Vom Doomscrolling zur Nomophobie: Neue Bedingungen des digitalen Zeitalters verändern unser Gehirn

Doomscrolling, Nomophobie, FOMO und Social-Media-Sucht: die neuen digitalen Störungen, was sie bedeuten und wann Smartphones zum Problem werden

Können Sie nicht fünf Minuten lang nicht auf Ihr Telefon schauen? Öffnen Sie Instagram „nur für eine Sekunde“ und stellen Sie fest, dass Sie eine halbe Stunde später immer noch da sind? Wachen Sie nachts auf und überprüfen als Erstes Ihre Benachrichtigungen? Oder scrollen Sie ständig durch schlechte Nachrichten, obwohl Sie genau wissen, dass sie Ihnen Angst machen?

Willkommen im Zeitalter neuer digitaler Süchte.

Experten betonen, dass es nicht darum gehe, Smartphones, soziale Netzwerke oder Videospiele zu verteufeln. Die digitale Welt ist mittlerweile Teil unseres Lebens und kann enorme Vorteile bringen. Das Problem beginnt, wenn der Konsum schwer zu kontrollieren ist und Schlaf, Arbeit, Studium, Beziehungen oder körperliche Aktivität verdrängt.

Und die Forschung beginnt, vielen dieser Verhaltensweisen einen Namen zu geben.

Die erste echte Diagnose: Spielstörung

Eine Unterscheidung ist entscheidend. Nicht alles, was als „Smartphone-Sucht“ bezeichnet wird, ist offiziell eine Krankheit.

Die Weltgesundheitsorganisation hat jedoch in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-11 eine Spielstörung anerkannt.

Das bedeutet nicht, dass viel Spielen automatisch eine Krankheit ist. Bei der Störung geht es darum, die Kontrolle über das Spielen zu verlieren, dem Spielen eine wachsende Priorität gegenüber anderen Aktivitäten einzuräumen und das Verhalten trotz negativer Konsequenzen fortzusetzen. Um eine Diagnose zu stellen, müssen erhebliche Auswirkungen auf das persönliche, familiäre, soziale, schulische oder berufliche Leben vorliegen, in der Regel für mindestens 12 Monate.

Und es betrifft eine Minderheit der Spieler, nicht jeden, der ein paar Stunden vor einer Konsole verbringt.

Social-Media-Süchtige: Wenn endloses Scrollen das Problem ist

Hier wird das Bild unschärfer.

Social-Media-Sucht, in der Forschung oft als problematische Social-Media-Nutzung oder Social-Media-Nutzungsstörung bezeichnet, ist derzeit keine eigenständige ICD-11-Diagnose wie die Spielstörung.

Aber das Phänomen wurde mittlerweile umfassend untersucht.

Die Anzeichen sind ziemlich intuitiv: Aufhören wollen und es nicht schaffen, mehr Zeit online verbringen als geplant, das starke Bedürfnis verspüren, soziale Medien zu checken, andere Aktivitäten vernachlässigen, gereizt werden, wenn man nicht auf Plattformen zugreifen kann, oder sie trotz der damit verbundenen Probleme weiterhin nutzen.

Die American Psychological Association fordert die Menschen dringend auf, genau auf diese Verhaltensweisen zu achten, insbesondere bei Teenagern.

Und die Zahlen sind frappierend. Laut der jüngsten großen Umfrage zum Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter (HBSC), die von der Weltgesundheitsorganisation in Europa unter fast 280.000 jungen Menschen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern und Regionen durchgeführt wurde, zeigen 11 % der Jugendlichen Anzeichen einer problematischen Nutzung sozialer Medien, verglichen mit 7 % im Jahr 2018. Bei Mädchen steigt der Anteil auf 13 %, bei Jungen sinkt er auf 9 %.

FOMO: die Angst, der Einzige zu sein, der es nicht weiß

Eine der mächtigsten Fallen der sozialen Medien hat mittlerweile einen äußerst bekannten Namen: FOMO, Fear Of Missing Out.

Es ist dieses Gefühl, das einen zum Nachdenken bringt: „Was ist, wenn in der Zwischenzeit etwas passiert ist?“

Deshalb checken wir WhatsApp, Instagram, TikTok, die Nachrichten und Chats, auch wenn wir keinen wirklichen Grund dazu haben.

