Forscher warnen, dass eine Verlagerung der deutschen Stahlproduktion ins Ausland zu einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro pro Jahr führen könnte.
Die deutsche Stahlindustrie befinde sich in einer „existenziellen Krise“, warnte Bundeskanzler Friedrich Merz und kündigte einen Wandel hin zu mehr wirtschaftlicher Eigenständigkeit in Europa an. Er sprach zusammen mit Finanzminister Lars Klingbeil im Anschluss an einen Gipfel im Kanzleramt am Donnerstag, bei dem es darum ging, Wege zur Sicherung der Zukunft des Sektors zu finden.
Herr Klingbeil sagte, wenn Deutschland erhebliche Investitionen in seine Verteidigungsindustrie tätige, müsse es auch in der Lage sein, europäischen und inländischen Zulieferern Vorrang einzuräumen.
„Ein bisschen mehr ‚Buy European‘, ein bisschen mehr europäischer Patriotismus – ich denke, das würde helfen“, sagte er gegenüber Reportern.
Bundeskanzler Merz sagte, er werde einen EU-Plan zum Schutz der Stahlindustrie der Union unterstützen und fügte hinzu, dass eine gemeinsame deutsch-französische Initiative in Arbeit sein könnte.
Mehr als eine halbe Million Menschen sind in Deutschland in Funktionen rund um die Stahlproduktion beschäftigt – vom Lieferanten bis zum Kunden. Steigende Energiekosten und Billigimporte haben dazu geführt, dass die Branche Schwierigkeiten hat, wettbewerbsfähig zu bleiben.
50 Milliarden Euro gefährdet
Die Stahlproduktion in Deutschland ist stark von hohen Temperaturen abhängig und daher besonders anfällig für steigende Energiepreise. Dies hat zur Folge, dass deutscher Stahl im Vergleich zu Importen immer weniger konkurrenzfähig wird.
Im schlimmsten Fall könnte das Land seinen Status als Industriestandort verlieren und Unternehmen würden ihre Produktion ins Ausland verlagern. Eine von der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegebene Studie der Universität Mannheim warnte davor, dass eine solche Verlagerung der deutschen Wirtschaft jährlich bis zu 50 Milliarden Euro an Wertschöpfung kosten könnte.
Die Forscher schätzten, dass bei einem Zusammenbruch der heimischen Produktion mindestens 30.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Sie sagten, Schlüsselsektoren wie die Metallverarbeitung, der Maschinenbau und die Elektrotechnik sowie die Automobilindustrie würden mit deutlich höheren Kosten rechnen müssen, wenn sie auf importierten Stahl angewiesen wären.
Um die Industriekapazitäten zu sichern, empfiehlt die Studie, in Deutschland eine jährliche Stahlproduktion von rund 40 Millionen Tonnen aufrechtzuerhalten, um die Nachfrage langfristig zuverlässig decken zu können.
US-Zölle und chinesische Subventionen
Während die deutsche Wirtschaft weiterhin stagniert, hat China Subventionen in Rekordhöhe in seine Stahlindustrie gesteckt. Das Ergebnis ist eine massive Ausweitung der Produktionskapazitäten, die es chinesischen Unternehmen ermöglicht, Stahl zu äußerst wettbewerbsfähigen Preisen auf dem Weltmarkt zu verkaufen.
Die USA reagierten mit hohen Einfuhrzöllen. Seit Inkrafttreten der Handelspolitik von Präsident Donald Trump unterliegen Stahlimporte zusätzlichen Zöllen – darunter ein 50-prozentiger Zoll auf europäischen Stahl –, was die deutschen Exporteure vor große Herausforderungen stellt.
Obwohl die Europäische Union der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt ist, entfallen nach Angaben des Branchenverbands Eurofer nur etwa 14 % der weltweiten Produktion auf sie. Asien dominiert den Sektor und produziert rund drei Viertel des weltweiten Rohstahls, wobei Deutschland weiterhin der führende Produzent der EU ist.
Allerdings ist die europäische Stahlproduktion stetig zurückgegangen. Eurofer-Daten zeigen, dass die Rohstahlproduktion in der EU im Jahr 2024 von rund 170 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 130 Millionen Tonnen zurückgegangen ist. Auch Deutschland verzeichnete ein schwaches Jahr für die Stahlproduktion, und Ende 2024 kündigte sein größter Produzent Thyssenkrupp Pläne zum Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen an.
EU fordert strengere Handelsmaßnahmen
Aufgrund des schleppenden Wirtschaftswachstums ist die Nachfrage nach Stahl in ganz Europa in den letzten Jahren zurückgegangen.
Dennoch warnen Branchenanalysten, dass die chinesischen Exporte in die EU weiter zunehmen könnten, da Peking Stahl, der ursprünglich für die USA bestimmt war, umleitet, wo nun höhere Zölle gelten.
Untersuchungen der EU-Kommission haben ergeben, dass einige chinesische Stahlprodukte – etwa verzinnte und organisch beschichtete Sorten – in Europa unter ihren Produktionskosten verkauft wurden, was zur Einführung von Antidumpingzöllen führte. Brüssel hat die Situation als unlauteren Wettbewerb bezeichnet.
Anfang Oktober schlug die Europäische Kommission eine Ausweitung und Verschärfung der Zölle auf Stahl vor. Dem Plan zufolge würde die Quote für zollfreie Einfuhren halbiert, während die Zölle auf überschüssige Einfuhren auf 50 % steigen könnten. Der Vorschlag bedarf noch der Zustimmung sowohl des Europäischen Parlaments als auch der EU-Mitgliedstaaten.
Deutschlands Optionen: Energiekosten auf dem Prüfstand
Deutschland hat nur begrenzten Einfluss auf die globale Handelsdynamik, könnte aber durch die heimische Energiepolitik Abhilfe schaffen. Ein Vorschlag ist die Einführung eines Industriestrompreises, der darauf abzielt, die Kosten für energieintensive Sektoren wie die Stahlindustrie zu senken.
Gewerkschaften und Branchenführer haben die Regierung zu schnellem Handeln aufgefordert. Die mächtige IG Metall fordert die im Koalitionsvertrag vorgesehene Einführung eines Industriestromtarifs von fünf Cent pro Kilowattstunde ab dem 1. Januar 2026.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bestätigte diese Woche, dass im Jahr 2026 ein niedrigerer Industriestrompreis in Kraft treten werde, Einzelheiten zu den Kosten und zur Umsetzung müssen jedoch noch bekannt gegeben werden.
Die Industrie fordert günstigere Energie und grüne Investitionen
Auch die Wirtschaftsvereinigung Stahl hat die Regierung aufgefordert, für wettbewerbsfähige Strompreise für die Hersteller zu sorgen. An dem Gipfeltreffen am Donnerstag im Kanzleramt nahmen Gewerkschafts- und Unternehmensvertreter teil.
Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnten deutsche Unternehmen durch einen Industriestrompreis bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Ökonomen warnen jedoch davor, dass die Auswirkungen begrenzt wären, wenn die Maßnahme wie derzeit vorgeschlagen nur für drei Jahre angewendet würde.
Auch Forscher der Universität Mannheim forderten in ihrer aktuellen Studie größere Investitionen in Anlagen, die klimafreundlicheren Stahl produzieren können. Obwohl der Übergang kostspielig sei, sagten sie, es sei immer dringlicher, die CO2-Emissionen der Industrie zu reduzieren.
„Ein Ende der Stahlproduktion in Deutschland würde die gesamte Industriebasis des Landes erheblich gefährden – mit schwerwiegenden Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und politische Stabilität“, sagte Jürgen Kerner, stellvertretender Vorsitzender der IG Metall, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Bund und Länder müssten „alles tun“, um die deutsche Stahlindustrie zu sichern und zukunftsfähig zu machen, sagte Kerner.