Freitag, 16. Dezember 2011

Von: SR

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Chance 2020 | Europäischer Zukunftskongress | FEZ | Institut für prospektive Analysen e.V. | Jugend und Politik | EU-Krise
Europäischer Zukunftskongress Chance 2020

Jugend & Politik im Dialog

Berlin - Vom 5. bis 8. Dezember hatten Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren vier Tage Zeit, Visionen für ihr Europa im Jahr 2020 zu gestalten. Und Lösungsansätze zu momentanen Problemen zu finden. Umgesetzt haben die Jugendlichen ihre Ideen und Vorschläge auf ganz unterschiedliche Weise. Vom Interview bis zum Rap-Song war jede Form von Präsentation der Ergebnisse am Donnerstag, 8. Dezember im FEZ dabei. Das FEZ ist Europas größtes gemeinnütziges Kinder-, Jugend- und Familienzentrum. Das FEZ Berlin und das Institut für prospektive Analysen e.V. realisierten das Projekt, das vom EU-Programm “Jugend in Aktion” und dem Auswärtigen Amt gefördert wird. Schirmherrin ist Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend. Alle Teilnehmenden hatten sich zuvor über einen internetbasierten europaweiten Kreativwettbewerb qualifiziert, so dass insgesamt über 70 Jugendliche aus Bulgarien, Deutschland, Georgien, Kroatien, Norwegen und der Schweiz an dem Zukunftskongress teilnahmen. Professionelle Medienmacher unterstützen sie unter anderem dabei, ihre Erwartungen in Form einer Radiosendung mit Hintergrundberichten, Interviews, Features und Songs “aus dem Jahr 2020” in Szene zu setzen.
Chance 2020
Über 70 Jugendliche nahmen an dem Zukunftskongress Chance 2020 in Berlin teil. (Foto: FEZ)

Sascha Meinert vom Institut für prospektive Analysen e.V. sah dem Jugendkongress gespannt entgegen: Die eingegangenen Beiträge spiegeln Unsicherheiten und Unbehagen, aber auch die Erwartungen und Anliegen der Jugendlichen mit Blick auf die Zukunft wider. Das sind die Anliegen, die hier formuliert worden sind:
1. Eine nachhaltige Bewirtschaftung unserer Lebensgrundlagen 
2. Mehr Mitsprache von jungen Menschen bei politischen Entscheidungen 
3. Die Verringerung sozialer Ungleichheiten und eine Bewältigung der Schuldenkrise, die nicht auf Kosten der jungen Generation geschehen soll. 

Fünf Gruppen - fünf Oberbegriffe

Beteiligung, Krise, Miteinander, Übergang und Umwelt waren die fünf Oberbegriffe, in denen die Abschluss-Präsentation gegliedert war. Unter diesen Schlagwörtern haben sich die Teilnehmer auch in ihren fünf Gruppen zusammengefunden und dort ihre Vorschläge und Konzepte erarbeitet. Unter der Überschrift Miteinander sollte zum einen das Verständnis unter einander gefördert und zum anderen Vorurteile abgebaut werden. Jugendliche, die in Armut leben müssen, sowie Kinder und junge Menschen mit Behinderungen sollen gemeinsam eine gute Ausbildung genießen, um somit die Chance auf eine gute Zukunftsperspektive zu bekommen. Deshalb wurde von den Teilnehmern die Idee für ein einheitliches Schulsystem in Europa für die Chancengleichheit präsentiert. “Typisch Mensch” hieß ein Beitrag, der auf die ungleichen Möglichkeiten von Mann und Frau im Berufsleben aufmerksam machen und die Barriere zwischen “typisch” männlichen und weiblichen Berufen aufbrechen soll. Aus allen Beiträgen ist zu entnehmen, dass für ein gutes Miteinander, egal in welchem Kontext, die Akzeptanz Grundlage ist, wie mit dem eigens dafür geschriebenen Song “Accept me as I am” unterstrichen wurde.. 

Elias leistet Hilfe im "Angebotsjungle"

"Umwelt"
Einige Teilnehmer der "Umwelt"-Gruppe bei ihrer Live-Performance. (Foto: FEZ)

Die Gruppe “Übergänge” thematisierte den Einstieg in die Arbeitswelt. Mit dem Rap-Song “Für Elias” wurde der sich jungen Menschen bietende “Angebotsjungle” treffend beschrieben. In dem Song steht Elias beratend zur Seite und bietet Hilfestellung, um den ganz individuellen Berufsweg bzw. -wunsch zu finden. Außerdem forderte Radiomoderator Mustafa in seiner Sendung europaweite Qualitätsstandarts im Praktikum. Es sollen demnach den Fähigkeiten gerechte Aufgaben während des Praktikums vergeben werden. Auf diese Weise würden deren Talente gefördert. Außerdem wird eine angemessenen Bezahlung und ein anschließendes Jobangebot für die Praktikanten gefordert. 

