Seit dem Sommer kursieren im Internet zahlreiche Berichte darüber, wie einfach es sei, sich als deutscher Staatsbürger einzubürgern. Der Cube entpackt einige dieser Behauptungen.
In einer Reihe von Online-Behauptungen wurde behauptet, Deutschland habe seine Prozesse für die Einbürgerung von Ausländern als deutsche Staatsbürger beschleunigt.
So ist beispielsweise kürzlich ein Clip wieder aufgetaucht, in dem Alice Weidel von der rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) im Juli in einem Gespräch mit der ARD zu sehen ist, in dem sie behauptet, dass Ausländer in Deutschland „turbonaturalisieren“.
„Turbo-Einbürgerung per Mausklick, dafür sind nicht einmal mehr Deutschkenntnisse nötig.“ Ist das Politik für unser Land? „Das glaube ich nicht“, sagt Weidel im Video und verweist auf eine Quote der Berliner Landesausländerbehörde, die bis zum Jahr 2025 40.000 Einbürgerungsfälle abschließen soll.
An anderer Stelle sorgte der prominente deutsche Rapper Capital Bra für Aufsehen, als er behauptete, er habe eine neue Sympathie für die AfD. Der in der Ukraine aufgewachsene Musiker begründete dies damit, dass ihm ein deutscher Pass verweigert wurde, bevor er behauptete: „Plötzlich kommen Leute hierher, leben einen Monat hier und bekommen einen deutschen Pass.“
„Turbo-Einbürgerung“?
Die meisten irreführenden Behauptungen über das Einbürgerungsverfahren in Deutschland gehen auf die Entscheidung der früheren Regierung zurück, ihre Gesetze zum Verfahren zur Einbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland zu reformieren.
Im Jahr 2024 ermöglichte ein von der Dreiparteienkoalition aus SPD, Grünen und FDP verabschiedetes Gesetz Ausländern in Deutschland den Erwerb eines deutschen Passes ohne Aufgabe der bisherigen Staatsbürgerschaft und verkürzte die Aufenthaltserfordernis von acht auf fünf Jahre.
Bisher war die doppelte Staatsbürgerschaft für Nicht-EU-Bürger in Deutschland nicht möglich, sodass Ausländer, die Deutscher werden wollten, bis auf Ausnahmefälle auf ihre bisherige Staatsangehörigkeit verzichten mussten.
Allerdings gelten für das Verfahren entgegen aller Behauptungen strenge Regeln: Ausländer müssen seit fünf Jahren rechtmäßig in Deutschland leben, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung besitzen, nachweisen, dass sie für ihren Lebensunterhalt sorgen können sowie einen B1-Sprach- und Einbürgerungstest bestehen.
Darüber hinaus müssen sie über eine eindeutige Vorstrafe verfügen, sich zur demokratischen Grundordnung Deutschlands bekennen, die Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen der Nazis anerkennen und sich zum Schutz jüdischen Lebens bekennen.
Ebenfalls im Jahr 2024 führte die Regierung ein „Fast-Track“-Angebot für besonders gut integrierte Ausländer ein. Diese Ausländer können bereits nach drei Jahren in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen, wenn sie über gute Deutschkenntnisse auf dem Niveau C1 oder höher verfügen und neben allen anderen Voraussetzungen überdurchschnittliche Leistungen in Beruf, Schule oder ehrenamtlichem Engagement vorweisen können.
Diese „Fast-Track“- bzw. „Turbo-Einbürgerung“ wurde im Oktober 2025 durch eine Bundestagsabstimmung der CDU und der SPD abgeschafft, sodass die Behauptungen von Weidel im Clip überholt sind.
Dennoch nutzten nur wenige in Deutschland lebende Ausländer jemals den sogenannten Fast-Track: Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass im Jahr 2024 nur 7 % aller Einbürgerungen diesen Weg nutzten.
Gibt es eine Quote für Einbürgerungen?
Eine von Weidels Behauptungen über das von der Berliner Ausländerbehörde (LEA) festgelegte Ziel von 40.000 Einbürgerungen trifft tatsächlich zu.
Im Januar dieses Jahres gab Berlins Innensenatorin Iris Spranger bekannt, dass das Land sein Vorjahresziel von 20.000 übertroffen habe und setzte das hohe Ziel für das nächste Jahr.
Weidels Behauptung fehlt jedoch der Kontext. Im Januar 2024 wurden alle Einbürgerungen in Berlin zentralisiert und von einer Stelle abgewickelt. Bisher wurden Einbürgerungsanträge von den Ämtern der zwölf Berliner Bezirke bearbeitet.
Diese Ämter hatten einen Rückstand von rund 40.000 unbearbeiteten Fällen angehäuft. Der Grund für diese hohen Zielvorgaben des Amtes liegt also unter anderem in der Beseitigung des angesammelten Rückstaus an Fällen und nicht, wie Weidel vermutete, in einer fehlenden Regelung zur Bearbeitung deutscher Reisepässe für Ausländer.
Nach Angaben der LEA hat das Amt auch die Digitalisierung seiner Systeme bis Mitte 2024 abgeschlossen, wodurch der Prozess erheblich beschleunigt werden konnte, was den starken Anstieg der bearbeiteten Anträge bis Ende 2024 und den prognostizierten Anstieg im Jahr 2025 erklärt.
Allerdings ist es insgesamt so, dass die Zahl der Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, in den letzten Jahren gestiegen ist. Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als 290.000 Staatsbürgerschaften verliehen, ein deutlicher Anstieg von 46 % gegenüber dem Vorjahr.
Zumindest ein Teil dieses Anstiegs wurde auf die Zahl der Syrer zurückgeführt, die im Jahr 2023 oder 2024 die Möglichkeit zur Einbürgerung erhielten. Der Großteil der Syrer in Deutschland kam 2015 und 2016 als Flüchtlinge an und hätte somit in den vergangenen beiden Jahren die bisherige Aufenthaltserlaubnis von acht Jahren erfüllt.
Kann man in einem Monat einen deutschen Pass bekommen?
Entgegen der Behauptung von Capital Bra kann man als Ausländer nicht in einem Monat einen deutschen Pass bekommen.
Mindestens fünf Jahre legal in Deutschland zu leben ist eine Grundvoraussetzung für die deutsche Staatsbürgerschaft.
Heidi Schairer, eine auf Einbürgerungen spezialisierte Anwältin für Einwanderungsfragen, sagte gegenüber dem Verifizierungsteam The Cube von The European Circle, dass es nur eine Ausnahme von der Fünf-Jahres-Anforderung gebe: Ehegatten deutscher Staatsbürger können mit dem Verfahren nach drei Jahren Aufenthalt beginnen, sofern sie mindestens zwei dieser Jahre mit einem deutschen Staatsbürger verheiratet waren.
Andernorts kann man in Ausnahmefällen vielleicht rechtfertigen, die Bearbeitungszeiten seiner Anträge zu verkürzen, aber das ist bei weitem nicht die Regel.
„Wenn zum Beispiel jemand aus Polen in die deutsche (Fußball-)Nationalmannschaft will und in einem halben Jahr die Welt- oder Europameisterschaft ist, ist das ein triftiger Grund“, sagte Schairer.
„Noch ein Beispiel: Jemand, der kurz vor dem Beamtendasein steht. Manche Regeln für Beamte werden nächstes Jahr restriktiver, viele wollen schnell eingebürgert werden, damit sie eingestellt werden können“, sagte sie. „Das ist auch ein Grund zur Beschleunigung.“
Auch im Ausland lebende Personen, die Nachkommen deutscher Staatsangehöriger sind, können einen Antrag auf Einbürgerung stellen, allerdings erfolgt dieser Prozess nach gesonderten Regeln und ermöglicht dennoch keine Einbürgerung innerhalb eines Monats.
Für die überwiegende Mehrheit der Ausländer, die einen Antrag stellen möchten, gelten die fünfjährigen Aufenthaltserfordernisse und die anschließenden Wartezeiten für die Bearbeitung.