Während wir auf die Weltwoche zur Aufklärung über antimikrobielle Resistenzen blicken, war die Diskussion über antimikrobielle Resistenzen (AMR) noch nie so dringend. Europaweit sterben jedes Jahr 35.000 Menschen, weil Infektionen durch Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten nicht mehr auf Antibiotika und andere antimikrobielle Medikamente ansprechen (1). Ohne entschlossenes Handeln wird diese Zahl bis 2050 voraussichtlich 90.000 erreichen (2).
AMR ist nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine wirtschaftliche Krise, die den EU-Ländern jedes Jahr schätzungsweise 12 Milliarden Euro an Gesundheits- und Produktivitätsverlusten kostet (3). Politische Entscheidungsträger auf globaler, europäischer und nationaler Ebene haben wichtige Fortschritte gemacht – von der Empfehlung des EU-Rats zu AMR (2023) bis zur politischen Erklärung der Vereinten Nationen zu AMR (2024). Doch einem entscheidenden Element fehlt noch immer die Aufmerksamkeit, die es verdient: der Infektionsprävention.
Warum Prävention im Kampf gegen AMR wichtig ist
Trotz der Fortschritte im Bewusstsein über Antibiotikaresistenzen werden weiterhin Antibiotika verschrieben, wenn sie unnötig sind. Schätzungsweise 83 % der Erwachsenen mit viralen Atemwegsinfektionen (RTIs) wie der Grippe erhalten immer noch Antibiotika, obwohl bekannt ist, dass diese Medikamente keine Wirkung auf Viren haben. (4) Antibiotika werden auch häufig bei anderen weltweit sehr häufigen Infektionen verschrieben. Beispielsweise werden sie in etwa 85 % der Fälle von Harnwegsinfektionen (HWI) verschrieben (5), wobei mehr als die Hälfte der Patienten aufgrund bakterieller Resistenzen zu einem Behandlungswechsel gezwungen sind (6). Übermäßige Verschreibung und Missbrauch von Antibiotika beschleunigen den Resistenzkreislauf und gefährden sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft insgesamt.
Die Reduzierung der Infektionszahlen ist ein entscheidender Faktor, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Jedes erneute Auftreten ist nicht nur eine weitere Runde negativer Belastung – es setzt den übermäßigen Einsatz von Antibiotika fort, schürt bakterielle Resistenzen und stellt eine Belastung für Familien, Betreuer und Gesundheitssysteme dar. Indem wir weitere Infektionen verhindern, können wir diese Belastung verringern und so zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen beitragen. Es wäre auch wirtschaftlich sinnvoll: Wie ein aktueller WHO-Bericht zeigt, führen Investitionen in Hygienemaßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle zu einem hohen Return on Investment, der das 5- bis 25-fache der ursprünglichen Investition beträgt (7).
Ein ganzheitlicher Ansatz zur Infektionsprävention
Prävention ist oft eng definiert und konzentriert sich auf Impfungen, Hygiene- und Hygienemaßnahmen. Dies sind wesentliche Grundlagen, aber sie stellen nur einen Teil der Lösung dar.
Um das Präventionsinstrumentarium über diese Routinemaßnahmen hinaus zu erweitern, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich. Beispielsweise können prophylaktische Impfstoffe, passive Immunisierung, Dekolonisierungsansätze und Immunmodulatoren, die das Immunsystem stärken, dazu beitragen, die Zahl der Infektionen und den Einsatz von Antibiotika in allen Gesundheitssystemen zu verringern, was für die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen von entscheidender Bedeutung ist.
Gleichzeitig sind Bildung und Ausbildung von zentraler Bedeutung. Angehörige der Gesundheitsberufe benötigen kontinuierliche Unterstützung, um eine verantwortungsvolle Verschreibung zu gewährleisten, während öffentliche Sensibilisierungskampagnen den Bürgern helfen können, zu verstehen, wann Antibiotika unnötig sind.
Dieser ganzheitliche Ansatz sollte in zukünftigen Strategien und Leitlinien Priorität haben, einschließlich der neuen EU-Leitlinien zur Infektionsprävention und -kontrolle, die sich derzeit in der Entwicklung befinden.
Prävention in den Mittelpunkt des europäischen Ansatzes zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen stellen
Prävention ist keine Nebenstrategie – sie ist die Grundlage einer wirksamen AMR-Reaktion. Während sich die politischen Entscheidungsträger auf die Weltwoche zur Aufklärung über antimikrobiologische Resistenzen vorbereiten, muss Europa die Gelegenheit nutzen, weltweit eine Führungsrolle zu übernehmen, indem es die Prävention in den Mittelpunkt seines Ansatzes zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen stellt. Dazu gehört die Erweiterung des Verständnisses der Infektionsprävention und -kontrolle sowie die Integration alternativer Präventionsstrategien, wie z. B. Therapien, die das Immunsystem stärken, in relevante Richtlinien.
(1) Europäisches Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten (2022), Bewertung der gesundheitlichen Belastung durch Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien in der EU/EWR, 2016–2020.
(2) Europäische Kommission (2024). Politische Erklärung der UN-Generalversammlung: Eine globale Verpflichtung zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen (AMR).
(3) OECD (2025), Antimikrobielle Resistenz.
(4) Van Houten et al. (2019), Antibiotikamissbrauch bei Atemwegsinfektionen bei Kindern und Erwachsenen – Eine prospektive, multizentrische Studie (maßgeschneiderte Behandlung)
(5) Pujades et al. (2019), Infektionen der unteren Harnwege: Management, Ergebnisse und Risikofaktoren für die erneute Verschreibung von Antibiotika in der Primärversorgung.
(6) Olson et al. (2009), Antibiotikaresistenz in Urinisolaten von Escherichia coli von College-Frauen mit Harnwegsinfektionen
(7) WHO (2025) Faktenblatt: Argumente für Investitionen und Maßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle