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Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung

- Die Weiterentwicklung des Bildungssystems liegt vielen Polen am Herzen. (Foto: Benjamin Klack / pixelio.de)
Die Fundacja Rozwoju Dzieci Stiftung wurde 2003 durch einen Zuschuss der niederländischen Bernard-van-Leer-Stiftung gegründet, um beim Ausgleich der Bildungschancen von Kindern zu helfen, die unter schwierigen Bedingungen auf dem Land leben. Das Team der Stiftung arbeitet mit Lehrern, lokalen Behörden, Eltern und Betreuern, akademischen Lehrern, Pädagogen und Soziologen zusammen. Darüber hinaus ist es ihr erklärtes Ziel, durch das Sammeln von Daten über die frühkindliche Bildung Einfluss auf Politik und Gesetzgebung nehmen. Heute nutzt die Stiftung in hohem Maße europäische Förderprogramme und erhält zudem Mittel aus verschiedenen anderen nationalen und ausländischen Fonds sowie von privaten Sponsoren wi zum Beispiel der Firma Siemens Healthcare und der zur Danone-Gruppe gehörenden Nutricia sp z.o.o.
European Circle: Welche Rolle spielt der Staat im polnischen Schulwesen? Was bleibt privater Initiative überlassen?
Rościszewska-Wozniak: Bei uns ist Bildung ab dem Alter von sechs Jahren kostenlos und verpflichtend. Wir befinden uns derzeit in einem Reformprozess. Ab diesem Jahr müssen die Gemeinden für jedes Kind ab dem Alter von fünf Jahren einen Platz im Kindergarten bereitstellen. Die Mehrheit der Bildungs-Dienstleistungen in Polen wird von öffentlichen Institutionen angeboten. Vielleicht zwei Prozent der Kinder besucht private Kindergärten. Vollständig private Schulen sind selten. Allerdings können Eltern gemeinsam mit Lehrern so genannte soziale Schulen einrichten, die dann auf der Basis eines gemeinnützigen Vereins verwaltet werden. Diese Form macht circa 10 Prozent aller Schulen aus.
In unserer Stiftung betreiben wir nicht selbst Kindergärten. Unsere Mission ist es, Lehrer, Eltern, Vereine und Kommunen dabei zu unterstützen, einen Kindergarten einzurichten und Bildung für kleine Kinder auf höchstem Niveau anzubieten. Heutzutage existieren bereits eine ganze Menge solcher kleinen Vereine in den Kommunen. Initiativen gibt es genug, allerdings mangelt es ihnen an Infrastruktur und dem Wissen, wie man auf Basis von Projektanträgen Zuschüsse erhalten kann und Geld verwalten muss. Wir arbeiten daher an der Vermittlung dieser Fähigkeiten. Diese Tätigkeit ist sehr wichtig für die regionale Entwicklung, insbesondere in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. Zu diesem Zweck haben wir eine Partnerschaft für die Entwicklung und Erziehung von kleinen Kindern gegründet, in der wir bereits mit 70 ländlichen Organisationen in Polen zusammenarbeiten.
European Circle: Welche Gruppen laufen hierzulande Gefahr, von Bildung ausgeschlossen zu werden?
Rościszewska-Wozniak: Da sind zunächst die kleinen Kinder, die keinen Zugang zur Vorschulerziehung haben. Hier handelt es sich immer noch um etwa 40 Prozent der Kinder, die auf dem Land leben. Sie starten erst mit dem fünften Lebensjahr ins Bildungssystem und damit oft zu spät, um Verzögerungen aufzuholen. Dann gibt es ältere Kinder, die nicht ins Gymnasium gehen können, weil der öffentliche Nahverkehr nicht richtig funktioniert und die Kosten hoch sind. Sie müssen lange Strecken mit dem Bus zurücklegen oder gleich außerhalb des Elternhauses leben. Ein Kind unter 15 Jahren muss schon sehr entschlossen sein, um das auf sich zu nehmen, und die Familien sind finanziell belastet. Bis vor kurzem endete die Bildungskarriere vieler Polen mit dem Abschluss der (erweiterten) Grundschule, heute mit der Mittelschule (also auf dem Niveau der 9. Klasse). Nicht vergessen dürfen wir die Kinder, die aufgrund fehlender elterlicher Aufmerksamkeit von Schulversagen bedroht sind. Wenn der Vater oder die Eltern (oft aus Arbeitsgründen) ins Ausland gegangen sind, kümmern sich oftmals nur entfernte Verwandte oder die alleinerziehende Mutter um das Kind. Ich geben Ihnen ein Beispiel. Ich wollte letztens auf dem Land einem Mädchen helfen, das vor der örtlichen Bibliothek einen Fahrradunfall hatte. Es stellte sich heraus, dass die Kleine überhaupt keine offiziellen Pflegepersonen hatte, weil ihr Vater nicht mehr lebt und die Mutter nach England gegangen ist, um dort zu arbeiten. Das Kind war vorübergehend in der Obhut der Großmutter, aber die hatte keine formelle Erziehungsberechtigung. Dies ist leider kein Einzelfall. Ich glaube, dass wir hier von etwa zwei Prozent aller Kinder ausgehen müssen.
