Was nötig ist, um den längsten Eisenbahntunnel der Welt zu bauen – und danach die Natur wiederherzustellen

Der größte Eisenbahntunnel der Welt zwischen Österreich und Italien hat in den Alpen eine Megadeponie geschaffen. Können Entwickler es nachhaltig wiederherstellen?

Das milliardenschwere Brenner-Basistunnel-Projekt ist eine der größten Baustellen Europas.

Tief unten, im Herzen eines Tiroler Gebirgstals, nagen sich gigantische Tunnelbohrmaschinen durch die österreichischen Alpen.

Hier entsteht der längste Eisenbahntunnel der Welt – und das ganze gesprengte Gestein muss irgendwohin.

Ingenieure, Geologen und Landschaftsplaner kämpften bei der Gestaltung des „neuen“ Padaster-Tals mit diesem Umweltproblem.

Die Arbeiten begannen vor etwa 10 Jahren. Heute ist das Tal eine steinige Einöde. Doch in 10 Jahren soll sich hier wieder eine blühende Alpenlandschaft ausbreiten.

Es wird etwas anders aussehen als zuvor: Einst ein scharfer V-förmiger Einschnitt im Querschnitt mit Schlafschrägen, ist das Tal nun breit und hat eine sanfte U-Form.

Doch das Unternehmen, das den Brenner-Basistunnel baut, verspricht, ihn zu einem Musterbeispiel für Renaturierung in Europa und der ganzen Welt zu machen.

„Der Aufwand ist gigantisch“: Europas größte Baugrubenhalde

Um die schiere Masse an Trümmern zu begreifen, die hier bewegt und entsorgt werden muss, hilft es, sich die Große Pyramide von Gizeh vorzustellen: Mit fast 147 Metern ist sie die höchste Pyramide der Welt.

Stellen Sie sich nun vor, dass drei davon durch eine gigantische Steinmühle laufen, und Sie erhalten ungefähr den Haufen Gesteinsabfälle, den die Arbeiter auf der Brennerbaustelle umweltgerecht entsorgen müssen.

Sebastian Reimann ist Projektleiter und unter anderem verantwortlich für den Bauabschnitt H53, den Abschnitt Pfons/Brennertunnel.

„Wir haben hier eine riesige Baustelle mit einem Deponievolumen von 7,7 Millionen Kubikmetern Aushubmaterial“, sagt er gegenüber The European Circle Earth. Dies ist die volumenmäßig größte Aushubhalde in der Europäischen Union.

„Es gab ein paar Monate, da waren vier Tunnelbohrmaschinen gleichzeitig unter Tage unterwegs“, erinnert sich Reimann. „Jeden Monat wurden mehr als 250.000 Kubikmeter Abraum aus dem Untergrund gefördert und hier auf der Deponie abgelagert. Der Aufwand ist sowohl logistisch als auch personell gigantisch, aber es macht einfach großen Spaß, dabei zu sein.“

Ein 30 Kilometer langes Förderband vermeidet starken LKW-Verkehr

Aber teilen die Anwohner und die Umgebung diese Begeisterung?

Tunnelbohrmaschinen laufen ohne Pause, fressen sich 24 Stunden am Tag durch das Bergmassiv und mahlen mit den Stahlzähnen ihrer gigantischen Bohrköpfe Tonne um Tonne Gestein aus den Alpen.

Anschließend müssen Millionen Kubikmeter Schotter vom Bergkern ins Padastertal transportiert werden.

Projektleiter Reimann lächelt und zeigt dann zufrieden auf eine dicke, riesige Röhre, die in der Sonne glänzt und sich, so weit das Auge reicht, durch das Tal zieht.

Dies ist nur der kleine Endabschnitt einer gigantischen Förderbandanlage – und ein anschaulicher Beweis dafür, dass eine solche Schuttdeponie (fast) ohne starken LKW-Verkehr auskommt.

„Hier im Abschnitt H53 haben wir diese riesige Förderbandanlage installiert“, erklärt Reimann. Ihre Länge variiert je nach Fortschritt im Untergrund: Mal kommen einige Kilometer hinzu, mal verkürzt sie sich. „Am längsten war das Förderband 30 Kilometer lang.“

Die Entscheidung für die Förderbandlösung ist eine Möglichkeit, die Auswirkungen des Projekts auf die lokale Bevölkerung und die Umwelt zu verringern. Das Padastertal ist zwar unbewohnt, doch in der Nähe liegen Steinach am Brenner und andere Dörfer. Für die Menschen dort wäre es inakzeptabel gewesen, wenn über mehrere Jahre hinweg jeden Tag 100 mit Gesteinsschutt beladene Lastwagen über die Dorfstraße donnerten.