Kritische Hinterfragung der Forderungen

"Viele Forderungen" meinte Stefan Forester, Leiter der Kommunikationsabteilung in der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland und äußerte sich in der folgenden Diskussion kritisch dazu. Er sah es als utopisch an, dass es eigens für den Bereich Praktikum eine europäisch geleitete Kommission zur Überwachung geben sollte und gab zu bedenken, ob es richtig wäre jegliche Kontrolle und Verantwortung der Einzelstaaten an eine zentrale Stelle aller EU-Länder abzugeben. Man solle sich auch etwas eigenes erhalten, das auf eigene Traditionen zurückführt, so Forester. Aber so war es von den Jugendlichen auch nicht gemeint. Die Überwachung solle von den Staaten selbst übernommen werden, jedoch einheitlichen EU-Richtlinen unterliegen, stellte die Gruppe richtig. So kam man während der Diskussion auch überein, dass kein einheitliches Schulsystem notwendig wäre, sondern ein vergleichendes. Damit Schülern die Möglichkeit für einen Austausch gegeben wird, in dem die erbrachten Leistungen dann auch anerkannt werden würden. Weitere Diskussionsgäste der Fishbowl-Runde waren Sonja Eichmann, Koordinatorin für EU- und internationale Angelegenheiten im Bezirksamt Treptow-Köpenick sowie Eberhard Fischel, Fachkoordinator Jugendarbeit im Bezirksamt Treptow-Köpenick und Kapitänleutnant Pierre Lukas, Marineoffizier bei EU geführten Auslandseinsätzen.

Lob für die Kreativität

Pierre Lukas regte an, nicht nur etwas zu fordern, sondern auch etwas für diese Forderungen zu tun. Er lobte und unterstütze die Arbeit der Teilnehmer, gab aber zu bedenken, dass allein die Forderung zur Veränderung nicht ausreiche. Seine Vision für das Jahr 2020 wäre der Blick aus Europa heraus. Als gewachsene Einheit zu schauen, wie die Welt außerhalb der EU aussieht, um außenstehenden Staaten Hilfe zukommen zu lassen und das globale Miteinander zu fördern, so die Vision des Marineoffiziers. Eberhard Fischel lobte die Kreativität der Jugendlichen mit der sie ihre Visionen in ihren professionellen Beiträgen umgesetzt haben. Er hob die Leistung der Teilnehmer hervor die kein Deutsch sprachen, ihre Beiträge aber trotzdem bravurös in Deutsch vorgetragen hatten.

Die Teilnehmer "leben" das Miteinander

"Chance 2020"
Die Teilnehmen "lebten" das Miteinander während der gemeinsamen vier Tage. (Foto: FEZ)

Die gute Stimmung und das “gelebte” Miteinander unter den Teilnehmern war während der gelungenen Präsentation zu spüren. Die jungen Menschen hatten ihre eigenen Ideen realisiert, die auch wirklich sie für sich vertreten konnten. Die Problematik und die Denkanstöße zu diesem Kongress schienen sie aufgenommen zu haben, um sich als Europäer mit ihnen zu identifizieren und als Betroffene eine Lösung zu finden. Die Europäische Union scheint, wie Sonja Eichmann hervorhob, auch für die Jugendlichen eine “Herzensangelegenheit” zu sein. Pierre Lukas gab auf den Verweis einer Abiturientin, dass 50 Prozent ihrer Schulkollegen die Europäische Union nicht mehr befürworten würden, folgendes zu bedenken: Die EU sei kein leichtes Unternehmen und es sei sicher mühsam bei so vielen Einzelmeinungen, aber eine gemeinsame Lösung zu finden wäre die Mühe wert. Anderweitig gäbe es zwei nicht sehr befriedigende Möglichkeiten für Europa: Entweder die der Einzelstaaten oder einen “König” von Europa. Aber beide Wege wären wohl für kein Mitgliedsland zufriedenstellend und würde einen Rückschritt anstatt Fortschritt bedeuten, so Lukas. 

