20.02.2012

Von: Redaktion

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Ehrenmord | Matthias Deiß | Hatun Sürücü | Integration |
Ehrenmord

Die Ermordung Hatun Sürücüs

Der Tod Hatun Sürücüs vor 6 Jahren und das Geständnis ihres Bruders haben bundesweit eine Debatte über Parallelgesellschaften ausgelöst. Das Gewaltverbrechen wurde zum Sinnbild für misslungene Integration. Wie es zu der Tat kommen konnte, versuchten die Autoren Matthias Deiß und Jo Goll in ihrem Buch „Ehrenmord – Ein deutsches Schicksal“ zu ergründen. Mehr erfahren wir von Matthias Deiß selbst.
Gedenktafel an der Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof (Bildquelle: wikimedia.commons.org/OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 )

European Circle: Das Buch besteht aus Gesprächen zwischen Ihnen und dem Bruder Ayhan Sürücüs, den sie in der Jugendstrafanstalt Berlin trafen. Wie kam es zu diesem Zusammentreffen und wie haben Sie das Thema für sich aufgreifen können?

Matthias Deiß: Das war ein witziger Zufall. Ich war wegen anderer Interviews in der Jugendstrafanstalt, wo Ayhan Sürücüs damals inhaftier war, mittlerweile wurde er in die Erwachsenenhaft überführt. Ich hab dann aus Neugierde die Wärter nach den Vergehen anderer Inhaftierter gefragt und somit von ihren bekanntesten Häftling erfahren, der seine Schwester erschossen hatte. Ich habe diese Chance natürlich sofort genutzt. Obwohl der Fall damals von den Medien stark aufgegriffen wurde, war ich der erste Journalist, der mit ihm gesprochen hatte. Trotzdem hat es dann noch drei Jahre gedauert, ihn von dem Buch und den Interviews zu überzeugen und die Genehmigung der Justizbehörden zu bekommen.

European Circle: Wie ist Ayhan Sürücüs Einstellung zu seiner Tat? Gab es Anzeichen von Reue?

Deiß: Das waren schon sehr gruselige Momente. Wenn Sie jemanden in die Augen kucken, der seine Schwester mit drei Schüssen aus nächster Nähe in einer Berliner Bushaltestelle erschossen hat, weil sie seiner Meinung nach das falsche Leben führte, dann wird einem schon ein bisschen mulmig. Mittlerweile sagt er, es wäre der größte Fehler seines Lebens gewesen. Das haben wir ihm zum Teil auch geglaubt, aber wenn man mit ihm über seine Schwester redet, findet er kein einziges gutes Wort über sie. Das hat mir gezeigt, dass seine Reue nicht sehr tiefgründig sein kann.

European Circle: Sie haben außerdem mit seinem großen Bruder geredet, der immer noch polizeilich gesucht wird. Wie sind Sie an ihn rangekommen?

Deiß: Seine zwei Brüder werden mit internationalem Haftbefehl wegen Mordes gesucht. Man geht nach wie vor davon aus, dass ein Teil der Familie diesen Mord gemeinsam beschlossen hat. Der jüngste Bruder sollte die Tat ausführen, da er damals noch unter das Jugendstrafrecht gefallen ist. Wir haben versucht über den inhaftierten Bruder Druck zu machen und sie aufgefordert an die Öffentlichkeit zu treten. Wir haben ihn dann in Istanbul aufgestöbert. Er hat seinen deutschen Pass zurückgegeben, damit er nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden kann. Das erstaunliche ist, dass er sich in Istanbul sehr sicher fühlt. Es gibt zwar einen internationalen Haftbefehl, aber die Türkei liefert ihn nicht aus. Er bestreitet immer noch seine Schuld, aber er ist als sehr gläubiger Moslem der Meinung man müsse Frauen, die Sex vor der Ehe hatten, mit dem Tod durch Steinigung bestrafen. Daher entsteht auch der Eindruck, die ganze Familie hätte das freizügige Leben von Hatun Sürücüs nicht aktzeptiert. In unserem Buch befassen wir uns mit den einzelnen Familienmitgliedern, die alle sehr radikale Einstellungen vertreten.

European Circle: Glauben Sie, durch die hohen Wellen, die der Fall geschlagen hat, ist es zu einem Umdenken gekommen oder können wir jeden Tag mit einem ähnlichen Fall rechnen?

Deiß: Ich glaube, es gibt nach wie vor viele Familien, in denen die Frauen nicht selbst entscheiden dürfen, wie sie ihr Leben führen wollen. Die aller Meisten gehen natürlich nicht soweit, dass sie ihrer Tochter etwas antun würden. Aber es gibt viele Frauen, die sich nicht frei entfalten dürfen. Es kommt aber in den wenigsten Fällen zum Ehrenmord, da die Frauen, aus Angst von der Familie verstoßen zu werden, von vornhinein die strengen Regeln akzeptieren. Aber es passieren weiterhin Ehrenmorde in Deutschland, das sollte man nicht verschweigen.

 

(Bildquelle: wikimedia.commons.org/OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 )