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Revolution in Libyen
Bengasi sollte vernichtet werden

- Die libysche Hafenstadt Bengasi wäre fast der Zerstörung zum Opfer gefallen. (Foto: commons.wikimedia.org/Maher A. A. Abdussalam, gemeinfrei)
Schwarze Haare, dunkle Augen, rote Jacke – und ein Herz, das für die Zukunft ihres Landes schlägt. So präsentierte sich die Kieferorthopädin Iman Bugaighis bei ihrem Besuch in Berlin. Sie ist eine sehr aktive Frau in Ihrer Heimat. Bugaighis beteiligte sich als eine der wenigen Frauen an den Protesten in Libyen am 17. Februar 2011. Sie ist Leiterin der Garyounis Fakultät für Dentalmedizin in Bengasi, Libyen. Sie ist aktives Mitglied der libyschen Zivilgesellschaft und war Mitglied des libyschen Komitees zur Ermittlung von Menschenrechtsverletzungen, welches von den Vereinten Nationen eingesetzt wurde.
Es ist ihr nicht anzumerken, was sie in den letzten Monaten durchgemacht hat. Freunde starben auf den Straßen, Gaddafi-Solaten mordeten und raubten. “Das Schlimmste war, dass diese Männer den Auftrag hatten, alle Einwohner von Bengasi zu töten, alle- auch Frauen und Kinder – und dann sollten sie die Stadt dem Erdboden gleichmachen. Gaddafi hatte ihnen zudem befohlen: Dann stellt ihr ein Schild auf, auf dem nur noch steht: Hier war einst Bengasi”, erzählte sie.
Herausforderungen
Es kam anders. Die Revolution scheint Vergangenheit zu sein. Jetzt dreht sich alles um den Wiederaufbau ihres Landes. Und um die Herstellung eines funktionierenden Rechtssystems. “Meine Religion ist der Islam, der bin ich treu. Aber ich kämpfe für die Rechte der Frauen in unserer Gesellschaft”, betonte sie mit sanfter weicher Stimme. “Wir Frauen haben auf den Straßen gekämpft, neben den Männern, wir waren nicht organisiert. Wir waren einfach zusammen dabei, Gaddafi zu stürzen.”
Frauenrechte
Libyen war aber schon immer fortschrittlicher als die anderen arabischen Staaten. “Unter Gaddafi wurde bereits das Prinzip Gleicher Lohn für Frauen und Männer eingeführt. Frauen konnten in Libyen immer studieren. Fast 40 Prozent der Akademiker in Libyen sind Frauen. Ich selbst bin Dekanin an meiner Fakultät. Unsere Gesetze sind moderner und liberaler als in vielen Nachbarländern.” Die Angst, die jetzt aber umgeht, ist, dass Libyen von einer Strömung des Islam erfasst wird, die dies alles zurückdrehen könnte. “Dagegen werden wir ankämpfen müssen”, so Frau Dr. Bugaighis.
Gaddafis Verbrechen

- Gaddafis Truppen zerstörten alles. (Foto: commons.wikimedia.org/U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 2nd Class Jesse B. Awalt/Released, gemeinfrei)
Wie aber geht es überhaupt weiter in Libyen? “Wir sind wieder auf Punkt Null. Alles ist zerstört. Wir haben weder Armee noch Polizei. Gaddafi hat in seinen 42 Jahren Herrschaft die gesamte Zivilgesellschaft zerstört, die Armee abgeschafft, alle zivilen, kulturellen und moralischen Strukturen wurden zerschlagen. Die Armee wurde durch Milizen ersetzt, die von ihm und seinen Söhnen geführt wurden. Er brachte alle Stämme gegeneinander auf und zerstörte so auch die Stammesstrukturen. Das heißt: Wir müssen alles neu beginnen.”
Demokratie ist fraglich
Wie also, fragte Frau Bugaighis, soll man dann demokratische Strukturen aufbauen? “Woher nehmen wir die politischen Führer, die diese Strukturen einführen können? Es gibt sie nicht. Geld haben wir genug. Damit müssen wir jetzt eine Art Marshallplan finanzieren. Das können wir ganz allein machen. Oder auch zusammen mit Investoren aus der ganzen Welt.”
Islam als Zukunft?