Aus der Krise mit dem "Better Deal"

Die Gruppe “Krise” wagte mit dem Beitrag “Better Deal” einen Blick in das Jahr 2020. Nach dem Vorbild des amreikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelts, der in den 30er Jahren mit dem “New Deal” die Antwort auf die Weltwirtschaftskrise gab, soll der New Deal die Lösung der Euro-Krise sein. Bundeskanzler im Jahr 2020 ist Sascha Meinert, der nach erfolgreich gemeisterten Krise zu einer großen Party lädt. Die Staatsausgaben sind gekürzt und die Finanzmärkte haben sich reguliert. Die negativen Zukunftsprognosen der Bürger von 2011, in deren sie unter anderem als Lösung die Abschaffung von Hartz IV sowie den Rückgang der Geburtenrate sahen, sind Dank dem Better Deal nicht eingetreten. In dem Beitrag sind die von den Bürgern geforderten Veränderungen eingetreten. Die Politiker gehen auf die Wünsche der Menschen ein. Grundlage dafür ist ein im Internet eingerichtetes Netzwerk, mit dem alle Bürger Mitspracherecht in der Politik haben und sich frei äußern können. Die “Beteiligung” an der Politik ist somit für jeden möglich! Deshalb eine weitere Forderung der Jugendlichen: Ein gemeinsamer europäischer Lehrplan, der vor allem politische Belange der EU behandelt und damit Grundlage zur Beteiligung und für Chancengleichheit ist. 

Zum Abschluss wird nochmal gerappt

"Umwelt"
Die jungen Frauen der Gruppe "Umwelt" präsentierten erst zögerlich, doch dann mit wachsender Bestimmtheit ihr Anliegen. (Foto: FEZ)

Die Gruppe “Beteiligung” inszenierte eine düstere Zukunftsprognose für das Jahr 2020. Nach der Schuldenkrise gab es eine Rezession und somit noch weniger Geld für Jugendliche und deren Belange. Daraus entwickelt sich das “Triple B”-Finanzierungsprogramm, das Europazentren fördert. Ziel soll es sein, das Desinteresse und die Eigeninitiative zu bekämpfen bzw. zu fördern. Bildung, Begegnung und Beteiligung soll der gesamten Gesellschaft im Europazentrum näher gebracht werden. Bildung ist ein Schlüsselthema bei einem zukunftsorientiertem Europa. Um mehr Geld dafür und vor allem für benachteiligte sozial schwache Schüler zu bekommen, haben die Schüler auch schon einen Plan parat, und zwar einen fundierten Plan, mit Zahlen und Fakten: Statt zahlreicher einzelner Streitkräfte der EU-Länder wird eine EU-Armee angestrebt, die immense Kosten einsparen würde. Bei einer Zusammenlegung würden 50 Milliarden Euro pro Jahr gespart werden, durch die wiederum 10 Millionen Jugendliche in der EU gefördert werden könnten. Einen krönenden Abschluss der Präsentation bildeten die Live-Vorträge der “Umwelt”-Gruppe. Vier junge Frauen rappten im wahrsten Sinne des Wortes zunächst zögerlich, aber dann immer selbstbewusster auf der Bühne. Ob Muttersprachler oder nicht: auf Deutsch brachten die vier Umweltprobleme auf den Punkt. 
 

Die Teilnehmer haben viel gelernt

Die Teilnehmer sind nach der Präsentation zufrieden: Philipp, 15 Jahre alt, findet den Kongress gelungen: “Wir haben viel zusammen gearbeitet, viel zusammen gemacht. Ich weiß jetzt mehr über die Politik und wie die EU-Länder zueinander stehen. Wir haben viel gelernt.” Kato, 16 Jahre alt und aus Georgien, gehörte zur Gruppe “Übergänge” und hatte viel Spaß. “Wir sind sehr zufrieden. Wir haben einen Rap-Song aufgenommen und hatten sehr viel Spaß zusammen.” Das Miteinander und der Lernprozess scheinen nach dem Kongress gelungen. Ein tolles Projekt, das auch der übrigen EU-Bevölkerung Mut machen sollte, die Europäische Union nicht auf verlorenem Posten zu sehen. Die Teilnehmer haben Probleme der EU aufgezeigt und zu ihrer Lösung keineswegs realitätsfremde Anregungen gegeben. Damit keine “dunklen Zeiten” in der EU einbrechen, sollte die Jugendpolitik mit ihrer Kreativität in Zukunft vielleicht mehr Beachtung finden.

[SR]