Seite ausdrucken
Georgien: Das machst du freiwillig?
Engagement ist keine Einbahnstrasse

- Die Hauptstadt Tiflis hat eine malerisch verfallende Altstadt. (Foto: Dmitry Gerasimov, gemeinfrei)
Neben dem US-amerikanischen Friedenscorps und einem nationalen Programm für die Anwerbung englischsprachiger Lehrkräfte (“Teach and Learn in Georgia”) kommen internationale Freiwillige über den Europäischen Freiwilligendienst ins Land. Zumeist unterrichten sie Fremdsprachen in Schulen und Kindergärten, leiten Schulklubs an, führen Kunstworkshops durch und verbreiten Wissen über Europa sowie die Kultur ihres Herkunftslandes. Viele von ihnen äußern sich begeistert über ihren Aufenthalt in diesem für westliche Besucher doch recht exotischen Land – so wie Sarah und Adam aus Polen, die in den nächsten sechs Monaten bei der Georgischen Jugend für Europa in der recht tristen Industriestadt Rustavi südöstlich von Tiflis einen lokalen Filmclub für Jugendliche betreuen. Dort wird dieser Tage auch ein mit Hilfe einer Schweizer Stiftung eingerichtetes internationales Zentrum für Begegnung und Austausch im Kaukasus eröffnet, das bis zu einem Dutzend Freiwilliger in einer Herberge, einem Konferenzzentrum und auf einem Pfadfinder-Campingplatz interessante Betätigungsfelder bieten wird.
Georgien ist kein Ort für Idealisten. Mit der lokalen Kultur, der Vorliebe für ausufernde Trinksprüche und das Rauchen an allen möglichen und unmöglichen Orten, dem wilden Fahrstil und der emotionalen Diskussionskultur kommen nur eingefleischte Pragmatiker zurecht oder solche, die es werden wollen. Besonders ausdauernd sollten Freiwillige sein, die wie in Zugdidi im Nordwesten Georgiens dabei helfen, die Kommunikation mit der abgespaltenen Nachbarregion Abchasien aufrecht zu erhalten. Die lokale Station “Radio Atinati” (zu deutsch: Lichtstrahl), die auf beiden Seiten der Demarkationslinie gehört wird, betreibt hier ein Programm, bei dem abchasische Journalisten Beiträge zu Themen wie Gesundheit, Frauenrechten und Bildung einreichen können. Die ebenfalls vor Ort tätige Ärzteorganisation “Xenon” sucht derweil nach Freiwilligen für die HIV/AIDS-Präventionsarbeit mit georgischen Drogensüchtigen dies und jenseits der Grenze, wozu in begrenztem Umfang auch ein Metadon-Programm gehört.
“Freiwilliger? Klar war ich in der Armee!”

- Präsident Micheil Saakashvili erhält von vielen Georgiern Anerkennung für seine teilweise recht populistische Politik. (Foto: Jfimley James Fimley, gemeinfrei)
Wenn ich allerdings Jung und Alt auf der Straße auf freiwilliges Engagement ansprach, dachten sie in der Regel nur an eines: Krieg! Wie man dem eigenen Land auf friedliche Weise dienen kann – und das ohne Bezahlung! – wollte kaum jemand so recht verstehen. Auch der Begriff “Konflikt” wurde fast immer militärisch verstanden. Junge Menschen aus dem Ausland, die für das Ehrenamt werben, sind daher gern gesehene Gäste zivilgesellschaftlicher Organisationen. Allerdings tun auch die Gastgeber sich offenbar schwer damit, die eigenen Erfahrungen im weiteren Kontext des gesellschaftlichen Transformationsprozesses in einem post-kommunistischen Land zu verstehen. Zwar vermochte ich aus vielen Gesprächen mit Einheimischen Anerkennung für die teilweise recht populistische Politik von Präsident Saakashvili herauszuhören, der für satte Millionenbeträge funkelnde Brücken und gläserne Polizeistationen bauen lässt. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob es wie heute zweimal pro Tag keinen Strom gibt, oder wie früher nur zweimal am Tag überhaupt Elektrizität. Doch viele Menschen teilen ihr persönliches Koordinatensystem weiterhin in “Wir vs. Sie” ein – also die, welche mir nah sind, und jene, die mir aus bösem Willen nicht geben, was mir zusteht.
