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Unsere neuen Gastarbeiter

- Spanien hat mit Abstand die höchste Arbeitslosigkeit in Westeuropa. (Foto: commons.wikimedia.org/Julo, CC BY 3.0)
In Krisenzeiten geschehen komische Dinge. Es ist, als kehrte auf einmal die Vergangenheit zurück. Bei uns in Spanien führt es dazu, dass die riesige Arbeitslosigkeit die jungen Leute zwingt, den Koffer zu packen und nach Deutschland zu ziehen. Die Zeitungen erzählen hiervon Geschichten. Es werden Interviews veröffentlicht, bei denen die Auswanderer erklären, wann und warum sie diese Entscheidung getroffen haben. Und immer wenn die Leser solche schriftlichen Zeugnisse durchlesen, haben sie das Gefühl, dass dieses Phänomen schon mehrmals in unserer Geschichte vorgekommen ist.
Neue Chance für Spaniens Ingenieure?
Aber gehen wir Schritt für Schritt vor. Alles begann vor gut einem Jahr, als Frau Merkel unsere jungen Ingenieure und andere Techniker dazu aufmunterte, ihre Familie und die Heimat zu verlassen, um eine schönere Zukunft in der Bundesrepublik zu entdecken. Wohl wissend, dass unsere Wirtschaft ziemlich kaputt ist und unsere Akademiker keine Arbeitsstelle mehr finden können, hat die Bundeskanzlerin eine offizielle Reise nach Spanien dazu genutzt, die jungen Menschen anzusprechen und ihnen ihr Angebot nahezulegen, gleichsam eines Geiers, der über einer Herde kranker Schafe kreist.
Euphorie, dann Ernüchterung

- Angela Merkel stellte während ihres Spanienbesuchs Arbeitplätze für Techniker und Ingenieure in Aussicht. (Fotot Quelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Kurz nach dem Rückflug von Frau Merkel nach Berlin, hat sich eine Freudenwelle bei uns ausgebreitet. Am nächsten Tag sind viele Spanier aufgestanden, als wäre Moses hier gewesen und hätte die Ankunft Gottes angekündigt. Plötzlich war die Hoffnung wieder da. Einige Leute sind sogar auf den Balkon hinausgetreten und haben nach Norden geschaut, jawohl, haben mit dem Finger auf diesen unbekannten Punkt in der Ferne gezeigt, wo das Schlaraffenland Deutschland ungefähr liegen soll.
Und wie meist geschieht es, dass sich schnell Ernüchterung einstellt. Wahrscheinlich fiel den jungen Ingenieuren plötzlich ein, dass man in Deutschland kein Spanisch spricht, sondern Deutsch, diese Sprache, bei der die Verben in den Nebensätzen erst auftauchen, wenn die restliche Information bereits gesagt worden ist, wie lang diese auch immer sein mag. Dann haben sie sich gefragt, wie lange sie bräuchten, um Deutsch zu lernen. Sie haben sich an all die Kurse und Schulungen erinnert, bei denen sie jahrelang versucht haben, Fremdsprachen zu beherrschen und haben sich auf einmal mutlos und deprimiert gefühlt. Kein Wunder!
Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass sich die Tapfersten unter ihnen angeschickt haben, der deutschen Sprache mächtig zu werden. In einem kleinen Dorf Andalusiens haben die lokalen Behörden einen kostenlosen Lehrgang angeboten, der von einer Spanierin abgehalten wurde. Da zu dieser Zeit fast alle Einwohner arbeitslos waren, haben sich viele angemeldet. Der Kurs war ein voller Erfolg. Nach ein paar Monaten sind einige nach Deutschland gezogen, um eine Stelle in Frankfurt, München oder Berlin zu finden. Bei den Bewerbungsgesprächen haben sie angefangen, sich in “ihrem Deutsch” zu verständigen, aber die Personalangestellten haben kein Wort verstanden. Eigentlich wollten die Bewerber sich bei den spanischen Behörden darüber beschweren, dass ihnen eine Sprache beigebracht worden ist, die nirgends gesprochen wird, aber irgendwann ist ihnen dann eingefallen, dass der Deutschkurs doch umsonst war.
Sichere Zukunft in Deutschland?
Zum Glück kann man überall in Europa mit Englisch durchkommen. Dies müssen unsere Ingenieure wohl gedacht haben, denn viele sind tatsächlich in die Bundesrepublik ausgewandert. Kurz vor ihrer Anreise haben sie alte Filme angeschaut, in denen die Geschichte und das Schicksal der spanischen Gastarbeiter in den sechziger und siebziger Jahren thematisiert wird. Da sieht man, wie die Spanier sich damals am Wochenende getroffen und spanisches Essen gekocht haben und wie sie aus Heimweh kaum die Tränen vermeiden konnten. Obwohl unsere neuen Auswanderer weder Kellner noch Schlosser sind, sondern eher Physiker oder Ärzte, dachten sie, dass sie die Heimat auch sehr vermissen würden, aber nach ein paar Wochen in Berlin oder Hamburg hatten sie den Eindruck, als wären sie in diesen wunderbaren Städten geboren worden.
Nun hat das Finanzchaos Spanien sehr schwer getroffen. Nun ist das Land fast so verschuldet wie Griechenland oder Italien. Im Gegesatz dazu erlebt Deutschland noch eine stabile Situation. Dank der tüchtigen Arbeit und der hohen Leistung der Ausländer ist die Bundesrepublik reicher geworden, auch die spanischen Gastarbeiter haben dazu beigetragen. Nun reist Frau Merkel nicht mehr nach Spanien, weil sie sich ein bisschen verantwortlich für dessen Untergang fühlt. Wozu sollte sie auch wieder dorthin? Die besten Fachkräfte hat sie ja schon nach Deutschland geholt. Tja, in Krisenzeiten geschehen eben komische Dinge.
[Ignacio Lloret]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Zaqarbal-CC BY 2.0)