FOMO ist keine psychiatrische Diagnose. Es handelt sich jedoch um ein psychologisches Phänomen, das im Zusammenhang mit der problematischen Nutzung des Internets und sozialer Medien untersucht wird. Eine 2024 veröffentlichte Studie untersuchte genau den Zusammenhang zwischen FOMO, problematischer Social-Media-Nutzung und Doomscrolling und kam zu dem Ergebnis, dass Mechanismen zur Emotionsregulation eine wichtige Rolle spielen.

Mit anderen Worten: Je mehr wir das Gefühl haben, dass wir digitale Tools brauchen, um mit Ängsten, Langeweile oder unangenehmen Emotionen umzugehen, desto größer ist die Gefahr, dass wir in einen Teufelskreis geraten.

Doomscrolling: Warum wir immer wieder schlechte Nachrichten lesen

Es ist wahrscheinlich eines der charakteristischsten Phänomene der Smartphone-Ära.

Unter Doomscrolling versteht man den zwanghaften Konsum negativer Nachrichten: Kriege, Katastrophen, Krisen, Unfälle, Krankheiten, Skandale. Eine Geschichte führt zur nächsten und Ihr Finger scrollt weiter.

Das Paradox liegt auf der Hand: Wir suchen nach Informationen, um uns besser vorbereitet zu fühlen, und fühlen uns am Ende oft noch ängstlicher.

Auch Doomscrolling ist keine eigenständige medizinische Diagnose, aber es ist zu einem Schwerpunkt der Forschung zu problematischem Online-Verhalten geworden. Studien haben es mit FOMO und Schwierigkeiten bei der Regulierung von Emotionen in Verbindung gebracht.

Und es kann zu einer weiteren Falle werden: Je besorgter wir sind, desto mehr Informationen suchen wir; Je mehr negative Informationen wir konsumieren, desto größer werden unsere Sorgen.

Nomophobie: Wenn das Telefon weg ist, kommt die Angst

„Nomophobie“ ist ein Wort, das von der No-Mobile-Phobie abgeleitet ist.

Es bedeutet nicht einfach „Ich ärgere mich, dass ich mein Telefon zu Hause gelassen habe“. Mit diesem Begriff wird das Unbehagen oder die Angst beschrieben, die mit dem Fehlen eines Smartphones, dem Verlust der Verbindung oder der Unfähigkeit, auf Informationen und digitale Beziehungen zuzugreifen, verbunden sind.

Auch hier gilt es, mit Worten vorsichtig zu sein: Es handelt sich nicht um eine offizielle Einzeldiagnose.

Aber es handelt sich um ein untersuchtes Phänomen, das zunehmend mit anderen problematischen Verhaltensweisen verknüpft ist. Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Studie analysierte Nomophobie, Social-Media-Sucht und FOMO gemeinsam und identifizierte die Angst vor fehlenden Informationen als eine der wichtigsten Brücken zwischen diesen Phänomenen und Symptomen von Angstzuständen und Depressionen.

Kurz gesagt, das Telefon kann zu einer Art „Sicherheitsobjekt“ werden: Wenn wir es haben, ist alles in Ordnung. Wenn es verschwindet, und sei es auch nur für ein paar Minuten, fühlt sich etwas falsch an.

Phantomvibration: Das Telefon vibriert, auch wenn es nicht vibriert

Waren Sie schon einmal sicher, dass Ihr Telefon in Ihrer Tasche vibrierte, um es dann herauszunehmen und festzustellen, dass keine Benachrichtigung eingetroffen ist?

Dies wird als Phantomvibrationssyndrom oder Phantomvibrationssyndrom bezeichnet.

Dabei handelt es sich nicht um eine anerkannte Krankheit, sondern um ein untersuchtes Wahrnehmungsphänomen: Das Gehirn kann winzige körperliche Reize als Telefonvibrationen interpretieren, insbesondere wenn wir es gewohnt sind, ständig auf Benachrichtigungen zu warten.

Es ist fast die digitale Version von „Ich höre, wie mich jemand ruft“, wenn niemand angerufen hat.

Und dann gibt es noch die Smartphone-induzierte Schlaflosigkeit

Das Problem ist nicht nur, wie viel Zeit wir online verbringen. Es ist, wenn wir es tun.

