Seite ausdrucken
Was essen wir morgen?
Komplexes Thema

- Laut Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) "brauchen wir eine bäuerliche Landwirtschaft” mit “ökologischer Anbauweise.” Foto: commons.wikimedia.org/Heinrich Böll Stiftung, CC by-sa 2.0
Wo soll man mit einer Diksussion anfangen, die sich generell mit dem Thema Essen beschäftigt? Die Themengebiete sind so weit gespannt, dass es unmöglich ist dieses Thema umfassend zu diskutieren und der Thematik dabei gerecht zu werden. Zu komplex, zu vielschichtig und zu wichtig ist das Thema Essen für den Menschen, als dass die knapp zwei Stunden der Podiumsdiskussion ausgereicht hätten hier einen wirklichen Einblick zu liefern. Dennoch schafften es die Moderatoren Ulrich Blumenthal vom Deutschlandfunk und Andreas Sentker von DIE ZEIT, die meisten Themen anzuschneiden zu lassen und so einen guten Überblick über "Essen" in der Gegenwart zu geben.
Umfangreiche Themen
Die Fragen, um die sich die Diskussion drehte, gingen von der Frage der globalen Ernährungsversorgung - sowohl gegenwärtig und zukünftig, über den Lebensmittelhandel an den Börsen, die Sinnhaftigkeit von Biosprit, die richtige Art landwirtschaftlicher Produktion, bis hin zu der Frage, was denn die Politik und der einzelne Konsument tun kann, Weltgerechtigkeit bei der Lebensmittelproduktion herzustellen: Gerechtigkeit gegenüber den Menschen, Tieren und der Natur.
Die gegenwärtige landwirtschaftliche Situation
Um eine Übersicht über die derzeitigen dramatischen landwirtschaftlichen Zustände auf unserem Planeten zu geben, klärte Prof. v. Braun Podium und Publikum auf: Wir, die westlichen Nationen, stellen die Reichsten Menschen dieses Planeten dar. Uns wird es niemals an Nahrung mangeln, weil wir sie uns leisten können. Die Ärmsten 20% unseres Planeten hingegen stehen einer ganz anderen Problematik gegenüber, als der Titel der Diskussion lautete. Die Frage, die sich den Ärmsten 20% stellt ist nicht "Was essen wir morgen, sondern haben wir morgen was zu essen?", so von v. Braun.
Unsere Mitschuld

- Fleisch solle bewußter gekauft und gegessen werden. “Lieber weniger, aber dafür besseres Fleisch” so Renate Künast. (Foto: Singe Kremer/pixelio.de)
Oft tragen die industrialisierten Länder eine große Mitschuld. Durch
Nahrungsmittelimporte aus anderen Ländern, verliert die heimische Bevölkerung teilweise ihre Lebensgrundlage. Ein großes Problem ist, dass Soja zu einem überwiegenden Anteil für die Viehzucht genutzt wird. Immer mehr Tiere in Europa und anderswo werden mit diesem Futter ernährt. Eine Entwicklung, die von vielen Umweltverbänden und Politikern kritisiert wird. Unabhängig davon kommt hinzu, dass dieses Soja oft genmanipuliert ist. Nicht nur Nahrungsmittel werden importiert, sondern auch energiereiche Pflanzen (Bsp. Weizen, Zuckerrohr, Mais), die zu Biosprit verarbeitet werden. Das sind alles Nahrungsmittel, die letztendlich der Hungernden Weltbevölkerung fehlen. Dabei ist der weltweit verfügbare Haushalt an Kohlenhydraten so groß, dass die Weltbevölkerung davon ernährt werden könnte.
Getreide wird unfair verteilt
Aktuellen Zahlen der OECD zufolge verhungern täglich 25.000 Menschen. Menschen, die nicht sterben müssten, wenn die rund 40% der weltweiten Getreideproduktion nicht als Futtergetreide und weitere 19% für anderweitige Zwecke verwendet würden. Weniger als 50% werden hingegen nicht veredelt, reichen aber dennoch nicht aus, um alle Menschen zu ernähren. Die Preise steigen. Insbesondere, weil viele Nahrungsmittel an den Weltmärkten gehandelt werden. Felix Prinz zu Löwenstein bezieht dazu eine klare Stellung: "Die Preise der Reichen dürfen nicht die Preise der Armen sein." Folglich müsste der Börsenhandel mit Grundnahrungsmitteln eingestellt werden.
Maßloser Konsum
Die Art und Weise wie wir mit unseren und den Ressourcen der Welt umgehen, ist alles andere als nachhaltig: Weit über 30% der weltweit produzierten Nahrungsmittel landen in der Mülltonne, weil entweder der Konsument Essen wegschmeißt, oder es auf dem Produktionsweg in den Einzelhandel aussortiert wird. Zudem wird in den meisten Industrienationen sehr viel Fleisch gegessen. Würden wir unseren Fleischkonsum nur um die Hälfte halbieren, gäbe es weltweit ausreichend zu essen, damit kein Mensch mehr Hungern müsste - theoretisch zumindest.
Böden effizient bewirtschaften

