Bis zu zehn Jahre krankgeschrieben: Was hinter dem Lehrermangel in Deutschland steckt

Zu Beginn des neuen Schuljahres stehen viele deutsche Schulen vor einer akuten Personalkrise: In mehreren Fächern fehlen Lehrkräfte und lange Krankenstände verschärfen die ohnehin schon angespannte Lage noch weiter.

Deutschlands Schulen stecken in einer strukturellen Personalkrise. Es wurden mehr Lehrkräfte eingestellt und die Länder versuchen dem durch die Schaffung zusätzlicher Stellen, die Rekrutierung von Quereinsteigern und finanzielle Anreize entgegenzuwirken.

Dennoch gibt es vielerorts immer noch nicht genügend Personal, um den gesamten Unterricht vollständig abdecken zu können.

Insbesondere in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Physik und Chemie besteht ein chronischer Lehrermangel. Auch in der Sonderpädagogik sowie in den Bereichen Kunst und Musik besteht weiterhin ein landesweiter oder regionaler Bedarf.

Laut aktueller Hochrechnung der Kultusministerkonferenz (KMK) fehlen in Deutschland rechnerisch rund 27.000 vollqualifizierte Lehrkräfte.

Wie dramatisch die Situation in einzelnen Regionen werden kann, zeigt aktuell Brandenburg. Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) warnte im Juni, dass das Land im kommenden Schuljahr den einheitlichen Stundenplan voraussichtlich nicht mehr überall gewährleisten könne. Besonders schwierig ist die Situation in ländlichen Gebieten und in Fächern wie Biologie und Chemie.

Auch in Nordrhein-Westfalen bleibt die Lage angespannt. Obwohl das Land mittlerweile über mehr als 166.000 Lehrstellen verfügt, waren zuletzt noch mehr als 7.770 Stellen unbesetzt.

Berlin: Zehn Jahre krankgeschrieben

Berlin ist ein Beispiel dafür, wie krankheitsbedingte Ausfälle die ohnehin angespannte Personalsituation verschärfen. Nach Angaben der städtischen Bildungsverwaltung sind 380 Lehrer seit mindestens einem Jahr krankgeschrieben. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage des Abgeordneten Alexander King (BSW) hervor, über die erstmals die Berliner Morgenpost berichtete.

Darunter sind 225 Beamte und 155 angestellte Lehrer. Insgesamt beschäftigt Berlin rund 35.000 Lehrkräfte.

Konkret sind 143 beamtete Lehrer seit mindestens einem Jahr und weitere 50 seit mindestens zwei Jahren abwesend. Nach Angaben der Bildungsverwaltung sind 18 Lehrer sogar seit mindestens zehn Jahren krankgeschrieben.

Besonders betroffen sind Grundschulen: 98 Lehrer sind langfristig krankgeschrieben. An weiterführenden Schulen fehlen 54 Lehrkräfte, an Gymnasien 34 und an Berufsschulen 27.

Auch bei angestellten Lehrkräften kommt es zu Langzeitausfällen: Fünf von ihnen sind seit mindestens zehn Jahren krankgeschrieben, 16 seit mindestens fünf Jahren.

Der BSW-Abgeordnete Alexander King führt diese Entwicklung unter anderem auf die angespannte Personalsituation zurück: Eine unzureichende Personalausstattung erhöht die Arbeitsbelastung der noch im Amt befindlichen Personen und kann wiederum zu weiteren krankheitsbedingten Ausfällen führen.

Nordrhein-Westfalen: Krankenquote um die 10 Prozent

In Hessen sind nach Angaben des Bildungsministeriums rund 225 der rund 67.000 Lehrer seit mindestens einem Jahr erkrankt, 16 davon seit mehr als fünf Jahren. Als häufige Ursachen werden psychische Belastungen und körperliche Beschwerden genannt.

In Nordrhein-Westfalen waren Lehrkräfte im Jahr 2025 durchschnittlich 8,43 Prozent der Arbeitstage krankgeschrieben – mehr als in der gesamten Landesverwaltung. Besonders betroffen waren Hauptschulen mit einer Krankenquote von 9,83 Prozent.

In Sachsen-Anhalt fielen im Schuljahr 2024/25 rund 8,6 Prozent des Unterrichts aus, weil keine Deckung gewährleistet werden konnte.

Es lässt sich nicht sagen, wie viele Lehrer landesweit seit mindestens einem Jahr krankgeschrieben sind. Warum? Die Bundesländer erheben und veröffentlichen unterschiedliche Datensätze. Nordrhein-Westfalen unterscheidet beispielsweise nach der Krankheitsdauer, während andere Bundesländer andere Kategorien verwenden. Auch der Begriff „Langzeiterkrankung“ wird unterschiedlich definiert und kann in manchen Staaten für Krankheitsausfälle von mehr als 30 Tagen gelten.

Umfragen in einzelnen Bundesländern zeigen jedoch, dass es mindestens mehrere Hundert solcher Fälle gibt.

Die Zukunft: weniger Lehrer, mehr Schüler

Viele Lehrkräfte sind über 50. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Schuljahr 2024/25 genau 35,4 Prozent der Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen mindestens 50 Jahre alt. Etwa 25,4 Prozent waren zwischen 50 und 59 Jahre alt, weitere 10 Prozent waren 60 Jahre oder älter.

Das deutsche Bildungssystem steht daher in den kommenden Jahren vor einer großen Welle von Pensionierungen. Gleichzeitig dauert die Ausbildung zusätzlicher Lehrkräfte mehrere Jahre.

Der Bedarf an Lehrkräften dürfte vorerst weiter steigen. Nach Angaben der Kultusministerkonferenz gab es im Jahr 2024 knapp 11,2 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Bis 2032 soll die Zahl auf knapp 11,8 Millionen steigen, ein Plus von rund 5,3 Prozent. Danach wird erwartet, dass sie aufgrund kleinerer Geburtskohorten wieder leicht sinken wird. Bis zum Jahr 2040 wird jedoch noch mit rund 11,3 Millionen Schülern gerechnet.