Darüber hinaus gibt es dann natürlich noch die Kinder, mit denen aus Mangel an Zeit oder fehlendem Bewusstsein für die Bedeutung von Kommunikation für die geistige Entwicklung des Kindes zu wenig gesprochen wird. Wenn diese Kinder schließlich in die Schule kommen, haben sie von Anfang an Probleme, sich in Gruppen einzufügen und dem Unterricht zu folgen. Deshalb haben wir auch ein Programm aufgelegt, das die Sprachkompetenz von Kindern fördert. Dann sollten wir noch kurz über Minderheiten sprechen. Polen ist ja ein relativ homogenes Land, aber dennoch gibt es eine ganze Reihe von Kindern anderer Nationalitäten in verschiedenen Regionen. Abgesehen von den Roma und der weißrussischen, litauischen und deutschen Minderheit haben wir hierzulande noch verschiedene Gruppen, die – wie etwa die Kaschuben – deutliche kulturelle Unterschiede aufweisen. Meines Wissens gibt es mit Kindern aus den Minderheiten, die schon lange in Polen leben, keine nennenswerten Probleme. Ganz klar benachteiligt sind aber die Roma-Kinder, da sie aus Unkenntnis der Sprache oftmals auf Sonderschulen landen. Ähnlich geht es echten Flüchtlingskindern, die isoliert von der Mehrheitsbevölkerung leben müssen. Sie haben ihre eigenen Gruppen und Klassen und der Unterricht ist nicht sehr integrativ.

- Kleinen Kinder, die keinen Zugang zur Vorschulerziehung haben, laufen Gefahr von der Bildung ausgeschlossen zu werden. (Foto: Mike Frajese / pixelio.de)
European Circle: Gibt es in Polen mit Blick auf die Bildungschancen einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern?
Rościszewska-Wozniak: Auf der Ebene von kleinen Kindern keinesfalls. Ich habe noch nie von einer Situation gehört, in der die Jungs in den Kindergarten gehen durften und die Mädchen zu Hause bleiben mussten. Unterschiede zwischen den Geschlechtern treten vor allem in der bei uns noch recht traditionellen Erziehung zutage. Ein Mädchen hat sich anständig zu benehmen, gut auszusehen und sauber zu schreiben. Eine Junge hingegen soll selbstbewusst auftreten, sich viel bewegen und darf gerne einmal schmutzige Hände haben. Hier haben wir es also mit einer tief verwurzelten Mentalität und nicht etwa mit der Verweigerung von Bildungschancen zu tun. Wir haben während unserer Arbeit eine Studie hinsichtlich verschiedener Fähigkeiten und Einstellungen von Sechsjährigen durchgeführt. Es stellte sich heraus, dass bei beiden Geschlechtern das Interesse an der Welt ähnlich ausgeprägt ist, wobei die Mädchen im Unterschied zu den Jungen mehr Selbstvertrauen, soziale Kompetenz und Kreativität aufwiesen.
Ich denke überdies, dass das gesamte Bildungssystem mehr auf die Bedürfnisse von Mädchen ausgerichtet ist. In der Schule wird gezeichnet, geschrieben, und gesungen, die Schüler sollen höflich in der Bank sitzen und lesen. Jungen hingegen werden von Anfang an auf praktische Tätigkeit erzogen und sind sehr interessiert an Bewegung und Aktivität. Die Bildungsforschung zeigt, dass Jungen drei Jahre in den Kindergarten gehen müssen, um die grundlegenden Fertigkeiten für das Lernen in der Schulen auszubilden und vom Start weg die gleichen Chancen zu haben. Für Mädchen sind hingegen zwei Jahre völlig ausreichend.
European Circle: Prägt der konfrontative Stil in der polnischen Politik auch die öffentliche Debatte über Bildung?
Rościszewska-Wozniak: Meines Erachtens gibt es einen Unterschied zwischen dem, was in den großen Zeitungen geschrieben und im Fernsehen gesagt wird, und dem alltäglichen Verhalten und Denken vieler Polen. Es scheint mir, dass sich die Argumentation in den Medien oftmals nicht aus sozialer Analyse und den Bedürfnissen breiter Gesellschaftsschichten speist, sondern der Förderung der Interessen bestimmter Gruppen dient. Viele dieser modernen Ideen, die zum Beispiel eingetragene Partnerschaften oder die Reform der Abtreibungsgesetzgebung betreffen, repräsentieren doch vor allem die Meinung junger und gut ausgebildeter Menschen. Wenn ich mir die traditionellen Milieus auf dem Lande anschaue, sehe ich dort weiterhin die alten Prioritäten: die erste Rolle spielt die Familie, und erst dann gibt es Platz für andere Dinge wie die Karriere. Menschen aus diesem Umfeld fühlen sich wohl schon etwas fremd in unserem Land. Wir sind Mitglied der Europäischen Union, viele Bürger haben bereits Auslandserfahrung gesammelt, und das Fernsehen führt uns das Leben in anderen Ländern vor.
