Als logistisches Zentrum der NATO in Europa spielt Deutschland bereits jetzt eine Schlüsselrolle bei der Bewegung von Truppen und Nachschub im Falle eines vom Bündnis ausgerufenen Notfalls.
Ein Airbus A400M der deutschen Luftwaffe steht auf dem Rollfeld des Flughafens Berlin Brandenburg. Das Flugzeug ist aus einem Einsatzszenario in Litauen eingetroffen, wo die 45. deutsche Panzerbrigade stationiert ist, um bei der Verteidigung der Ostflanke der NATO gegen einen möglichen russischen Angriff zu helfen.
Durch die offene Heckrampe tragen Sanitäter einen verwundeten Soldaten auf einer Trage und übergeben ihn den Notfallteams von St. John Ambulance und dem maltesischen Hilfsdienst. Von dort wird er registriert und zur Behandlung in Deutschland ins Krankenhaus gebracht.
Im Moment ist es nur eine Übung.
Im Rahmen der Quadriga-Übung 2026 der Bundeswehr durchläuft die Bundeswehr gemeinsam mit zivilen Einsatzkräften die sogenannte Rettungskette für verwundete Soldaten während der Medic-Quadriga-Übung und deckt dabei den gesamten Weg vom Einsatzgebiet in Litauen bis zur Behandlung in Deutschland ab.
Die Bundeswehr bezeichnet es als die „komplexeste“ und „größte“ Sanitätsübung seit Beginn der russischen Großinvasion in der Ukraine im Jahr 2022.
„Gemeinsamer strategischer Stresstest“
Ziel der Übung ist es, die Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr zu erhöhen und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit zivilen Partnern im Gesundheitswesen, darunter St John Ambulance und der Hilfsorganisation Malteser International, zu stärken.
Erstmals wurde die gesamte militärmedizinische Evakuierungskette von der Versorgung der Verwundeten im Operationssaal in Litauen bis zur Versorgung in deutschen Krankenhäusern getestet. Eine militärische Rettungskette ist ein koordiniertes System, das eine schnelle und kontinuierliche Behandlung von Verletzten vom Verletzungsort bis zur Krankenhausversorgung gewährleisten soll.
An der Übung nahmen rund 1.250 Personen teil, darunter etwa 1.000 Militärangehörige und 250 Mitarbeiter ziviler Organisationen.
Zu den Teilnehmern gehörten das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die ADAC-Luftrettung und der Berliner Senat. Ursprünglich war der MedEvac-Airbus, quasi eine fliegende Intensivstation der Bundeswehr, für den Transport der Übungsverletzten vergangener Woche von Litauen nach Berlin vorgesehen.
Aufgrund der aktuellen Sicherheitslage im Nahen Osten war der Flug jedoch kurzfristig abgesagt worden. Das Flugzeug befindet sich derzeit in „Betriebsbereitschaft“.
Trotz der Annullierung des Fluges wurden am vergangenen Freitag mehrere Übungsopfer in ein Zentrum in der Nähe des Berliner Flughafens gebracht, wo sie registriert, medizinisch untersucht und entsprechend der Schwere ihrer Verletzungen behandelt wurden.
Wie Oberarzt Dr. Ralf Hoffmann erklärte, würden Evakuierungen im echten Notfall nicht nur auf Flugzeuge, sondern auch auf Züge angewiesen sein.
„Unser Ziel ist es, bis spätestens 2028 Züge zur Verfügung zu haben, mit denen Verwundete transportiert werden können“, sagte er.
Als Beispiel verwies er auf den Krieg in der Ukraine, wo rund 90 % der Patiententransporte auf der Schiene abgewickelt würden, was zeige, dass die Bahn zu den wichtigsten Transportmitteln in Krisengebieten gehöre.
Während der Medic Quadriga-Übung fungierte der Flughafen jedoch als zentraler Knotenpunkt der Rettungskette. Dort beginnt der Prozess mit der Prüfung, ob chemische oder biologische Wirkstoffe im Spiel waren. Bei Bedarf müssen die Verwundeten vor der ersten medizinischen Untersuchung dekontaminiert werden.