- Frau Prof. Dr. Iman Bugaighis und Peter Brinkmann während ihres Treffens in Berlin (Foto: The European Circle)
Die Revolution in Libyen schaut natürlich auch auf das Nachbarländer Tunesien und Ägypten. In beiden Ländern haben die islamischen Parteien die Wahlen gewonnen. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Frau Bugaighis: “Ich danke der NATO sehr, dass sie geholfen hat, uns von Gaddafi zu befreien. Und ich bin jetzt zuversichtlich, dass die islamischen Parteien eine gute Politik machen werden. So will die islamische Partei “Ennahda” in Tunesien eine zivile Regierung, Gewaltenteilung und die Gleichberechtigung der Frauen. Ich stimme zu 90 Prozent mit den Positionen der Ennahda-Partei überein. Nur mit der Einführung der Scharia als einziges Rechtssystem habe ich meine Probleme.”
Mustafa Abdul Dschalil, der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, hatte bei der offiziellen Siegesfeier in Bengasi Ende Oktober 2011 gesagt, die Gesetzgebung in Libyen müsse von nun an auf dem islamischen Recht, der Scharia beruhen. Was heißt das genau? Iman Bugaighis: “Er ist unser Übergangs-Präsident, wir respektieren ihn, aber das bedeutet nicht, dass wir mit allem einverstanden sind, was er sagt. Wir sind uns mit ihm einig, dass wir einen zivilen Staat wollen mit Gewaltenteilung, und dass der Islam eine Hauptquelle für die künftige Verfassung sein soll, wobei das alles durch Abstimmungen noch entschieden werden muss. Selbst in einem hundertprozentig islamischen Land bedeutet Hauptquelle aber, dass es auch noch andere Quellen für die Gesetze geben muss. Herr Dschalil hat seine eigene Ansicht ausgedrückt, die nicht alle teilen.”
Rache
Was sollte mit dem Sohn Gaddafis, Saif, geschehen, ist die Frage. Frau Iman Bugaighis antwortet: “Er muss in Libyen vor Gericht gestellt werden. Denn er hat ja sein Leben lang Verbrechen gegen das libysche Volk begangen. Die Gaddafi-Familie und Saif al-Islam waren für die Zerstörung unseres Landes verantwortlich, für die Ermordung vieler Libyer, für Korruption und Machtmissbrauch.”
Jeder hat eine Waffe
Neben vielen anderen Problemen ist der Besitz von Waffen ein besonderes Problem. Nahezu jeder hat eine Waffe. Was muss geschehen? Frau Bugaighis fordert eine schnelle Entwaffnung. “Viele behalten ihre Waffen nur, um sich, ihre Familien und ihr Land zu verteidigen. Wir haben eben einen völligen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung erlebt und in Somalia hat so etwas zum Bürgerkrieg geführt. Je schneller die Waffen eingesammelt werden, desto besser.”
Deutschland und Libyen
Was denkt die ehemalige Kämpferin auf den Straßen über die Nicht-Rolle Deutschlands in Libyen? Sie zögert nicht, ihren Unwillen zu bekunden. “Es war das erste Mal, dass eine westliche Intervention in der arabischen Welt ein Erfolg war. Deutschland war von Anfang an äußerst zurückhaltend in dieser Sache. Dies hat uns sehr überrascht. Wir konnten die deutsche Entscheidung nicht begreifen, zumal wir ein Land sind, das für die Deutschen viele Möglichkeiten bietet. Darum war es in jeder Hinsicht falsch - aus humanitären und historischen Gründen, mit Blick auf die strategischen Interessen Deutschlands - sich nicht gegen diesen Tyrannen Gaddafi zu stellen.”
[PB]
(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Himasaram,gemeinfrei)