Wahrscheinlich befinden wir uns an einem Scheideweg. Auf der einen Seite wären wir gerne wie die anderen Völker Europas, auf der anderen Seite haben wir eine Tradition und Geschichte, die maßgeblich für unsere Identität sind. Ich weiß nicht recht, wie wir im Moment mit diesen Widersprüchen fertig werden sollen; besonders auch deshalb, weil uns die Fähigkeit zur Diskussion fehlt. Im öffentlichen Diskurs bildeten sich oft sehr schnell zwei gegensätzliche Lager heraus, die nicht nur der Überzeugung sind, dass die jeweils andere Gruppe absolut im Unrecht ist, sondern dass es sich dabei einfach um Idioten/Vaterlandsverräter/engstirnige Klerikale/Gottlose usw. handelt. Bei uns wird zu viel über Dogmas gestritten und zu wenig an inhaltlichen Diskussionen geführt. Vielleicht werden wir es in unserm Reifeprozess einfach lernen müssen, mehr Vielfalt zu akzeptieren.

- Die Bildung in Polen ist ab dem sechsten Lebensjahr kostenlos und verpflichtend. (Foto: Toni Affront / pixelio.de)
European Circle: Haben Sie Probleme damit, die Kirche oder Vertreter traditioneller Werte zur Zusammenarbeit zu bewegen?
Rościszewska-Wozniak: Überhaupt nicht. Uns geht es doch um die Kinder, und wir sind mit keiner der politischen Parteien verbunden. Wir betreiben keine Propaganda, weder für noch gegen traditionelle Werte. Wir sagen keinem, dass junge Kinder in die Krippe oder den Kindergarten gehen sollen, sondern das jedes Kind ein Recht auf Bildung hat. Das ist doch nun absolut nicht kontrovers, nicht wahr? Wir formulieren das so: Lasst uns gemeinsam etwas tun, damit unsere Kinder mutig sind, neugierig bleiben auf die Welt, eine Menge Ideen haben und klarkommen im Leben! Das sind alles Begriffe, die vereinen und nicht spalten. Deshalb haben wir auch keine Probleme damit, den örtlichen Priester zu bitten, in der Kirche die regelmäßige Einschreibung für den Kindergarten zu verkünden. Aus ideologischen Diskussionen halte ich mich ohnehin raus. Ich bin einfach die, die sich für die Kindern engagiert.
Entscheidungen in der Provinz sind auf ganz andere Weise dramatisch als in Großstädten. In Warschau kann man trefflich darüber streiten, was jemand anderes gerade Unpassendes gesagt hat. Auf dem Lande ist die Frage aber die, ob es im nächsten Jahr die Vorschulgruppe wieder geben wird oder eben nicht. Natürlich ist das ortsabhängig. In der Regel gehen wir mit unseren lokalen Partnern auf die vor Ort engagiertesten Personen zu. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Priester oder den Leiter des Kulturzentrums handelt – was zählt, ist doch der Mensch. Wir bemühen uns natürlich, jene Orte, an denen wir Kindergärten eröffnen, weltanschaulich neutral zu halten. Wir hatten allerdings auch schon einmal den Fall, dass eines unserer Vorschulzentren in einer Kapelle untergebracht war. Samstag und Sonntag fanden dort Gottesdienste für die Bewohner statt, und von Montag bis Freitag wurden eben Kinder unterrichtet. Die Kirchenbänke wurden einfach weggeräumt, so dass die Kinder genug Platz hatten. Aber das war kein Problem. Für 99 Prozent der Bewohner des ländlichen Raums geht es doch nicht darum, wo man sich um ihre Kinder kümmert, sondern für sie zählt schlicht, dass es endlich passiert.
European Circle: Was stellen Sie sich persönlich unter einem “modernen Polen” vor? Was sollte sich Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf Jahren im Lande ändern?
Rościszewska-Wozniak: Erst gestern habe ich wieder eine Reise von 400 km in vollen acht Stunden zurücklegen müssen, so dass ich sagen kann, ein modernes Polen ist für mich ein Land, in dem ich problemlos überallhin reisen kann. Dann auch ein solches, in dem unterschiedliche Ansichten zu verschiedenen Themen zur Diskussion anregen und nicht ein Grund für Zurückhaltung sind. Schließlich würde ich auch gerne in einer Gesellschaft leben, in dem sich Menschen verantwortlich fühlen für sich und andere, zumindest in der unmittelbaren Nachbarschaft. In unserer Arbeit mit den Lehrern und Eltern sehen wir schon große Fortschritte. Demgegenüber wünschte ich mir aber mehr partnerschaftlichen Geist in den Diskussionen mit staatlichen Institutionen. Unser Bildungssystem muss sich zudem öffnen für die Beteiligung von Kindern an inhaltlichen Diskussionen. Sie sollten die Chance bekommen, ihre eigenen Lösungen für die dringendsten Probleme vorzuschlagen. In ihren eigenen Angelegenheiten sind sie sehr wohl kompetent und wissen in der Regel, was gut für sie ist.
[GR]
(Teaserbild: RainerSturm / pixelio.de)