Dass wir uns hier in einem Krisengebiet befinden, fühlt man nicht gleich auf Schritt und Tritt. Schon gar nicht in einem der hippen Cafes der Hauptstadt Tiflis, die zwar über eine malerisch verfallende Altstadt verfügt, aber ansonsten recht geschäftig daherkommt. Aber es gibt Anzeichen genug. Schick gekleidete junge Männer rangeln nachts am Straßenrand, tagsüber wird auf Überlandstraßen um jeden Centimeter gekämpft als ginge es ums nackte Überleben, und in Diskussionen wird zuerst die Ehre der eigenen Gruppe verteidigt. Differenzieren scheint nicht erste Bürgerpflicht zu sein, eher fühlt man sich dem Streit verpflichtet. In einer Befürchtung werde ich hingegen nicht bestätigt – Russenhass ist nicht allgegenwärtig. Zwar mag ein Gesprächspartner gerade noch die derbsten Flüche auf die Politik des Kreml ausgestossen haben, gleich darauf jedoch wird dieselbe Person ihre aufrichtige Liebe zu den Russen bekunden. Und tatsächlich: die russische Kollegin, die für uns engagiert auf Märkten um lokale Leckereien feilscht, wird stets sehr zuvorkommend behandelt. In einem unverhofften Wolkenbruch an der Schwarzmeerküste werden wir sogar einmal in ein Bekleidungsgeschäft gebeten, wo uns die Inhaberin mit Kaffee und Keksen bewirtet und in Erinnerungen an ihre Zeit an einer Moskauer Universität schwelgt.
Von den Nachbarn vertrieben und von den Landsleuten verlassen?
In Tserovani, dem größten Flüchtlingscamp des Landes, ist es dagegen nicht so gemütlich. Camp ist eigentlich der falsche Begriff, denn Tserovani ist eine Siedlung mit ordentlichen, aus Stein gebauten Häusern und zumindest grundlegender Infrastruktur für 7.000 Georgier, die 2008 in der Folge der jüngsten Kampfhandlungen aus Südossetien flüchten mussten. Im Vergleich zu früheren Wellen geht es Ihnen relativ gut, gab sich doch neben internationalen Hilfsorganisationen diesmal auch der erstarkte georgische Staat sichtlich Mühe, das schwere Los der Flüchtlinge zu lindern. Die fast 350.000 Menschen (etwa acht Prozent der Bevölkerung!), die in Folge der Kriege in Abchasien und Südossetien 1992/93 und 2008 ins Landesinnere flohen, verloren nicht nur ihre Heimat, Eigentum und überlebenswichtige soziale Beziehungen. Die ersten Vertriebenen lebten oft jahrelang unter schrecklichen Bedingungen in selbst besetzten Turnhallen, Schulen, Hotels, Banken und Kasernen. Dass die ortsansässigen jungen Georgier daraufhin keinen Platz mehr zum ordentlichen Lernen und Leben hatten, trug nicht gerade zum gegenseitigen Verständnis bei, unterstreicht Michael aus Zugdidi, der heute in Tiflis studiert.
Auch wenn die unmittelbare Not heute gelindert ist, haben viele Flüchtlinge weiterhin mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Gute Arbeit findet man überall in Georgien trotz Qualifikation oft nur mit Hilfe weitverzweigter Familienbeziehungen. Der Zugang zur Universität ist ohnehin schwierig, denn die Eintrittsprüfungen sind ohne zusätzlichen außerschulischen Unterricht nur schwer zu schaffen. In Tserovani hat jede vertriebene Familie zwar ein Haus bekommen – immerhin 60m2 für je drei Personen – aber sobald sich junge Paare dort vermählen, gibt es für sie keinen Platz mehr zur Familiengründung. Vertriebene der ersten Welle, die sich nach fast 20 Jahren zumeist in und um Tiflis irgendwie häuslich eingerichtet haben, sollen nun in andere Landesteile umgesiedelt werden – also praktisch zum zweiten Mal ihre Bleibe verlieren. Zudem hat so gut wie niemand psychologische Betreuung bekommen; oder wenn schon, dann eher eine Lektion in Sachen Patriotismus: “Da kamen so ein paar Offizielle, haben sich unsere Bitten angehört und dann gesagt, dass wir einfach die Schnauze halten sollen,” erzählt mir Ruso, die mit ihrer Familie Anfang der 1990er Jahre ins Landesinnere fliehen musste.
“Wir haben es satt, uns zu erklären!”
Dabei sehnen sich die meisten ihrer Leidensgenossen trotz der mageren Entschädigung von 28 Lari (14 Euro) pro Monat wohl eher nach dem Verständnis ihrer Landsleute für ihren emotionalen Verlust. Es scheint fast so, als wolle niemand so recht ehrlich und offen über die letzten beiden, für alle entbehrungsreichen Jahrzehnte sprechen – unter Umständen aus Angst, das eigene Leiden geschmälert zu sehen, aber vielleicht auch nur, weil man nach all dem endlich normal leben will. Doch kein Zweifel, es geht voran. Nicht nur, weil sich die derzeitige Regierung zunehmend um strukturiertes Handeln in der Jugend- und Sozialpolitik bemüht. Es ist der Enthusiasmus von Menschen wie Giorgi Kakulia, Präsident von APD und Vertriebener der (hoffentlich) letzten Welle, der Anderen Mut macht: “Ich kam auch nur mit einem Rucksack von 15kg über die Berge, aber ich habe gleich angefangen, mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.”
[GR]









