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Die europäische Identität der Polen

- Cover des kürzlich herausgegebenen Fotobuchs "Wir, Polen“, mit Werken von polnischen Künstlern wie Jerzy Duda- Gracz oder Chris Niedenthal. (Foto: Herausgeber: Stiftung Conspero, conspero.pl)
Die europäische Identität ist von großer Bedeutung. Eine gemeinsame Identität setzt sich über die Ländergrenzen hinweg und ist für den individuellen als auch gemeinschaftlichen Erfolg unerlässlich. Am 9. Februar 2012 fand in Belgien eine von der Europäische Kommission organisierte Konferenz statt, die sich mit dem Thema der Entwicklung einer europäischen Identität beschäftigte. Im Hinblick auf die aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme wird die Frage nach einer gemeinsamen europäischen Identität und die Bestimmung ihrer Struktur besonders zunehmend laut.
Eine Identität bekommt man weder geschenkt noch zugewiesen
"... sie ist etwas, das konstruiert wird, und man auf unterschiedliche Arten konstruieren kann und überhaupt nicht zu Stande kommen wird, wenn sie nicht auf eine der gewählten Arten konstruiert wird. Die Identität ist also eine auszuführende Aufgabe und eine Aufgabe, vor der es keinen Ausweg gibt”, so formulierte es der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman. Die Identität ist eine Selbsteinschätzung, eine Hierarchie der eigenen Werte, Gefühle sowie Vorstellungen, die wir passend zu uns selbst konstruieren.
Eine ausgereifte Identität ist noch keine Erfolgsgrantie
Das Leben unter "Gleichgesinnten” im geographischen Sinne, aber unter "Fremden” aus Sicht der Identität ist die Hölle, da es zu innerer oder äußerer Emigration zwingt. Die Geschichte dokumentiert die dramatischen Fälle von Emigration unter Intellektuellen, kreativen, autonomen und den totalitären Regimen kritisch gegenüberstehenden Personen. Die im Januar dieses Jahres beendete Ausstellung “Jagd auf die Avantgarde“ in der Krakauer Galerie des Internationalen Kulturzentrums zeigte die schwierigen Biographien von sowohl deutschen und polnischen als auch von jüdischen Künstlern, Schriftstellern und Komponisten, die von den Nationalsozialisten in den Jahren von 1933 bis 1945 verfolgt wurden. In diesem Zeitraum wurde in Polen die erste große Emigrationswelle ausgelöst. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges begann die nächste Emigrationsphase, die von dem Widerstand gegen den kommunistischen Totalitarismus hervorgerufen wurde. Bis zum Sturz des Kommunismus und dem Fall der Berliner Mauer verlor sowohl die DDR als auch Polen seine intellektuellen Eliten. Die im Land gebliebene innere Emigration verharrte in ihren passiven Rückzugspositionen, die keine Innovation zuließen. Denn das kreative und erfüllte Leben benötigt Verwurzelung und Handlungen, die im Einklang mit unserer Identität stehen.
Europäische Identität

- Logo der polnischen Ratspräsidentschaft (Foto: pl2011.eu/de)
Die Europäische Union ist eine 500-Millionen Gesellschaft, die sich über 27 Staaten erstreckt. Ziel der EU-Institutionen ist die Gewährleistung eines Lebens für die Bürger der Mitgliedstaaten im Einklang mit den europäischen Werten. Werten wie Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität und Hilfe, die das Fundament für die menschliche Würde bilden. Die Gewährleistung dieser Werte variiert in den Mitgliedstaaten der EU stark. Diese Werte stellen die Grundlage der europäischen Identität dar. Hans-Gert Pöttering, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, erklärte, dass die europäische Identität auch die lokalen Elemente der Identität umfasse: das Bewusstsein der eigenen Wurzeln, das eigene regionale Bewusstsein sowie die Staatsbürgerschaft des europäischen Staates. Laut ihm gehe der Begriff der europäischen Identität, auch wenn er den Besitz von gemeinsamen europäischen Wurzeln als Grundlage sieht, über die nationale Bindung hinaus. Nationalistische Tendenzen stellen eine Gefährdung für das Denken in gemeinschaftlichen Kategorien im EU-Sinne dar.
Polnisches Selbstporträt
Die gleichnamige Ausstellung, die im Jahr 1979 im Nationalmuseum in Krakau eröffnet wurde, hat in spektakulärer Form Reflexionen zur eigenen Identität erweckt. Heutzutage begreifen sich die Polen als eine Nation, die als erste Nation innerhalb der EU dem Kommunismus die Stirn geboten hat. Nach der Außerkraftsetzung des kommunistischen Systems im Jahr 1989 gerieten die Polen in eine Phase einer Systemtransformation. Seitdem hoffen die Polen ihr Glück im Rahmen eines Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste zu finden. Die Älteren schauen mit nostalgischem Blick auf die armen, aber sicheren und ruhigen Zeiten der Volksrepublik Polen, PRL, zurück und distanzieren sich von dem fortschreitenden Prozess der Globalisierung. Große Emotionen ruft in Polen immer wieder das Problem der Legalisierung von Abtreibung, weicher Drogen und homosexueller Partnerschaften hervor. Diese Feststellungen lassen den Nationalcharakter der Polen hervorkommen, das heißt wiedererkennbare Merkmale, die sowohl auf ihre internen Beziehungen untereinander als auch auf ihre Wahrnehmung von außen Einfluss nehmen. Laut dem schweizer Psychiater Carl Gustav Jung haben charakteristische Verhaltensweisen in einer Population ihren Ursprung in den Archetypen, die das kollektive Unterbewusstsein beeinflussen. Die Polen scheinen durch den Archetyp der Mutter (Betreuerin), der schwachen Ausprägung des Archetyps des Vaters (Gerechtigkeit und Recht) dominiert zu sein und ihr Verhalten charakterisiert sich durch das Syndrom "der Kinder der Großen Mutter”.
Europäische Identität der Polen in Umfragen
Der Mythos über eine eigene Generation im Namen des verstorbenen Papstes Johannes Paul II ist nun fünf Jahre nach dem Tod des Papstes wie eine Luftblase zerplatzt und hat sich definitiv als eine Medieninszenierung herausgestellt. Flüchten sich die Polen ohne Großen Vater, nun zur Großen Mutter? Eine Umfrage von dem Meinungsumfrageinstitut CBOS, die zweieinhalb Jahre nach dem EU-Beitritt Polens durchgeführt wurde, zeigt, dass die Mitgliedschaft in der EU vor allem, mit mehr als 90 Prozent, von ausgebildeten, jungen Menschen im Alter von 18-34 Jahren unterstützt wird. Aus vielen Umfragen geht hervor, dass die junge Generation der Polen sich bei einer Selbsteinschätzung nicht eindeutig festlegen will, sondern vielmehr sich der der Möglichkeit bewusst ist, selbst zu wählen und die Entwicklungschancen zu nutzen, die von ihrem eigenen Willen abhängen. Trotz der Verbundenheit mit nationalen Traditionswerten, die mit Sicherheit historisch geprägt sind, betrug die Wahlbeteiligung bei den letzten Parlamentswahlen in Polen im Oktober 2011 nur 49 Prozent. Laut einer Umfrage der CBOS im Januar 2012 ist die Unterstützung für die EU-Mitgliedschaft in der Bevölkerung, mit 81 Prozent, weiterhin hoch. Die Facebookseite des Projekts Konstytucja, das sich mit der polnischen Verfassung befasst, hat bisher nur 50 Fans. In einem Onlinetest mit Fragen zur polnischen Verfassung lediglich 58 Prozent der Teilnehmer eine richtige Antwort abgegeben. An den 21 Fragen des Tests zu den Strukturen und Institutionen der EU waren noch weniger Personen interessiert und die Zahl der richtigen Antworten lag bei 24 Prozent.
Moratoriums- oder Spiegelidentität
Bedeuten die Umfragewerte, dass sich die Polen mehr zu Europa als zu Polen bekennen? Oder sind sie vielleicht Europäer, die sich von den polnischen Wurzeln abschneiden? Das Wissen eines durchschnittlichen Polens zum Thema des Lissabon-Vertrags, dem Funktionieren der europäischen Institutionen oder der EU-Außenpolitik ist im Vergleich mit dem gleichen Wissen eines Schweden, Iren oder Belgiers immer noch erschreckend niedrig. In den 70er Jahren hat die Schriftstellerin Maria Kuncewiczowa die Polen mit dem Begriff "Weltbürger“ verzaubert. Europäer ist ein weitaus präziserer Begriff, der die unendliche Freiheit entmythologisiert, indem er eine territoriale und gesellschaftliche Zugehörigkeit zuschreibt, also auch die Notwendigkeit bestimmte gesellschaftliche Rollen und Pflichten auszuführen. Ist es möglich, dass die Polen ohne den starken Archetyp des Vaters dieser Herausforderung gerecht werden?