Daher wurde ein zusätzlicher Zugangsstollen vorgetrieben, eine exklusive direkte Verbindung zwischen dem Deponietal und der Tunnelbaustelle tief im Berginneren.

Über eine vier Kilometer lange Zufahrtsrampe fahren die Tiefbautrupps zum riesigen unterirdischen Baugrundstück des Brenner-Basistunnels. Vertikal fällt es mehrere hundert Meter in die Tiefe. Die aus der Tiefe heraufgeholten Gesteinssplitter wandern jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Auf Förderbändern, die weit in den Berg reichen, gelangen sie bergauf, ins Padastertal.

Ein Gebirgsbach wurde vorübergehend umgeleitet

Bis vor wenigen Jahren floss der Padasterbach durch dieses idyllische, abgelegene Seitental des Wipptals. Jetzt ist es nirgends zu sehen.

„Im Moment ist es noch eine graue Steinwüste“, räumt Reimanns Kollege Andreas Ambrosi ein. Doch er beruhigt uns schnell: Der Padasterbach ist nicht verschwunden, er wurde nur umgeleitet – und das nur für einen begrenzten Zeitraum.

Ein eigens errichteter 1.500 Meter langer Umleitungsstollen versorgt den Padasterbach mit einem temporären Flussbett. Diese Umleitung war eine gesetzlich vorgeschriebene Bedingung; Ohne sie wäre die Megadeponie an diesem Standort nie genehmigt worden. Und die Ablenkung ist nur vorübergehend.

„Dort wird bereits das neue Flussbett gebaut“, sagt Reimann und zeigt auf die riesige, 1.400 Meter lange Deponie.

In schwungvollen Kurven schlängelt sich das Bauwerk durch den vorerst noch steingrauen Deponieboden.

Der Talboden wurde um fast 80 Meter angehoben

Sobald der Durchbruch im Inneren des Berges gelungen ist, werden die Tunnelbohrmaschinen angehalten, die Förderbänder abgebaut und eine dicke Erdschicht auf dem „neuen“ Talboden verteilt. Darauf werden dann Bäume und Sträucher gepflanzt.

Der Padasterbach darf in sein neu geschaffenes Bett zurückkehren. Geplant ist ein Mix aus Bergwald, Weiden und ökologischen Ausgleichsflächen. Bereits im kommenden Jahr soll mit der Renaturierung begonnen werden.

„Wir haben also nicht nur einen riesigen Tunnel gegraben, sondern auch ein neues Tal geschaffen“, sagt Ambrosi. „Wir haben das Alttal um 70 auf fast 80 Meter angehoben“, ergänzt Reimann. Der heutige Talboden ist daher viel höher als zuvor. „Aber es bleibt ein Tal“, sagt Reimann, „es wird nur ein anderes Tal sein.“

Rettung einer blühenden Orchideenwiese

Doch kann hier in diesen sensiblen alpinen Lebensräumen wirklich alles wiederhergestellt werden, wie es vorher war?

Die Tiroler Politik hat auf strenge Umweltstandards für das Projekt gedrängt, nicht nur im Padastertal, sondern auch auf anderen Abschnitten des grenzüberschreitenden Eisenbahntunnelprojekts zwischen Österreich und Italien, Nord- und Südeuropa.

Es gab eine sehr umfangreiche und langwierige Umweltverträglichkeitsprüfung; für Projekte dieser Größenordnung in der Europäischen Union mittlerweile zum Standard geworden. Insgesamt sind rund 350 Naturschutzauflagen einzuhalten.

Einige Maßnahmen wurden vor und während des Baus umgesetzt. Bevor es losgehen konnte, musste eine detaillierte Untersuchung von Böden und Vegetation, Gewässern und Wäldern, Wildtieren, Flora und Fauna durchgeführt werden.

Geologen kartierten jeden Quadratmeter des Talbodens. Biologen und Zoologen durchkämmten das schmale Becken, identifizierten Arten und zählten Tiere und Pflanzen.

Es stellte sich heraus, dass auf dem nährstoffarmen Magerrasen dieses Alpentals eine 250 Quadratmeter große Orchideenwiese beheimatet war. Als eine der ersten Schutzmaßnahmen konnte dieser wertvolle Mikrolebensraum bereits vor Baubeginn erfolgreich „umgesiedelt“ werden. Die seltenen Orchideen wurden verpflanzt und blühen nun auf einer gleich großen Ausgleichsfläche.