Scrollen im Bett erscheint harmlos: „Ich schaue mir einfach zwei Videos an und schlafe dann.“ Das Problem ist, dass aus diesen beiden Videos zwanzig Minuten, eine Stunde oder noch viel mehr werden können.

Die APA stellt fest, dass die Nutzung von Technologie kurz vor dem Schlafengehen und insbesondere von sozialen Medien mit Schlafstörungen bei Jugendlichen verbunden ist.

Und eine im Jahr 2025 veröffentlichte Längsschnittstudie fand einen Zusammenhang zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und späteren depressiven und ängstlichen Symptomen, wobei Schlafprobleme offenbar eine teilweise Rolle bei diesem Zusammenhang spielen. Die Autoren selbst betonen jedoch, dass der Zusammenhang komplex sei und nicht automatisch als Ursache und Wirkung gelesen werden dürfe.

Die praktische Erkenntnis ist leicht zu verstehen: Wenn das Telefon uns den Schlaf raubt, liegt das Problem nicht mehr nur in der Zeit, die wir vor dem Bildschirm verbringen.

Soziale Medien und der Körper: die physische Wirkung

Bei der digitalen Revolution geht es nicht nur um das Gehirn.

Stundenlanges Sitzen vor einem Bildschirm kann zu weniger Bewegung, mehr sitzendem Verhalten, Überanstrengung der Augen und Muskel-Skelett-Problemen führen, die mit dem Beibehalten derselben Körperhaltung über längere Zeiträume verbunden sind.

Der sogenannte Tech-Nacken, der „Smartphone-Nacken“, ist heute ein gebräuchlicher Ausdruck für die Schmerzen und Verspannungen, die mit der Haltung einhergehen, wenn man den Kopf in Richtung des Geräts neigt. Es ist keine neue medizinische Diagnose, sondern beschreibt ein ganz konkretes Problem: Wir verbringen immer mehr Zeit mit gebeugtem Hals über einem Bildschirm.

Bei der Erörterung der Auswirkungen einer problematischen Nutzung von Technologie und Spielen hebt die WHO auch Bewegungsmangel, Muskel-Skelett-Probleme, Schlafstörungen und Sehstörungen hervor.

Das Gehirn ist nicht „krank“: Es ist das Verhalten, das problematisch wird

Und das ist vielleicht der wichtigste Unterschied.

Wir sollten nicht jede digitale Gewohnheit zur Diagnose machen.

Eine Stunde lang TikTok zu schauen, am Wochenende ein Videospiel zu spielen, Instagram zu checken oder die Nachrichten zu lesen, bedeutet nicht unbedingt, süchtig zu sein. Quantität allein reicht nicht aus.

Was wirklich den Unterschied macht, ist die Kontrolle und die Auswirkung auf das tägliche Leben. Die zu stellende Frage lautet daher nicht nur: „Wie viele Stunden verbringe ich mit meinem Telefon?“ Vielmehr heißt es: „Kann ich aufhören, wann ich will? Und was opfere ich, um weiterzumachen?“

Wenn das Telefon anfängt, Schlaf, Arbeit, Studium, Beziehungen, Sport oder das wirkliche Leben zu beeinträchtigen, wird der Warnton viel ernster.

Die neue Grenze: eine mögliche „Social-Media-Sucht“?

Die Forschung treibt weiter voran.

Im Jahr 2025 schlug eine Gruppe von Forschern Kriterien für eine mögliche Klassifizierung von Social-Media-Nutzungsstörungen vor, wobei Kontrollverlust und eine Verschlechterung der Alltagsfunktionen als zentrale Elemente identifiziert wurden. Als mögliche Kriterien diskutieren sie auch eine Präferenz für Online-Interaktionen und FOMO.

Aber wir befinden uns immer noch im Bereich der Forschung und stehen nicht vor einer neuen offiziellen Diagnose.

Und genau hier liegt der zukünftige Kampf: Wir müssen verstehen, wann eine Technologie, die unsere Aufmerksamkeit fesseln soll, kein nützliches Werkzeug mehr ist und sich in ein Verhalten verwandelt, das schwer zu kontrollieren ist.

Denn das eigentliche Problem ist möglicherweise nicht das Smartphone selbst.

Vielleicht liegt es daran, dass wir eine digitale Welt aufgebaut haben, die uns alle paar Sekunden sagen kann: „Hey, sieh mich an. Du hast etwas verpasst.“