Ausländische Investitionen gelten allgemein als Schlüsselfaktor für Wirtschaftswachstum, Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Doch welche Länder gewinnen das Rennen um internationale Investoren und wie verändert sich Europas Position auf einem zunehmend wettbewerbsintensiven globalen Markt?
Ausländische Investitionen gelten allgemein als Schlüsselfaktor für Wirtschaftswachstum, Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wenn Unternehmen neue Standorte eröffnen, Fabriken bauen oder Forschungszentren errichten, bringen sie nicht nur Kapital in ein Land, sondern schaffen oft auch Arbeitsplätze und stärken lokale Lieferketten.
Dadurch hat sich der Wettbewerb um die Gewinnung internationaler Investoren verschärft. Regierungen nutzen Investitionsanreize, Steuererleichterungen und internationale Investitionsforen, um Unternehmen davon zu überzeugen, sich für ihre Märkte zu entscheiden.
Auch Frankreich hat in den letzten Jahren die Anwerbung ausländischer Investitionen zu einer zentralen Priorität gemacht. Seit 2018 fördert die Regierung das Land mit der Initiative „Choose France“.
Auf dem diesjährigen Gipfel sagte Präsident Emmanuel Macron, ausländische Unternehmen hätten Investitionen im Wert von 93 Milliarden Euro zugesagt, was der Élysée-Palast als Rekordwert bezeichnete.
Doch wie erfolgreich sind die europäischen Länder bei der Anwerbung internationaler Investoren? Welche Länder ziehen die meisten Investitionsprojekte an?
Frankreich bleibt Europas wichtigstes Investitionsziel
Um den Wettbewerb um internationale Investoren zu messen, bietet der EY Europe Attractionness Survey einen nützlichen Benchmark. Im Gegensatz zu herkömmlichen Statistiken über ausländische Direktinvestitionen (FDI), die durch große Transaktionen oder unternehmensinterne Finanzströme verzerrt sein können, erfasst die Umfrage die Anzahl einzelner Investitionsprojekte.
Dazu gehören neue Projekte, die von ausländischen Unternehmen in einem bestimmten Jahr angekündigt oder registriert wurden, wie z. B. die Eröffnung neuer Anlagen, der Bau von Produktionsstandorten oder die Erweiterung bestehender Betriebe.
Laut der neuesten Ausgabe der Umfrage wurden im Jahr 2025 europaweit 5.026 neue Investitionsprojekte angekündigt, wobei EY Europa als geografische Region und nicht als Europäische Union definiert. Der Wert ging gegenüber 2024 um 7 % zurück und markierte den niedrigsten Stand seit 11 Jahren.
Trotz eines starken Rückgangs behielt Frankreich seine Position als Europas führender Standort für ausländische Investitionen. Die Zahl der Projekte ging im Jahr 2025 um 17 % auf 852 zurück, was den größten Rückgang unter den wichtigsten Investitionszielen Europas darstellt.
Das Vereinigte Königreich belegte mit 730 Projekten den zweiten Platz, 14 % weniger als im Vorjahr.
Mit 548 Projekten blieb Deutschland Europas drittgrößtes Ziel für Auslandsinvestitionen. Der Gesamtwert ging jedoch um 10 % zurück und erreichte den niedrigsten Stand seit 2009.
Noch auffälliger ist der langfristige Trend. Im Vergleich zu 2019 ist die Zahl der Investitionsprojekte in Deutschland um 44 % zurückgegangen, ein deutlich stärkerer Rückgang als in Frankreich (-28 %) oder dem Vereinigten Königreich (-34 %).
Zu den Spitzenreitern im Jahr 2025 gehörten Spanien und die Türkei. Spanien steigerte die Zahl seiner Investitionsprojekte um 20 % auf 383 und rückte auf den vierten Platz vor. Dicht dahinter folgte die Türkei mit 376 Projekten, einem Plus von 7 %, und belegte den fünften Platz.
Polen setzte seinen Aufwärtstrend fort und verzeichnete im Jahr 2025 285 Investitionsprojekte, ein Anstieg von 10 % gegenüber dem Vorjahr. Damit war es das sechstgrößte Ziel für ausländische Investitionen in Europa. Auch die Niederlande gehörten zu den wenigen Ländern, die ein Wachstum verzeichneten, mit einem Anstieg der Projekte um 8 % auf 159.
Auch in Italien, Belgien und Portugal ging die Investitionstätigkeit zurück. Die Zahl der Projekte ging in Italien um 8 % auf 206 und in Belgien um 11 % auf 187 zurück, während Portugal 186 Projekte verzeichnete, 5 % weniger als im Vorjahr.
Wer investiert in Europa?
Die Vereinigten Staaten blieben auch im Jahr 2025 die größte Quelle ausländischer Investitionsprojekte in Europa. Amerikanische Unternehmen kündigten 943 Projekte auf dem gesamten Kontinent an und behaupteten damit ihre Position als Europas führender externer Investor.
Den zweiten Platz belegten deutsche Firmen trotz eines starken Rückgangs ihrer Investitionstätigkeit im Ausland. Im Jahr 2025 kündigten sie 484 Investitionsprojekte in anderen europäischen Ländern an, 24 % weniger als im Vorjahr. Der Rückgang war ungewöhnlich stark, da die Anzahl der Projekte in den letzten Jahren typischerweise die 600-Marke überschritten hatte.
Trotz des Rückgangs blieb Deutschland Europas größter innereuropäischer Investor. Frankreich war erneut das führende Ziel für deutsche Investitionen und zog 101 Projekte an. Die Türkei belegte erstmals den zweiten Platz vor dem Vereinigten Königreich.
Europa verliert auch global an Boden
Um die Leistung Europas in eine globale Perspektive zu rücken, lohnt es sich, einen Blick auf die Ströme ausländischer Direktinvestitionen (ADI) zu werfen. Laut dem World Investment Report 2025 der UNCTAD sanken die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen im Jahr 2024 auf rund 1,49 Billionen US-Dollar, was einem Rückgang von 11 % gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Besonders hart traf es Europa. Nach Angaben der UNCTAD zog die Region im Jahr 2024 rund 182 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen an, verglichen mit 439 Milliarden US-Dollar im Vorjahr, was einem Rückgang von 58 % entspricht.
Nordamerika lag mit einem Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in Höhe von 343 Milliarden US-Dollar an zweiter Stelle, was einem Anstieg von 23 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Asien blieb das weltweit größte Ziel für internationales Kapital und zog trotz eines leichten Rückgangs von 3 % 605 Milliarden US-Dollar an.
Allerdings gibt es bei diesen Zahlen einen wichtigen methodischen Vorbehalt. UNCTAD schließt sogenannte „Conduit-Volkswirtschaften“ wie Luxemburg, die Niederlande und Irland aus, um Verzerrungen durch Holdingstrukturen und konzerninterne Finanztransaktionen zu vermeiden.
Warum Anleger vorsichtiger werden
Laut EY war das schwache Wirtschaftswachstum in weiten Teilen Europas ein wesentlicher Faktor für den Rückgang der Investitionstätigkeit. Auch hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und ein vorsichtigeres Investitionsklima der Unternehmen belasteten die Geschäftsentscheidungen.
Handelsspannungen und Bedenken hinsichtlich möglicher neuer Zölle erhöhen den Druck auf die Investitionspläne zusätzlich.
Viele Anleger machen sich zunehmend Sorgen über die Kombination aus relativ hohen Kosten und gedämpften Wachstumsaussichten in Europa. EY weist auch auf die wachsende Frustration über die regulatorische Komplexität auf dem gesamten Kontinent hin.