Bewegende geschützte braune Langohrfledermäuse

Und dann gab es Bedenken wegen der Braunen Langohrfledermaus (Plecotus auritus). Sie gehört zur Familie der Vesperfledermäuse (Vespertilionidae) und ist eine der 24 Fledermausarten Tirols. Einige dieser Arten gelten im Alpenraum als besonders schützenswert.

Im Padastertal entdeckten Fledermausforscher insgesamt sieben Arten, darunter die Braune Langohrfledermaus. Die Rote Liste Österreichs stuft das Braune Langohr als „nicht gefährdet“ ein, es ist jedoch durch die Berner Konvention zum Schutz der europäischen Tier- und Pflanzenwelt und die Habitat-Richtlinie der Europäischen Union (92/43/EWG) geschützt. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, einen „günstigen Erhaltungszustand“ aufrechtzuerhalten.

Nach der umfassenden Fledermausuntersuchung wurden in der Umgebung zahlreiche Nistkästen aufgestellt – weit genug von der Deponie entfernt und dennoch nah genug, dass die Braunen Langohren das Angebot zum Umzug finden und annehmen können.

Für die nachtaktiven Insektenjäger mit ihren Ultraschallgeräten war das kein Problem: Bleibt der soziale Zusammenhalt und ein günstiges Klima erhalten, gelten Fledermäuse unter Experten als anpassungsfähig, wenn es um Quartierwechsel geht.

Die Zukunftsvision für Padaster Valley

Flussbettmanagement, Orchideenrettung, Fledermausumsiedlung, Wiederaufforstung und Renaturierung: Im Padastertal wurde und wird viel getan, um die Auswirkungen dieses riesigen Bauvorhabens auf natürliche Kreisläufe und das ökologische Gleichgewicht abzumildern.

Das Padastertal liegt zwischen 1.100 und 1.500 Metern Seehöhe und erstreckt sich weit hinauf in die Tiroler Bergwelt. In der Umgebung gibt es viele Wanderwege.

Sobald die Bauarbeiten abgeschlossen sind und das Tal renaturiert ist, wird mit einer Wiederbelebung des Tourismus gerechnet.

Zunächst braucht es Geduld und Zeit, bis die grauschwarze Trümmernarbe mit tatkräftiger Hilfe von Förstern, Landschaftsplanern, Ingenieuren, Hydrologen, Geologen, Landschaftsarchitekten – und der Natur selbst – wieder verheilt.

Für den Tag, an dem das Tal endlich wiederhergestellt ist, hat Ambrosi eine Idee: Gemeinsam den Wanderweg abwandern, genau diesen Ort aufspüren und sich zu einem entspannten Picknick hinsetzen. Reimann gefällt der Plan. „Natürlich, lass es uns machen“, sagt er und um seine Augen bilden sich Lachfältchen. „In 10 Jahren wird das ein uriges Biotop sein. Niemand wird glauben, dass es hier einmal eine riesige Baustelle gab.“

Nur ein Teil eines größeren Bildes

Das Padastertal ist nur eine von vielen Renaturierungs- und Ausgleichsmaßnahmen im Zusammenhang mit Europas größter Baustelle, dem Brenner Basistunnel.

Insgesamt werden in Italien und Österreich 21,5 Millionen Kubikmeter Aushubmaterial aufgeschüttet – das entspricht der Größe von acht Cheops-Pyramiden. Ein Teil davon wird für die Betonproduktion wiederverwendet; Der Rest verteilt sich auf die Deponien Padastertal, Ahrental, Ampass, Genauen und Hinterrigger. Jede einzelne Fläche wird rekultiviert oder renaturiert.

Als eine von 200 ökologischen Ausgleichsmaßnahmen wurde der Wald- und Moorkomplex Tantegert revitalisiert. Allein in Österreich sind 140 Hektar Ausgleichsflächen geplant. Darüber hinaus werden Fischwanderhilfen gebaut (z. B. am Gschnitzbach), Wehre abgetragen (an der Sill in Innsbruck), Auen angelegt und geologische Lehrpfade sowie Spazier- und Wanderwege angelegt. In der Nähe von Franzensfeste wurden auf ehemaligen Baustellen 50.000 Pflanzen aufgestellt.

Doch für eine Bilanz ist es noch zu früh. Einige der Rekultivierungs- und Renaturierungsmaßnahmen können bereits als Erfolge verbucht werden. Doch in anderen Abschnitten, etwa im Padastertal, steht die Reparatur der Natur gerade erst am Anfang.

Eines ist klar: Die enge Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsbehörden wie dem Land Tirol, unabhängigen Experten und dem Bauunternehmen Brenner Basistunnel sorgt dafür, dass der Naturschutz in den Alpen ernst genommen wird.