Mittwoch, 22. Februar 2012

Von: Claudia Hangen

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Theater | Freundschaft | Klassenzimmerstück | Susanne Schwarz | Schauspieler | Religion | Tusch-Schulen
Sehnsucht nach Freundschaft

Theater in Hamburger Schulen

Viele hundert Mal führt das Thalia-Theater das aus dem Niederländischen übersetzte Klassenzimmerstück "Chica Chica" unter der Regie von Susanne Schwarz an Hamburger Schulen noch auf. Im März wird es in rund drei Berliner Tusch-Schulen inszeniert. Hierbei begegnen sich Schüler, junge Schauspieler, Lehrer, Mitarbeiter vom Theater im kulturellen Dialog auf der Schulbühne. Diskutiert werden Probleme des kulturellen Unterschieds, der Erziehung, der Religion, Freundschaft und der ersten Liebe.

Klassenzimmerstück Chica Chica fördert kulturellen Dialog an Schulen

Thalia-Theater Hamburg
"Chica Chica" wird neben Hamburg im März auch an drei Berliner Tusch-Schulen inszeniert werden. (Foto: commons.wikimedia.org/ Wolfgang Meinhart, CC by-sa 3.0)

Tess (Alena Oellerich) und Imra (Nisan Arikan) sind zwei fünfzehnjährige Schülerinnen, die sich im Klassenzimmer erstmals begegnen. Imra ist Türkin und trägt den Hidschab, ein blaues Kopftuch. Tess ist Hamburgerin, hat einen aufdringlichen Freund und einen I-Pod. Auf den ersten Blick können sich die Beiden wegen der kulturellen Unterschiede eigentlich nicht leiden: "Ich kenne keine Kopftücher. Die gehören nicht zu meinen Freunden. Hat dich dein Vater dazu gezwungen?", erklärt Tess abgegrenzt mit Blick auf Imra. Doch Imra reagiert auf die Provokation schlagfertig und selbstbewusst. Sie trage den Hidschab freiwillig, weil sie religiös sei und in der heutigen Gesellschaft immer weniger Menschen glauben.

An der Äußerlichkeit des Kopftuches entspinnt sich zuerst eine Kontroverse zwischen den Schülerinnen Imra und Tess, die sich allmählich im Laufe des vierzigminütigen Stücks in einen Dialog und dann in echte Freundschaft verwandelt. Imra hilft der auf den ersten Blick haltlos wirkenden Tess, sich gegen ihren rücksichtslosen Freund Boas und vor dem Jugendgericht zu behaupten. Und Tess gibt Imra das Gefühl, gebraucht zu werden und in der deutschen Gesellschaft integriert zu sein.

Theater und Schule treten in einen Dialog

Das Klassenzimmerstück "Chica Chica", das am 01. Februar unter dem tosenden Applaus der Schüler seine Premiere feierte, findet unter den Augen des Lehrers Jörg Carstens und seiner Klasse 8b der Max-Brauer-Schule in Hamburg Altona statt. Das Besondere: Die Schüler verwechseln die Schauspieler mit gleichaltrigen Schülern und tauchen wie selbstverständlich in die Realität des Stücks und die damit aufgeworfenen Fragen und sozialen Probleme ein. Auf die Frage einer Schülerin im Anschluss an die Aufführung, wann die Schauspielerinnen denn die Schule beenden, folgt ein Lächeln. "Wir gehen nicht mehr zur Schule. Wir sind schon über 20 Jahre alt", antwortet Nisan Arikan, die an diesem Abend die Rolle der extremen Figur Imra spielt, die wegen des Kopftuches an ihrer Schule gemobbt wird und dann echte Freundschaft sucht. "Ich dachte, ihr wärt erst 15 oder 16 Jahre alt", entgegnet ein Schüler mit einem verschmitzten Lächeln schüchtern.

Doch an diesem Abend zeigt sich, dass viele Großstadt-Schulen bereits multikulturell sind. Die in dem Stück aufgeworfene Kopftuchproblematik stellt im multikulturellen Stadtteil Altona bei den Schülern der 8b keine Besonderheit dar und wird nicht thematisiert. "Es liegt natürlich an den Stadtteilen Altona, Ottensen und Bahrenfeld. Hier ist das Tragen des Kopftuches die Normalität. In Randgemeinden wird man andere Gespräche haben. Wir wünschen uns, dass das Stück noch ganz häufig in Hamburg zu sehen ist", erklärt Herbert Enge, Theaterpädagoge von Thalia und Schule. An diesem Abend reflektieren die SchülerInnen vor allem das Thema Freundschaft. „Das Stück ist natürlich und sehr gut gespielt. Mir gefiel, dass Imra Tess geholfen hat, sich beim ihrem Freund Boas durchzusetzen", wirft eine Schülerin ein.

Keine klischierten Antworten im kleinen Zuschauerkreis

Bühne
Für das Stück wird nicht die große Bühne für die Inszenierung gewählt, sondern das Klassenzimmer selbst. (Foto: Miriam Trescher/pixelio.de)

Bei den Klassenzimmerproduktionen des Thalia-Theaters wird nicht die große Bühne für die Inszenierung gewählt, sondern das Klassenzimmer selbst. So glich die Suche nach dem Stück für nicht den Nicht-Eingeweihten, sprich Erwachsenen, an diesem Abend eher einer Odyssee durch menschenleere Gänge des Schulgebäudes. Denn das Stück wurde nicht groß angekündigt. Gedacht ist es eigentlich für ein junges Publikum, genaugenommen für die Schuljahrgänge sieben bis zehn. Dabei gibt das Stück keine klischierten Antworten, sondern stellt einzig Fragen: Wie und warum interessieren sich junge Menschen für den Glauben, obgleich die Eltern laizistisch eingestellt sind? Was bedeutet Freundschaft? "Das ist das Interesse auch der Schule, dass sich die LehrerInnen kritisch und engagiert mit Fragen des Glaubens beschäftigen. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich in diese Richtung entwickelt. Wir waren gestern mit Chica Chica in einer neunten Klasse und wie es der Zufall will, hat die Klasse mit einem Projekt zum Thema Religion und Glauben begonnen. LehrerInnen haben festgestellt, dass sich nicht nur muslimische Schüler mit dem Thema intensiv beschäftigen, sondern auch die, die einen katholischen oder protestantischen Hintergrund oder gar keinen Glaubenshintergrund haben", führt Theaterpädagoge Herbert Enge aus.

Chica Chica im März an Berliner Schulen

Mit der Unterstützung der Ilse und Horst Rusch-Stiftung, die vornehmlich Musik und Theaterprojekte in den beiden Großstädten Berlin und Hamburg fördert, soll das Klassenzimmerstück im März auch an Berliner Schulen uraufgeführt werden. Gespielt wird es hauptsächlich an Tusch-Schulen, die die kulturelle Bildung im Bereich Theater in den Lehrplan mitaufgenommen haben. Tusch-Partnerschaften gibt es in sieben deutschen Regionen, darunter auch in Berlin, Sachsen-Anhalt und ein ähnliches Projekt in Warschau.

(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Armin Smailovic,CC by 3.0)