- Ein Huhn bekommt in den 30-40 Tagen die es lebt etwa drei Antibiotika. Dieses wird von den Menschen ebenfalls aufgenommen und hat zur Folge, dass sie immer immuner werden. (Foto: s.media/pixelio.de)
Die westlichen Nationen gelten als Vorbilder für viele Entwicklungs- und Schwellenländern: Es gibt Reichtum und Überfluss für (fast) alle. Da ist es nicht verwunderlich, dass Entwicklungs- und Schwellenländer aufholen wollen. "Ob wir als Vorbilder taugen wollen oder nicht, wir sind‘s", kommentierte Prinz zu Löwenstein und fährt fort, dass wir in der Landwirtschaft "nicht von Produktivität reden" sollten, "sondern von Effizienz." Es geht also darum, dass wir Böden am effizientesten bewirtschaften und das heißt nicht, Felder zu düngen und genmanipulierte Pflanzensorten auf den Markt zu bringen, sondern auf Biodiversität zu achten, auf nachhaltige Bodenbewirtschaftung und perspektivisch
betrachtet auf eine ökologische Landwirtschaft.
Lebensmittel brauchen “wahre Preise”
Renate Künast plädierte für „eine neue Stufe der Agrarreform“ und schlussfolgert: "Am Ende muss es heißen: Wir brauchen eine bäuerliche Landwirtschaft" mit "ökologischer Anbauweise." Das beinhaltet regionale und neue Sorten im Sinne der Biodiversität. Künast argumentierte auch, dass die Konsumenten "lieber weniger, aber dafür besseres Fleisch" essen sollten. Dann fing sie an zu rechnen: Ein Huhn kostet im Supermarkt etwa drei Euro. Aber: Es kostet nur auf den ersten Blick drei Euro, denn viele entstandene Kosten werden nur indirekt an den Verbraucher weitergegeben. Berechnet man Umweltverschmutzungen, zum Beispiel durch tierischen Kot, oder die Steuersubventionen für die heimische Viehindustrie mit ein, müsste ein Hühnchen eigentlich 15 Euro kosten. Nicht eingerechnet, weil es unberechenbar ist, ist das Leid, welches Tiere in der Massentierhaltung erleiden müssen. Bei so hohen Kosten überlegt man es sich dreimal, ob man sich täglich Hühnchen kauft, oder lieber einmal in der Woche, aber dafür bewusst. "Das Huhn muss seinen Preis- wert sein", meinte Künast.
Ökologische Viehzucht
Zudem kommt, dass ein Huhn in den 30-40 Tagen die es lebt (männliche Küken werden sofort geschreddert, weil sie keinen "ökonomischen Nutzen" haben) etwa drei Antibiotika bekommt. Der Mensch nimmt dieses Antibiotika folglich in sich auf. Das hat zur Folge, dass die Menschen immer immuner gegen Antibiotika werden und folglich müssen immer stärkere Antibiotika produziert werden. Zu diesem Thema hat Foodwatch bereits 2005 eine Studie veröffentlicht (Was kostet ein Schnitzel wirklich?), in der der Preis eines herkömmlichen Schweineschnitzels mit dem eines Bio-Schweineschnitzels verglichen wurde. Foodwatch kam dabei zu dem Schluss, dass unter Berücksichtigung der Umweltschäden, die durch konventionelle Schweinezucht entstehen, ein Öko-Schweineschnitzel trotzdem teurer bleibt, aber im Vergleich günstiger wird.
Möglichkeiten der Politik
Die industrialisierte Landwirtschaft wird sich vermutlich nicht dazu bereiterklären Umweltkosten zu zahlen. Prinz zu Löwenstein sagte, dass es "viele politischen Hebel" gebe, um die wahren Preise zu erzielen. Die Politik könne den Pfad zu diesem "wahren Preis" vorab betrampeln, aber der Verbraucher müsse den Pfad dann letztendlich platt trampeln. Renate Künast spricht bei den politischen Hebeln konkret von Prämiensystemen, gezielten Subventionen und Einfuhrzöllen. Außerdem müsse der Kunde die Möglichkeit haben zu erfahren, was er kauft: "Wenn man etwas kennzeichnet, weiß der Kunde was drin ist und ob er es kaufen will", ergänzt sie.
Sensibilisierung

- Ein indianisches Sprichwort besagt: “Wir haben die Erde unserer Kinder nur geborgt". (Foto: Waldili/pixelio.de)
Transparenz ist der erste notwendige Schritt, aber dann muss der Verbraucher wissen, was er möchte und was folglich weiter produziert wird. Doch wie sensibilisiert man die Verbraucher für gute Lebensmittel? Dazu gibt es sicherlich viele Wege. Sarah Wiener hat zum Beispiel eine Stiftung, die sich unter anderem "Praktische Ernährungsbildung" von Kindern zum Ziel gesetzt hat.
Unsere Erde ist nur geborgt
Zum Schluss der Podiumsdiskussion zitierte Künast noch ein indianisches Sprichwort: "Wir haben die Erde unserer Kinder nur geborgt." Wenn sich das alle Leute bewusst machen und anfangen sich Gedanken über ihre Art zu leben machen, sieht es auf dieser Welt bald vielleicht schon ganz anders aus. Es kommt nicht darauf an sein Leben radikal zu ändern. Es reicht erstmal mit kleinen Schritten anzufangen.
Bewusster Essen
Die eingangs gestellte Frage der Podiumsdiskussion "Was essen wir morgen?" konnte nicht wirklich beantwortet werden. Die Frage der Runde hätte vielmehr lauten müssen: Wie essen wir morgen? Die Antwort darauf war in der vierköpfigen Runde nämlich recht eindeutig: Bewusster!
[SC]
(Teaserbild: Cornerstone/pixelio.de)