Anschließend erfolgt eine Erstuntersuchung und medizinische Triage, anschließend werden die Patienten an Notfallteams übergeben. Anschließend koordinieren sie die Weiterverlegung in nahegelegene Zivil- oder Militärkrankenhäuser. Die Verletzten werden schließlich per Krankenwagen oder Hubschrauber in Krankenhäuser in ganz Berlin und Brandenburg transportiert.
„Man kann sich nur auf das verlassen, was man geübt hat“
Hoffmann fügte hinzu: „Es ist wichtig, dass wir im Notfall eine große Zahl von Verletzten bewältigen und versorgen können.“
Im Falle eines Konflikts an der Ostflanke der NATO könnten bis zu 1.000 Opfer pro Tag aus den baltischen Staaten nach Deutschland transportiert werden müssen.
„Unsere Berechnungen zeigen, dass wir unter Berücksichtigung der Krankenhausaufenthalte rund 15.000 Akutbetten im System benötigen würden. Das ist aus meiner Sicht beherrschbar, wenn wir uns rechtzeitig darauf vorbereiten“, sagte er.
Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius, der die Übung am vergangenen Freitag besuchte, erklärte, dass die Bemühungen einem einfachen Credo folgen: „Man kann sich nur auf das verlassen, was man geübt hat. Und nur das, was man in Friedenszeiten trainiert und probt, kann man in Zeiten der Spannung und der Verteidigung meistern.“
Nach Angaben der Verteidigungsministerin dient die Übung als „gemeinsamer strategischer Stresstest“ und unterstreicht die Rolle Deutschlands als logistischer Knotenpunkt im Krisenfall aufgrund seiner zentralen Lage.
Das Logistikzentrum der NATO
Im Kriegsfall soll Deutschland zum zentralen Logistikdrehkreuz der NATO werden. Dies ist im sogenannten Operativen Plan Deutschland (OPLAN DEU) festgelegt. Dem Plan zufolge könnten im Notfall bis zu 800.000 Soldaten über deutsches Territorium an die Ostflanke der NATO verlegt werden.
Nach Angaben des Wall Street Journal handelt es sich bei OPLAN DEU um ein geheimes Dokument von rund 1.200 Seiten. Es wurde vor rund zweieinhalb Jahren in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin entworfen und wird nun „mit Hochdruck“ umgesetzt.
Ziel des Plans ist es, sicherzustellen, dass politische Entscheidungen in einer Krise oder einem Konflikt schnell, im Einklang mit verfassungsrechtlichen Verfahren und in enger Abstimmung getroffen werden können, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Das Wall Street Journal berichtet jedoch, dass die Umsetzung auf große Hindernisse stoßen könnte, darunter veraltete Infrastrukturen wie heruntergekommene Brücken, Häfen, denen ein Strukturversagen droht, Lücken in den militärischen Kapazitäten und unzureichende Koordination mit zivilen Behörden.
Rettungskette im Einsatz
Der amerikanisch-israelische Militäreinsatz gegen den Iran läuft bereits seit mehr als einer Woche und neben US-Stützpunkten im Nahen Osten spielt auch Deutschland eine Rolle: Der Luftwaffenstützpunkt Ramstein ist einer der wichtigsten Knotenpunkte des US-Militärs in Europa, auch für die medizinische Evakuierung von Verwundeten.
Es zeigt, wie eine militärische Rettungskette im Ernstfall funktionieren würde. Ähnlich wie bei einer möglichen Krise an der Ostflanke der NATO beginnt der Prozess im Einsatzgebiet, wo Sanitäter und Feldlazarette die erste Behandlung durchführen.
Schwerverletzte Soldaten werden dann im Rahmen des sogenannten „Aeromedical Evacuation Systems“ mit strategischen Transportflugzeugen – häufig Boeing C-17 Globemaster III-Flugzeugen – ausgeflogen.
Viele dieser Flüge landen zunächst auf der Ramstein Air Base. Von dort werden die Patienten in das nahegelegene Landstuhl Regional Medical Center verlegt, das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA.