signale durch die Palästinenser geschieht hier gar nichts. Wir müssen also unsere Politik überdenken, evaluieren. Wir müssen dabei alles überdenken. Gerade der Gefangenenaustausch, der noch vor Monaten als undenkbar für Israel galt, zeigt doch auf, dass es geht. Selbst Undenkbares ist plötzlich möglich. Aber – und das ist die Lehre aus unser beiden Gesprächen vor fast 10 Jahren – ohne Vertrauen geht nichts. Und das ist gegenwärtig nahezu bei Null. Vor allem aber müssen unsere Völker ermutigt werden, wieder an einen möglichen Frieden zu glauben.” General Abu Rashid nickt. “Unser König war immer mutiger als das Volk. Er hat Vieles in Gang gesetzt. Und so treibt er auch jetzt die Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern voran. Wir wollen einen Staat Palästina in den 67er-Grenzen.”
Baruch Spiegel spricht dann über das Modell in Jenin in der von Israel besetzten West-Bank. “Hier gibt es eine Art von Modell für den Friedensprozess. Israelische und palästinensische Sicherheitskräfte arbeiten zusammen wie in der ganzen Westbank. Es gibt hier seit Jahren keine Attentate. Und die Westbank boomt.” Statt “Märtyrerbrigaden” kontrollieren heute uniformierte Polizisten den öffentlichen Raum. Und Israel wacht über allem. So ist der lange Jahre geschlossene Checkpoint “Shevei Shomron” geöffnet. Israels Soldaten sind zwar dort, schreiten aber nur noch bei Verdacht auf Terror ein. Dieses Modell könnten wir auf alle Regionen ausdehnen.”
Abu Rashid nickt. Ein Abend, der zum Nachdenken anregte. Über Frieden und Krieg.

[PB/SR]